Direkte Parallelen zu ziehen zwischen Sport und der Verfasstheit eines Landes ist in der Regel Kokolores. Weil Spitzensport oft lediglich ein Indikator dafür ist, wie viel Geld und Ressourcen ein Gemeinwesen, ein Regime oder eine sonstige Vereinigung bereit ist, dafür aufzuwenden. Das gilt auch für andere Bereiche. Deutschlands Donnerhallruf in Sachen Auto etwa hat nichts damit zu tun, dass Autodinge dem Deutschen irgendwie im Blut lägen, wie völkische Tröten immer noch bzw. wieder verbreiten, sondern ist vor allem ein Produkt der NS-Zeit. Die Naziführung hatte ein Faible für Sport und moderne Technik, wusste um die Massenwirkung und steckte auf Pump Riesensummen in Autowerke und Straßenbau.
Sagten sportliche Erfolge etwas aus über die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Landes, dann hätte die spanische Fußball-Nationalmannschaft, die zwischen 2008 und 2012 zwei Europameister- und einen Weltmeistertitel gewonnen hat, nichts reißen dürfen, da das Land zu der Zeit in einer tiefen Wirtschaftskrise steckte. Oder man dreht das so, dass man behauptet, Armut und finanzieller Druck setzten erst die nötige Energie frei, sich mal richtig reinzuhängen. Oft wird das behauptet von welchen, die andererseits dafür plädieren, Reichen um Himmels Willen nicht zu sehr zu belasten, erst recht nicht mit weiteren Steuern oder so, auf dass man sie bloß nicht vergrätze (sie haben es doch schon so schwer!).
In der Tat gibt es Sportarten, die als Möglichkeit sozialen Aufstiegs für jene fungieren können, die sonst niemals eine Chance auf Wohlstand und Reichtum hätten. Andere wiederum sind ohne erhebliche eigene finanzielle Mittel oder Mäzenatentum nicht machbar. Hinzu kommt noch, dass Sport nicht gleich Sport ist. Das Multimilliardengeschäft Fußball ist immer hungrig nach jungen Talenten, während die Aktiven in Nischen- und Randsportarten meist Brotberufen nachgehen müssen, um überhaupt ihre Miete zahlen zu können.
Der länglichen Rede kurzer Sinn: Es ist alles ziemlich beliebig und alle können es sich im Zweifel so drehen, es gerade in den Kram passt. Aber auch hier gibt es Ausnahmen.
Dass Manuel Neuer nunmehr doch noch als nationaler Goalkeeper für die WM nominiert wurde, wird Nicht-Fußballaffine allenfalls periphär tangieren und man mag das als Petitesse abtun. Interessant ist das allerdings insofern, als dass das so hervorragend in die Zeit und das momentane politische Klima passt. Neuers inzwischen 40 Lenze sagen über seine Leistungsfähigkeit wenig aus, in dem Alter sind auch Kollegen wie Iker Casillas und Gianluigi Buffon noch zu Turnieren gefahren und haben zuverlässig abgeliefert. Zumal der nunmehr abservierte Oliver Baumann mit seinen 36 Lebensjahren auch nicht unbedingt als junge Nachwuchskraft einzustufen ist.
"Seit jeher gilt Deutschland [...] als Land der Dichter, Denker und Torhüter. Dass sich nach Neuers Abgang niemand vordrängelte, sich in die Ahnengalerie legendärer deutscher Schlussmänner von Maier, Ilgner, Köpke über Kahn einzureihen, trägt von diesem Selbstverständnis ab. Auch deshalb kann der deutsche Fußball nicht von »Manu« loslassen." (Mia Guethe)
Es kann natürlich Nagelsmanns freie, alleinige, höchsteigene Entscheidung gewesen sein, Neuer aufzustellen und den von ihm über zwei Jahre aufgebauten Baumann wieder auszubooten und gut. Indes, ich habe Zweifel. Denn das passt eben so ungeheuer perfekt in das momentane, von Springerpresse, Fossillobby, Teilen der CDU, rechten Influencern und 'A'fD befeuerte kulturkämpferische Klima. Alles Neue (Wärmepumpen, Windräder, E-Autos...) ist woke-linksgrünes Teufelswerk, das es zu bekämpfen gilt, und sei es gegen jede Evidenz und Vernunft. Was 2020 richtig und gut war (Öl-/Gasheizung, AKWs, Verbrennungsmotoren...), kann doch 2026 unmöglich schlecht sein.
"[...] Neuer war schon damals dabei, in den vermeintlich sorglosen Zeiten, als die deutschen Männer zum letzten Mal Weltmeister wurden. Als Deutschland noch stark war. [...] Vielleicht ist es gar nicht wirklich sein Können, weswegen Nagelsmann den Keeper nochmal aus der Fast-Rente zurückholt. Sondern: eine Sehnsucht. Eine Sehnsucht nach 2014. 2014, das war das Jahr, als das Internet noch ein vermeintlich unverdorbener Ort war. Voll »Ice Bucket Challenge«, Conchita Wurst, Latte Art und Skinny Jeans. Manuel Neuer machte als junger, blonder Bursche im Fernseher mit Mats Hummels und Mesut Özil Werbung für Nutella. Das Leben war gut." (Ruth Lang Fuentes)
In der Wahrnehmung anderer war 2015 noch nicht geschehen, ebenso #metoo, und die Frauen waren noch halbwegs normal, es wehten noch nicht überall Regenbogenfahnen herum, es hatte noch keinen faschistischen Corona-Maskenterror gegeben und wer einen Veggietag in Kantinen forderte, unterschrieb damit sein politisches Todesurteil -- könnte noch ergänzt werden.
Jenseits von Verklärung war das Leben damals aber nicht gut, sondern im Zweifel nur anders doof. Wer 2014 erlebt hat, war damals jünger und es zwickte, zwackte und knackte noch nicht überall. Nostalgie is a mighty bitch und die Frage, ob und inwieweit Neuers Nominierung auch damit zu tun hat, ist durchaus berechtigt. Ebenso wie die, ob die Teilnahme an einer Fußball-WM in Trumpland wirklich so ein erstrebenswertes Ziel ist. Aber das ist ein anderes Kapitel.
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