Am Wahlsonntag in Sachsen-Anhalt postete Ulrich Siegmund oder sein Social Media-Team auf instagram ein Foto, das ihn und seine Frau in der Mittagspause zeigen. Es gab Spirelli mit Wurstgulasch, dazu Coca Cola und geriebener 'Gut & Günstig leicht'-Gouda (es hätte noch gefehlt, dass ein Simson-Mopped quer durchs Bild gebröttert wäre). Das war natürlich geschickt gemacht. Verbindet Ost-Identität und DDR-Nostalgie mit zartem Winken gen Westen. Ein Essen wie Spirelli mit Wurstgulasch erinnert zwar an Schulspeisung, ist aber auch im Westen anschlussfähig, deutlich anschlussfähiger als z.B. Soljanka. Coladosen, günstiger Edekakäse sowie die Tatsache, dass kein Gewese mit Servierschüsseln etc. gemacht wird, spiegeln die alltägliche gesamtdeutsche Erfahrungswelt jener breiten Mehrheit, die nicht im Bioladen einkauft.
Was wäre passiert, fragt sich, wenn Siegmund und Gattin sich beim Einpfeifen von Austern, Champagner und Kaviarhäppchen hätten abbilden lassen? Und wenn sie nicht auf diesen gefühlt allgegenwärtigen schwarzgrauen Pseudorattan-Outdoormöbeln gesessen hätten, sondern, sagen wir an einem geerbten Jugendstil-Tisch und antikes Silberbesteck vom Flohmarkt benutzt hätten (nicht für den Kaviar natürlich)? Der harte Kern der Fans hätte das, wie alles, vermutlich verteidigt bis gefeiert. Meine Güte, der arme Mann! So viel geleistet und permanent vom linksgrünen Pack verfolgt, da wird er sich doch wohl mal gönnen können! Und überhaupt, wenn es ihm doch schmeckt! Viele andere hingegen wären wahrscheinlich mit Anwürfen wie 'elitär' oder 'abgehoben' um die Ecke gekommen. Und genauso ins Klo gegriffen.
Gewiss, Austern mit Champagner mögen ein Extrembeispiel sein. Das war nicht immer so: Die deutsche Hochküche bewegte sich in den besten Häusern Berlins bis zum zweiten Weltkrieg auf Spitzenniveau und orientierte sich an der französischen. Auf die Idee, grobianische "Plumpsküche" (Siebeck) unter dem Rubrum 'Hausmannskost' zum Hochgenuss zu adeln wegen Tradition und Nostalgie, wäre kaum jemand gekommen. Spätestens seit 1945 aber ist jede:r, der/die hierzulande politisch eine gewisse Fallhöhe überschreitet, gut beraten, bei der Frage nach dem Lieblingsessen bloß nichts zu Extravagantes anzugeben. Ein:e Ministerpräsident:in, der/die im Wahlkampf sagte, sich dann und wann ein Essen in einem Sternelokal zu gönnen, kassierte fette Minuspunkte (außer es handelte sich um ein FDP-Mitglied, aber dann wäre er/sie nicht Ministerpräsident:in).
Konrad Adenauer aß angeblich am liebsten Brennsuppe und Kuchen und frönte seiner Vorliebe für hochwertige edelsüße Rheingau-Weine eher diskret. Ludwig Erhard, eigentlich ein Freund der feinen Küche, gab Pichelsteiner als Leibgericht an, angeblich um niemanden, der ihn zu bewirten hatte, in Verlegenheit zu bringen. Bevor er von der kurrenten Ehefrau auf Gesundfutter umgelötet wurde, liebte Gerhard Schröder, wie viele Landsleute, Currywurst und Schnitzel. Angela Merkel und Olaf Scholz haben es mit Königsberger Klopsen, Armin Laschet mampft gern Gyros, Friedrich Merz -- hui, ein ganz ein Wilder! -- schätzt angeblich Spaghetti Vongole.
Eigentlich gibt es nur zwei prominente Ausnahmen von dieser Kantinenzettel-Tristesse: Walter Scheel ließ gern Hummer und Schampus kredenzen und sich von Sterneköchen bekochen, und der bauernschlaue Gourmand Kohl, der allen mit seiner Vorliebe für Pfälzer Saumagen narrte. Viele rümpften die Nase und hielten das für Müllverwertung, nicht wissend, dass das was ganz Feines ist. Über DDR-Granden lässt sich übrigens nur wenig herausbekommen. Etwa dass Erich Honecker eine nicht unbedingt proletarische Vorliebe für Wildgerichte hegte.
