Sonntag, 1. September 2019

Lest we forget (2)


"Aus der Geschichte der Völker können wir lernen, dass die Völker aus der Geschichte nichts gelernt haben." (Georg Wilhelm Friedrich Hegel)

Es ist wohl ein Generationsproblem, dass nunmehr, da sich der Beginn des zweiten Weltkrieges (ich halte am Datum 1. September 1939 fest, obwohl man mit Gründen anführen kann, der ganze Orlog habe bereits 1937 mit der Invasion Japans in China begonnen, aber das zu diskutieren, würde hier zu weit führen) zum 80. Male jährt, sich die Menschheit offenbar wieder ein wenig zu sicher fühlt. Die mahnenden Stimmen, die das Elend selbst miterleben mussten, sie werden weniger und leiser. Und werden bald schon ganz verstummen. Immer dreister wird wieder über Krieg fabuliert. Vornehmlich von denen, die ihn nicht ausfechten müssten. So hoffen sie. Aber Atomwaffen machen da keine Unterschiede.

Auch Nationalismus erhebt seit längerem wieder sein hässliches Haupt. Weil die Probleme der Welt und der Menschheit ja so viel besser gelöst werden können, wenn alle wieder die Grenzen dichtmachen und sich in ihre kuscheligen kleinen Nationalstaaten zurückziehen. Dummerweise aber nicht so konsequent sind und darauf verzichten, auch weiterhin alle Segnungen eines freien Welthandels in Anspruch zu nehmen, und das ist das Problem. Dass das griechische Parlament das Thema der Kriegsreparationen jetzt wieder aufs Tapet bringt, dann kann man das begreifen als ein verzögertes Quid pro quo für den maßgeblich vom damaligen Finanzminister Schäuble verantworteten, gnadenlosen Austeritätskurs. Wenn man in Polen das Thema auch wieder ausgräbt, dann weil die rechtsnationalistische PIS-Regierung sich national profilieren will. Hei, das wird ein Spaß!

Wer dem begegnet mit einem entschlossenen "Nie wieder!", der einzig vernünftigen Konsequenz, die sich aus dem blutigen 20. Jahrhundert ziehen lässt, muss sich längst schon wieder als naiver Träumer beschimpfen lassen, als Naivling, der nicht hart genug ist für diese Welt.

"Und den bislang gültigen Gebrauch der Namen für die Dinge vertauschten sie nach ihrer Willkür: unbedachtes Losstürmen galt nun als Tapferkeit und gute Kameradschaft, aber vordenkendes Zögern als aufgeschmückte Feigheit, Sittlichkeit als Deckmantel einer ängstlichen Natur, Klugsein bei jedem Ding als Schlaffheit zu jeder Tat; tolle Hitze rechnete man zu Mannes Art, aber behutsames Weiterberaten nahm man als ein schönes Wort zur Verbrämung der Abkehr. Wer schalt und eiferte, galt immer für glaubwürdig, wer ihm widersprach, für verdächtig. Tücke gegen andere, wenn erfolgreich, war ein Zeichen für Klugheit, sie zu durchschauen war erst recht groß, wer sich aber selber vorsah, um nichts damit zu tun zu haben, von dem hieß es, er zersetze den Bund und zittere vor den Gegnern." (Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges III)

Nichts wirklich Neues unter der Sonne also. Neu hinzugekommen ist hingegen, dass in so genannten Sozialen Netzwerke, die sich immer mehr als Organe der Gegenaufklärung entpuppen, längst eifrig an der Umdeutung des Geschehenen gearbeitet wird. Vor noch nicht allzulanger Zeit wäre das bei halbwegs informierten Menschen als komplette Lachnummer durchgegangen. Heute finden sich offenbar genug Enthirnte, die das als wissenschaftlichen Druchbruch bejubeln.

Mehr als Grund genug an das zu erinnern, was vor 80 Jahren passierte. Es ist das absolut mindeste, was man tun kann. Also:

Heute vor 80 Jahren, am 1. September 1939 marschierte die deutsche Wehrmacht in Polen ein. Daraufhin erklärten Frankreich und Deutschland den Krieg. Damit war der Krieg bereits 1939 ein europäischer, der ab 1941 dann, mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion und dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor, ein globaler wurde. Dass seit "5 Uhr 45 […] jetzt zurückgeschossen" wurde, war und bleibt eine glatte Lüge. Nach 18 Tagen war der Feldzug zu Ende. Auf deutscher Seite gab es etwa 10.000 Tote und 30.000 verletzte Soldaten. Auf polnischer Seite kamen zu den ca. 65.000 toten Soldaten noch einmal eben so viele zivile Opfer hinzu. Bereits 1939 war dieser Krieg auch ein Vernichtungskrieg. Der Wehrmacht auf den Stiefeln folgten Einsatzgruppen von Sicherheitspolizei und SD. Es kam zu ersten Misshandlungen von Juden und es wurden Synagogen in Brand gesetzt. Das alles ist gut belegt und kann als weitgehend gesichert gelten. Meinungsverschiedenheiten gibt es allenfalls in Detailfragen.

Daran zu erinnern hat nichts mit zu Kreuze kriechen zu tun oder gar mit 'Schuldkult'.

Eines noch, liebe Qualitätsmedien: Würdet ihr bitte endlich mal damit aufhören, den Beginn jenes Großkonfliktes, der später zweiten Weltkrieg anwachsen sollte, mit gestellten Propagandafotos zu illustrieren und damit der NS-Propaganda auf den Leim zu gehen? Danke, ganz lieb!





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