Dienstag, 29. Dezember 2020

Sentimental journey


In dem Haus auf den Bildern habe ich als Kind und Pubertant von 1976 bis 1987 gewohnt. Baujahr 1928. Die Straße weist eine heftige Steigung auf. Der Name Arenbergstraße, im Volksmund hier meist nur 'Der Arenberg' genannt, hat damit aber nichts zu tun, sondern mit dem Haus Arenberg. Meine Heimatstadt gehörte von 1803 bis 1811 zum Herzogtum Arenberg, bevor sie 1811 erst zum Großherzogtum Berg, 1814/15 dann zur preußischen Provinz Westfalen kam. Der Bauherr des Hauses war was Höheres beim Rentamt derer von Arenberg. Das war bis Ende der 1970er in einer Villa unten an der Straßenecke untergebracht, von wo aus die diversen Besitzungen und Ansprüche verwaltet wurden.

Für mich als Kind war das der Himmel. Grüne Hölle. Gute zehn Minuten zu Fuß zur Innenstadt. Hinten waren fast 2000 Quadratmeter Garten, vorn, einmal über die Straße, der Stadtpark. Die damalige Witterung ließ es zu, dass man dort bis etwa Mitte der Achtziger jeden Winter ziemlich halsbrecherisch rodeln konnte. Wie kamen meine Eltern, damals zwei einfache Angestellte mit nicht zu üppigem Gehalt, zu einer Wohnung in so einer Lage? Alle anderen Parteien außer uns gehörten zur Erbengemeinschaft und waren Miteigentümer. Familie S., die im Erdgeschoss wohnte, argumentierte schließlich, es sei besser, einer netten jungen Familie eine bezahlbare Wohnung zu verschaffen als das, was man eventuell mehr einnehmen könnte, teils zum Finanzamt tragen zu müssen.

 
Wir wohnten im ersten Stock. Ursprünglich mit Balkon. Der wurde später aber entfernt. Angeblich waren die Träger durchgerostet. Oder die Nachbarn unter uns wollten mehr Licht auf ihrer Terrasse. Die Wahrheit nahmen sie mit ins Grab.

Hier geht es rauf in den Garten. 

Dieses Häuschen gehörte eigentlich zu unserer Wohnung. Der Vormieter war Architekt und hatte es als Atelier genutzt. Eigentlich der Traum eines jeden Jugendlichen, so eine Bude. Nur war da weder Klo noch Bad drin. Auch gab es keinen direkten Zugang, man musste immer bei den Nachbarn über die Terrasse laufen. Unpraktisch. Also wurde es gegen eine Mietminderung wieder abgegeben.
 

Im Garten

Ich hatte erfahren, dass das Haus leer steht, seit der letzte Bewohner vergangenes Jahr gestorben ist. So kam ich spontan auf die Idee, am ersten Weihnachtstag das schöne Wetter für einen Spaziergang zu nutzen und mich da mal ein wenig umzusehen. Abgesperrt war nichts. An der Hecke zum Nachbargarten traf ich auf den Junior der damaligen Nachbarn, der seit langem als Architekt unterwegs ist. Der meinte, die Erbengemeinschaft habe die Immobilie vor kurzem verkauft und es solle saniert werden.  

***

Diesen ruhigen Jahreswechsel genieße ich wirklich sehr. Unter anderem, weil ich endlich wieder richtig ausgiebig zum Lesen komme. Daher möchte ich es nicht versäumen, mich bei Kollege Kurbjuhn zu bedanken für den Tipp mit Martin Walkers 'Bruno'-Romanen. Durch das Périgord, in dem die Romane spielen, verlief im zweiten Weltkrieg die Demarkationslinie zur besetzten Zone. Daher war es eine Hochburg der Résistance, was mitunter bis in die Gegenwart eine Rolle spielt. 

Auch sonst ist Walker als gelernter Historiker gut informiert über Geschichte und aktuelle politische Entwicklungen. Und weil das Périgord neben dem Burgund eine der Herzkammern französischer Schnabuliererei ist, wird da nicht nur ermittelt, sondern auch gekocht, getrüffelt, gespachtelt und dem Wein zugesprochen, dass die Heide wackelt. Die ersten drei Bände habe ich bereits durch, weitere werden folgen.

Einen Wermutstropfen gibt es allerdings: Der Versuch, etwas von dem nachzukochen, das der wackere Chef de Police so auftischt und aufgetischt bekommt, dürfte außerhalb Frankreichs und weniger Millionenmetropolen daran scheitern, geeignete Zutaten in entsprechender Qualität aufzutreiben.





Kommentare :

  1. Für einen kurzen Moment hoffte ich, du würdest oder hättest das Haus gekauft. Ist ein tolles Haus, das sieht man schon von außen.

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    1. Ist es, aber dafür reichen meine Mittel nicht ganz aus. Zumal da ein ziemlicher Investitionsstau herrschen dürfte, die Hütte muss vermutlich sogar entkernt werden. Nicht ganz einfach, wenn man bedenkt, dass auch vorne eine hohe Böschung ist.

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  2. Nix zu danken, Obsessionen geb ich gern weiter. :) Das mit dem Nachkochen ist nicht unproblematisch, auch in Millionenmetropolen scheitert man am im Perigord offenbar überreichlich vorhandenen Entenschmalz. Ein paar Sachen hab ich aber doch einigermaßen verlustfrei nachmachen können, u.a. eine Tarte mit in Zuckersirup gekochten Walnüssen, ein unkompliziertes Weißbrot und - echter Hit - Pommes de Terre Sarladaises, in viel Hänseschmalz langsam gebratene Kartoffeln, die ganz zum Schluss mit kleingehackter Petersilie und Knoblauch ordentlich Wumms bekommen. Die Trüffel, die Bruno immer drüberreibt, hab ich allerdings weggelassen.

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    1. Es hat ja schließlich auch nicht jeder einen trüffelscharfen Basset an der Hand, der im Vorübergehen kiloschwere Tuber aufspürt.

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