Die Frage, ob es sich wirklich um Leibgerichte handelt oder um aus politischem Kalkül vorgeschobene, ist müßig. Sicher ist: Weniges ist so mächtig wie der Vorwurf, beim Essen 'elitär' zu sein. Wer nicht mittun mag beim gemeinsamem Erbsensuppelöffeln, macht sich schnell verdächtig. "Aha, der feine Herr!", hieße es da gleich, "Ist wohl was Besseres. Schwelgt im Luxus, derweil das arbeitende Volk darbt!". Peer Steinbrück hat seine Äußerung, Pinot Grigio nicht unter fünf(!) Euro die Bouteille zu trinken, bitter bereuen müssen. Zumal der Mann ja recht hatte. Ein Wein, der nicht bloß dröhnen, sondern auch Spaß machen soll, ist unter fünf Euro pro Flasche sehr schwer zu kriegen. Sahra Wagenknecht hat weniges so geschadet wie ihre Bemerkung, gern mal Hummer zu essen. Und wer Grünen oder Linken nahe steht und öffentlich vegetarisches bzw. veganes Essen vertilgt, wird sich sogleich dem Vorwurf ausgesetzt sehen, wohl alle zwangsveganisieren zu wollen und dass diesen dekadenten Vorlieben doch bitte privat nachzugehen sei.
Der Vorwurf, 'die da oben' tafelten fürstlich auf Kosten des 'kleinen Mannes', ist in Europa spätestens seit der Französischen Revolution fester Bestandteil politischer Propaganda. Nur ist das heute so, dass Politiker:innen vergleichsweise großzügig alimentiert werden (worüber man natürlich streiten kann), ein Hang zu gutem Essen daher nicht mehr oder weniger zu Lasten des Volkes geht wie andere teure Hobbys. Und daher habe ich auch Christian Lindner in einem Punkt immer verteidigt: Gegen doofe Anwürfe wegen seines Porsches. Der Mann besitzt einen 911 SC targa-Oldtimer mit H-Kennzeichen, dafür muss man kein Millionär sein. Wäre es sein Hobby, an einer liebevoll restaurierten Mercedes-Pagode zu schrauben oder einer Citroën Déesse, auch nicht gerade ein billiges Vergnügen, hätte sich niemand aufgeregt.
An der übergriffigen, graubrotenen Forderung, Politiker:innen hätten gefälligst nicht besser zu spachteln als die Mehrheit bzw. die Zielgruppe, ist vieles arg gaga. Nicht nur weil sie gern vorgebracht wird von Menschen, die ihrerseits keine Probleme haben mit obszön fetten SUVs, großzügigen Eigenheimen, zig Urlaubsreisen im Jahr etc. sondern weil sie die Welt kein Stück gerechter macht. Hat ein Mensch ein Stück Brot mehr zu essen, einen Euro mehr auf dem Konto, wenn der Bürgermeister in der Frittenbude futtert, anstatt im Einsternetempel? Macht jemand, der öffentlich Brat- oder Currywurst futtert und damit 'Volksnähe' demonstriert, deswegen um einen Deut sozialere Politik? Ist jemand, der gern Spirelli mit Wurstgulasch isst oder bloß damit posiert, deswegen einer 'von uns'?
Besser würde die Welt definitiv, wenn mehr Menschen besser äßen und mehr sich das auch leisten könnten (wobei gutes Essen nicht unbedingt was mit dem Geldbeutel zu tun haben muss), vor allem weniger auf billige Maskerade reinfielen. Nicht wenige erwarten von Politiker:innen einen integreren und vorbildlicheren Lebenswandel als sie selbst einen führen, aber beim Essen hört der Spaß dann auf. Das ist Quatsch. Ein französischer Präsident, der sich nicht auch als Botschafter des Kulturgutes Haute cuisine und heimischer Spezialiäten verstünde, machte sich lächerlich. Und jetzt habe ich Hunger. Da ist noch ein halbes Baguette im Haus, etwas von der leckeren Paté de Campagne und ein Stück Brie de Méaux. Und das, obwohl Mischbrot mit Margarine und Zeverlatwurst doch auch satt machen.
Ich würde nicht AfD wählen, da ich denen als halbitaliener nicht trauen kann! Es sind aber spd und cdu , welche die Lage hierzulande zu verantworten haben! Wer ist schuld, dass KassenpatientInnen diskriminiert werden? Wer ist schuld, dass es keine Mindestrenten gibt? Wer ist schuld, dass Arbeitslose wieder gegängelt werden sollen und ohne gesetzeswidrig erzählt wird, sie müssten ihre Anträge digital stellen?
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