Montag, 31. August 2026

Ost-westlicher Divan


Ost-West-Debatten finde ich meist ermüdend, weil sie kaum Erkenntnis bringen. Ossis breiten ihre schlimmen Erfahrungen aus, Wessis kontern mit dem Vorwurf der Undankbarkeit. Ich denke schon, dass die Radikalität des Umschwungs im Osten nach 1990 und dessen Auswirkungen auf die Menschen leicht zu unterschätzen sind, so man es nicht selbst erlebt hat. Wer aber daraus ableitet, nur 'Betroffene' hätten das Recht, sich dazu zu äußern und anderen das Wort abschneidet, sich aber gleichzeitig beklagt, ja nichts mehr sagen zu dürfen, sollte sich nicht wundern, nicht für voll genommen zu werden.

"[Wer] jetzt sagt, aber du bist ja Wessi, du darfst das gar nicht über Ossis reden, der ist auch gemeint. Wenn nur Opferlämmer andere Opferlämmer darin bestärken dürfen, Opferlämmer zu sein, dann ist das doch genau die bevormundende Woke-Attitüde, die ihr zu Recht immer so gehasst habt." (Florian Schroeder)

Allzu leicht geht unter, dass diese Erfahrungen keineswegs auf die Ex-DDR beschränkt waren, sondern viele Menschen in anderen ost- und mitteleuropäischen Ländern noch härtere Zeiten durchmachten, aber keinen großen Bruder im Westen hatten, der das wenigstens mit Sozialleistungen abfederte. Wer damals nie im Grenzgebiet zu Polen oder der Tschechoslowakei auf einem der wilden Märkte war, wo in Armut gestoßene Menschen ihre Habe verscherbeln und Frauen sich elendsprostituieren mussten, werfe den ersten Stein. 
Und wenn heute im ländlichen Raum ganze Landstriche veröden, Dörfer langsam aussterben, ÖPNV ausdünnt und die Menschen irgendwie sehen müssen, wie sie klar kommen, dann ist das alles andere als erfreulich, aber beileibe keine spezifisch ostdeutsche Malaise. Passiert anderswo genauso, nicht nur in Deutschland. Aber nicht, weil 'die da oben' versagten, sondern weil die Welt sich weiterdreht. Heute immer weniger Menschen in der Landwirtschaft arbeiten und Wertschöpfung immer mehr im tertiären Sektor stattfindet, der auf dem Land weniger vertreten ist. 

Es liegt mir fern, nun meinerseits herumzujammern oder gar Dankbarkeit einzufordern, aber ich verspüre das Bedürfnis, angesichts der ewigen Klagelitaneien, wie der Westen den Osten ausgeplündert habe, an das eine oder andere zu erinnern: Es ist nicht so, dass wir uns hier drüben mit dem ganzen angeblich geraubten Geld alle Swimmingpools angelegt und die Wasserhähne haben vergolden lassen. Die Kohle, die von westdeutschen Kommunen rübergemacht wurde, lag hier nicht einfach herum. Um sie aufzubringen, wurden Schwimmbäder und Bibliotheken geschlossen, öffentliche Services zusammengekürzt, Investitionen verschoben oder gecancelt und teilweise mussten West-Kommunen, darunter ihrerseits darbende Ruhrgebietsstädte, Kredite aufnehmen, die sie teils noch heute abbezahlen. Das mit der Plünderung beruht wohl zumindest zum Teil auf Gegenseitigkeit

Komme man mir auch nicht mit dem Länderfinanzausgleich, aus dem mein heimisches NRW sich doch so fett die Taschen vollmacht. Die ehemalige Ministerpräsidentin Kraft bot ihrem damaligen bayerischen Kollegen Seehofer mal einen Deal an: Sofortige ersatzlose Abschaffung des Länderfinanzausgleichs unter der Bedingung, dass Nordrhein-Westfalen alle Einnahmen aus der Mehrwertsteuer für sich behalten kann. Die Diskussion war schnell zu Ende.

Beklagt hat sich über den West-Ost-Transfer im Westen bislang kaum wirklich jemand, aber das scheint sich gerade zu ändern. Kann es ernsthaft verwundern, dass mittlerweile ein paar Leuten hier irgendwann die Hutschnur reißt, wenn es neuerdings heißt, der Osten sei das wahre, das eigentliche (was immer das ist), das bessere Deutschland gar?

