Dienstag, 15. Dezember 2020

Kulturelles

 
Zu den unangenehmen bis nervigen Eigenschaften des erweiterten Kulturbegriffs gehört die um sich greifende Manie, noch die banalsten Alltagsverrichtungen, die man halt so macht, zur 'Kultur' hochzuplustern. Selten ward das übrigens schöner karikiert als von den Herren Katz und Goldt, die einst ein älteres Ehepaar schwadronieren ließen, Schinkenbrote mit Messer und Gabel zu essen, sei ja irgendwie Teil ihrer Kultur (und dies untermalten mit der Interjektion "Kultur, Kultur").

Was mir schon sehr aus der Seele sprach. Natürlich will ich niemandem in seine Essgewohnheiten quasseln, aber mir erschien Butterbrote mit Messer und Gabel zu essen jenseits entsprechender Notwendigkeit, etwa wenn man's mit einem heißen Croque Monsieur/Madame zu tun hat, einem kunstvoll montierten Smørrebrød oder unhandlichem Strammem Max, meist als bloßes Feintun, als Simulation von Kultiviertsein.  

Nun leben wir ja in Zeiten, in denen der Strukturwandel auch den tertiären Sektor zunehmend trifft. Nachdem Globalisierung und Automatisierung das produzierende Gewerbe personell ziemlich runtergefahren haben, ist jetzt der Einzelhandel dran. Einst bekoberten weißbekittelte Kaufmänner verzückt dreinblickende Damen, um ihnen einen 'guten Tropfen' aufzuschwatzen. Dann kam im Supermarkt immer Frau Sommer angeschissen, um ahnungslosen Hausfrauen, die, überfordert vom System der Selbstbedienung, im Begriff waren, ihre Lieben mit ungenießbarem Muckefuck zu vergiften, als letzte Rettung vor der familiären Feiertagsrevolte ein Pfund Dröhnung ins Körbchen zu drücken.

Inzwischen ist in den meisten Innenstädten alles, was noch nicht leersteht, mit denselben Filialen derselben Ketten bevölkert. Immer mehr online Bestelltes wird, nachdem es von ausgebeuteten, totalüberwachten Hilfsarbeitern kommissioniert wurde, von nicht minder ausgequetschten Lieferfahrern geliefert. Jetzt dämmert auch Bundeswirtschaftsdampfnudel Peter Altmaier langsam: Moment mal, früher war irgendwie mehr los in der City. Und so erklärte er, wie letztens schon erwähnt, die Rettung der Innenstädte vor kommerzieller Verödung zur nationalen, ja patriotischen Aufgabe. Denn er sei, so begründete er's, in Sorge um die hiesige "Einkaufskultur".

Und jetzt bin ich ratlos.

Was meint der Mann?

Den aufregenden Mix aus Mediamarkt/Saturn, Takko Fashion, KODI, Nanunana, Tedi, Starbucks, dm und KIK?
Die verzweifelte Suche nach einer Verkäuferin in der personell totgesparten C & A-Filiale?
Diese Erleichterung, seinen wöchentlichen Discounter-Einkauf ("Könnsemal ne zweite Kasse aufmachen???!") in zehn Minuten hinter sich gebracht zu haben?
Rentner vor einem an der Kasse, die in aller Ruhe ihr Kleingeld abzählen, derweil hinter ihnen ein wütender Mob mit Mistforken und Pechfackeln tobt?
Die endlose Sucherei im dm, weil jeder Markt anders eingerichtet ist?
Jungverkäufer, die Garantie nicht von Gewährleistung unterscheiden können?
Empfehlungen von Verkäufern, doch einfach im Internet zu bestellen?

Ehrlich, was meint der mit "Einkaufskultur"? Es können ja nicht jene von ehrbaren Kaufleuten inhabergeführten Läden meiner Kindheit sein, in denen kundige Verkäufer ihren staunenden Käufern hochwertige Ware präsentierten, geduldig deren Funktionen und Vorzüge erklärten und sie dann als Anschaffung fürs Leben liebevoll einzupacken. Die gibt es nämlich nicht mehr. Oder sie bewegen sich in Preisniveaus, bei denen ein Versuch meinerseits, mit meiner popligen Nicht-Platin-Kreditkarte zu zahlen, vermutlich Alarm auslösen und den Sicherheitsdienst auf den Plan rufen würde.

Irgendwas muss er doch meinen. Noch mal: Ich bin ratlos.

Die Kulturschaffenden jedenfalls bedanken sich herzlich. Denn die hat er offenbar nicht gemeint. Na ja, die Museumsshops vielleicht.

Oder kennt am Ende Glumm die Antwort?




Kommentare :

  1. Ich hab grad mal nachgeschlagen, aber auch in Eckhard Henscheids 'Alle 756 Kulturen' scheint sie bislang zu fehlen. Ich bin aber zuversichtlich, dass er sie dem Herrn Altmaier 'ohne weiteres' und 'jederzeit' gern nachtragen täte, 'genau'.

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  2. Lässt Peter Altmaier einkaufen oder bestellt er online?

    Willkommen in der Globalisierung. Es setzen sich nur noch die schlechtesten Standards der Welt durch.

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  3. Ob mit “Einkaufskultur“ das Geschehen gemeint ist, das zuverlässig abgeht sobald im Aldi-Markt eine zweite Kassa aufmacht?

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    1. Keine Ahnung, was so beim Hofer abgeht...
      @Eike Brüning: Irgendwie fällt mir als erstes Pizzaservive ein.
      @Anonym/22:57: Na wenn selbst Henscheid keine Lösung ist, dann weiß ich auch nicht mehr.

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    2. Bitte mit einem N weniger. Wenn man mich rückwirkend zum Kanzler ernennen will, bitte, aber verwandtschaftlich kommt da nix bei rum.
      Pizzaservice? Das wäre wohl eher das Minimum. :D

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    3. Ups, pardong, Berufskrankheit.

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    4. Kein Ding. Immerhin stimmte schon mal der Vorname. Das kenne ich anders.

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  4. Der schieren Notwendigkeit einen ideellen Glorienschein zu verpassen ist das Anliegen aller "- Kulturen".

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