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Der thüringische Westimport und beurlaubte Geschichtslehrer BerndBjørn Høcke zum Beispiel sagte ja kürzlich in einem Interview mit der schweizerischen 'Weltwoche', im Osten Deutschlands lebten noch "deutsch sprechende Deutsche" während man sich im Westen komplett von der amerikanischen Kultur habe usurpieren lassen und man es quasi nur mehr mit deutsch sprechenden Amerikanern zu tun habe.

Das ist insofern interessant, als dass seine eigene Biografie ein funzelig leuchtendes Beispiel dafür ist, wie superdeutsch man im gründlich durchamerikanisierten Westdeutschland trotz allem offenbar aufwachsen konnte. Überhaupt erinnere ich mich als Wessi sehr gut, wie heftig in den Achtzigern diesseits der Elbe jenseits von Großstädten, sehr zur Freude von Komikern und Kabarettisten, gedeutschtümelt und Tradition gepflegt wurde. Wir jüngeren, die da nicht mittun wollten, hörten englische Krachmusik fanden die, verangelsachst wie wir waren, 'cool' und spielten Telespiele. Dazu trugen wir immer diese entsetzlichen, von einem jüdischen Emigranten erfundenen Bluedschiens, die uns Jungs angeblich alle impotent machten.

Frappierenderweise schienen im Westen auch genügend deutschdeutsche Recken mit innen und/oder außen eher spärlichem Kopfbewuchs die Amerikanisierung überstanden zu haben, um nach 1989 im Rahmen eines eigenen Aufbau Ost der neufünfländischen Neonaziszene, die es ja angeblich gar nicht gab -- es waren die schweren Zeiten, man hatte ja nüscht, nicht mal schdramme Badriöuden! --, auf die Sprünge zu helfen und Teilen der dortigen Jugend die Flausen der antifaschistischen Erziehung auszutreiben.

Von der Veranstaltung namens DDR habe ich aus technischen Gründen, vor allem mangels Ost-Verwandtschaft, nicht allzu viel mitbekommen. Ich bilde mir jedoch ein zu wissen, dass zum Beispiel Tonträger mit angloamerikanischer Krachmusik und diese entsetzlichen Bluedschiens unter den angeblich so urdeutschen Ost-Jugendlichen ungefähr so begehrt waren wie Jacobs Dröhnung bei deren Eltern, teils horrende Schwarzmarktpreise dafür berappt wurden und das volkseigene Label Amiga irgendwann Lizenzen einkaufte und nach strenger Vorauswahl wenigstens ein wenig Westmusik unters darbende Jungvolk brachte (und die Einnahmen sicher auch gern mitnahm).

Überhaupt ist es immer wieder interessant, dass ausgerechnet jene, für die die USA das Reich des Bösen sind und alles, was von dort kommt, böse, imperialistisch und kulturzersetzend ist, also Rechtsextreme, Islamisten und der dümmere Teil der Linken, absolut kein Problem damit haben, sich selbstverständlich US-amerikanischen Erfindungen wie Internet und 'sozialer' Medien zu bedienen. Aber das würde hier zu weit führen.

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Alles verloren also? In den letzten Tagen habe ich mir etliche Videos des YouTubers Marcant angeschaut. Der ist ein 23jähriger Frankfurter (Main), der sich vornehmlich bei 'A'fD-Veranstaltungen von einer Kamera begleitet unter die Leute mischt und die Menschen fragt, was denn an dieser Partei so dolle ist. Dabei bleibt er stets respektvoll im Ton und lässt sich auch von krudesten Aussagen nicht provozieren. Ich könnte das nicht. (Dazu, dass er so souverän rüberkommt, trägt sicher auch seine Körpergröße von mehr als zwei Metern bei.) Nicht nur das finde ich beeindruckend, sondern auch, wie unglaublich reflektiert der junge Mann ist. Vor allem wenn ich daran denke, was für ein verpeilter Jüngling ich mit 23 war.


(Video im erweiterten Datenschutzmodus. Anklicken generiert keine Cookies.)


Es gibt viel zu lernen. Etwa, dass das Erfolgsgeheimnis der 'A'fD eigentlich sehr einfach zu durchschauen ist. Sie ist momentan die einzige Partei, abgesehen von einem Teil der Linken vielleicht, die die Menschen auf emotionaler Ebene anspricht, sie mitnimmt. Sie kommt einem nicht mit lästigen Fakten und widerspricht einem nicht. Nein, sie sagt: Du bist gut so wie du bist, dein Lebensstil ist gut so wie er ist. Nein, du brauchst nichts zu ändern. Ja, Windräder und E-Autos sind doof. Nein, du bist kein Spinner, wenn du glaubst, der Deep State hätte dir einen Chip implantiert. Natürlich hast du ein Anrecht auf deinen Verbrenner und darauf, in den Urlaub zu fliegen. Die Globalisten regieren die Welt? Hm, vielleicht hast du recht, aber nicht so laut bitte, du verstehst. Nein, du bist natürlich kein Nazi, wenn du Angst vor Migration hast, gern Zigeunerschnitzel isst und Döp-döp-di-döp singst. Überhaupt darf niemand dir was verbieten und dir Vorschriften machen.

Berührend, wie Marcant immer wieder von jungen Menschen angesprochen wird, die ihm sagen, sie seien mal Nazis bzw. in der rechten Szene oder auf dem besten Weg dorthin gewesen, hätten aber dank seiner Videos da rausgefunden (überhaupt sind es oft Jugendliche, die für Diskussionen offen sind). Es gibt also Hoffnung, man kann sehr wohl was machen. Zumal einiges dazu gehört, als junger Mensch mit der Peergroup zu brechen. Hut ab! Schön auch, wie er CSDs besucht, die zu den Lieblingshassobjekten von Rechten gehören. Die behaupten auf ihren Gegendemos gern, sie wehrten sich, mimimi, doch nur dagegen, eine bestimmte Sexualität aufgezwungen zu bekommen, skandieren dann aber Parolen wie "Weiß, normal und hetero!". Oder wie diese irre Mutigen, die sich angeblich nicht den Mund verbieten lassen, andauernd vor ihren Ordnern kuschen, die ihnen den Mund verbieten ("Mit dem reden wir nicht!").

Einmal unterhält er sich in einer Gegend im Osten, in der die Blaunen besonders stark sind, mit lieben Menschen, die nicht auf dem rechten Töpfchen sitzen, sich aber ums Verrrecken nicht unterkriegen lassen. Als ich dachte, dass ich mit diesen wunderbaren Leuten gern sofort was trinken gehen würde, da keimte dieser Gedanke bei mir: Kann es sein, dass uns in Ost und West trotz allem doch noch mehr verbindet als es den Höckes, Weidels, Siegmunds et al. lieb ist?







6 Kommentare :

  1. Was bewirkt es? Wo geht es hin? Wie kommen wir da wieder von weg? Entziehungskur?

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  2. Ich bin selbst noch gebürtige Neufünfländerin (Jg. 89), habe aber mit Mitte 20 auch "rübermachen" müssen, weil es jobtechnisch ziemlich mau daheim aussah. Dass Leute, die nix haben, ihren Wohnort verlassen müssen, ist allerdings global gesehen eher die Regel als die Ausnahme und daher nichts besonderes. Such is life.

    Ich erkenne meine Heimat mittlerweile gar nicht mehr wieder. Es ist, als hätten sie sich allesamt willig in eine Massenpsychose begeben. Meinem Mann wurde neulich von Jugendlichen Marcant nahegebracht und er hat mir dann die Videos gezeigt. Man schämt sich dann für "seine Leute", die sich so irr gebärden, als müssten sie dringend wegen erwiesener Tollwut gekeult werden. Es ist der größte Treppenwitz, dass sich ausgerechnet jene Leute, die sich über "Besserwessis" aufregen, die ihnen in ihrer Hybris das Leben und Wirtschaften erklären wollen würden, überall wittern... Aber nicht in der AFD, deren sich Granden bis auf wenige Nasen gerade aus den sonst so geschmähten Westdeutschen rekrutieren. Ausgerechnet Höcke mimt jetzt den "Edelossi". Man möchte glatt darob lachen, wenn es nicht so absurd wäre.

    Ich drücke mich mittlerweile vor Familienbesuchen, weil auch nicht immer die Kraft habe, dagegen zu halten und mich zu zoffen.

    Die wahre Trennlinie verläuft eh zwischen den oberen 10% und den unteren 90%. Wir lassen uns gegenseitig aufwiegeln, während vermutlich ein nicht unerheblicher Teil des Solis in diversen Privatkassen versickert ist - zu Schaden von allen Bürgern in Ost und West.

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  3. Dem Beitrag der Vorrednerin kann ich als weit vorher in der DDR Geborener und inzwischen auch in der ehemals alten Bundesrepublik Lebender nur beipflichten.

    Andererseits bin ich diese Ost-West-Debatte auch langsam leid und wenn es nach mir ginge, wären alle Grenzen weg, so wie es Saltatio Mortis mit "Linien im Sand" oder Serj Tankian mit "Borders Are" beschreiben - leider Wunschdenken, wenn man das im Kopf nichtmal innerhalb eines Landes packt.

    Der Osten war halt nach 1989 das "ideale Terrain" für rechtes Denken und schlechte und unsichere Zeiten waren und sind immer geeignet, um Seelenverkäufern aller Art Zulauf zu bringen mit ihren schlichten Heilsversprechen, von denen sie selber am besten wissen, dass sie Quatsch sind.

    Anndererseits ist es eben dieses ganze Konstrukt ausgerechnet einer in ihrer ach so "konservativen" Politik einer CDU gegen alles Staatssozialistische, die angefangen unter Biedenkopf und einiger Anderer nie ein "rechtes Problem" gesehen haben wollten, während auf alles, was irgendwie links roch, die Keule geworfen wurde - siehe z.B. das völlig überzogene Vorgehen gegen einen Lothar König, der ja noch nichtmal ein "Linker" war, sondern Pfarrer.

    Dann kommen noch die Dienste und da in erster Linie der VS dazu, die große Teile der rechten Szene mindestens finanziell mit aufgebaut und salonfähig gemacht haben, bei denen m.E. aber oft genug rechtes Denken und Mitarbeiter eins sind. Für mich sind die nicht besser als alle anderen Dienste und so wie eine Stasi samt Partei gegen alles Kritische vorgegangen ist, haben die nach der Wende in der anderen Richtung gewirkt, statt gerne auch unter Bruch selbiger die "Verfassung zu schützen". Der Name ist schon ein Treppenwitz.

    Kommen autoritäres Denken und Verhalten plus die ewige Opferrolle und eine inzwischen von den damals Jugendlichen der Baseballschläger-Jahre (die jetzt mit diese dauerempörten Alten sind) dritte oder vierte Generation dazu, die diese Strukturen innerfamiliär und am Stammtisch bereits weitertragen und damit auch normalisiert haben - steter Tropfen und so. Wobei von diesen Wutbürgern inzwischen auch im Westen genug rumrennen und sich da ehedem Ost und West wieder glänzend verstehen.

    Wie so oft sieht man medial trotzdem eher die Krawallos und nicht die Leisen, die unauffällig und korrekt ihr Ding machen und diesem Irrsinn Paroli bieten. Leider hat anscheinend auch der ÖR es sich zur Aufgabe gemacht, zwecks Klickiklicki jeden noch so dussligen Hasenfurz in Bezug auf die kommende Landtagswahl zu hypen und adelt mit dem Clickbaiter AfD hier und da und dort diese miesen Show noch, anstatt in mancher Hinsicht einfach mal die Schn.... zu halten.

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  4. ... um AfD zu wählen, oder diese Partei gut zu finden, muss man bequem, denkfaul, neidisch und rassistisch sein.
    Gruß, Jens

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  5. Was uns in Ost und West verbindet: der gute alte und inzwischen ja wieder gesamtdeutsche Kapitalismus und die Möglichkeit, aus dessen mehr oder weniger widerlichen Wasserträger-Vereinen - ob sie nun von Mörz oder von Hecke oder von sonstwem geleitet oder angeleitet werden - den zu wählen, welchen wir für das kleinere Übel halten. Bis das Wasser, das uns längst im A* kocht, alle wird. Was danach kommt, regelt die Evolution.

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  6. Ich kann dir nur empfehlen, mal tatsächlich mit diesen wunderbaren Leuten einen "trinken" zu gehen. Vielleicht erfährst du dann dabei, dass das im realen Leben zwischen Ossi`s und Wessi`s sehr gut klappt und die mediale Welt eine ganz andere ist. GsD.

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