Dienstag, 31. Januar 2012

Verbales Rowdytum

Als erster Hässlicher Deutscher kann Wilhelm II. gelten. Mit deutlich mehr großer Klappe gesegnet als politischem Talent, resistent gegen jegliche Beratung und immer pendelnd zwischen Maulaufreißen und Beleidigtsein, legte er den Grundstein für jene Wahrnehmung des Deutschen in Teilen des Auslands als einer Art Missing Link zwischen Neandertaler und frühem Homo sapiens: Das baut zwar durch irgendeinen Zufall schöne Autos, wird aber ansonsten allenfalls als Tourist toleriert, weil es ordentlich Kohle ins Land bringt. Das 20. Jahrhundert hat den europäischen Nachbarn mindestens zwei Gründe geliefert, immer dann besonders vorsichtig zu werden und die Stacheln aufzustellen, wenn Deutsche mal wider den Lauten machen machen, glauben, an ihrem Wesen solle die Welt genesen und im Begriff sind, ihren Einfluss in irgendeiner Form auf andere Länder auszuweiten.

Montag, 30. Januar 2012

Die DNA der Dienste


Das Bundesamt für Verfassungsschutz und der Bundesnachrichtendienst (BND) sind zwei verschiedene Behörden, die grundsätzlich getrennt zu betrachten sind. Beide sind sie aber Kinder der Adenauer-Ära. Als wesentliche Elemente der Kanzlerschaft Adenauers können Westintegration, Wiederaufbau, Ausgleich mit Israel und Antikommunismus gelten. Zwar war Adenauer selbst über jedweden Verdacht erhaben, dem NS-Regime hinterherzutrauern, aber der scharfe, ideologische Antikommunismus der CDU bot vielen, die das sehr wohl taten, eine geistige Heimat. Das führte in den Eliten und im Staatsdienst haufenweise zu Karrieren, bei denen über eine NS-Vergangenheit im Einzelfall großzügig hinweggesehen wurde. Gleichzeitig konnte schon das Gerücht der Nähe zu irgendwie linken Kreisen eine Karriere im öffentlichen Dienst ernsthaft in Gefahr bringen. Man rechtfertigte das, indem man darauf verwies, die einschlägige Erfahrung dieser Leute sei so wichtig für den Wiederaufbau und die Organisation neuer Strukturen, dass ihre belastete Vergangenheit dem gegenüber zu vernachlässigen sei.

Mittwoch, 25. Januar 2012

Brain Farts, 25.01.2012


Verfluchte hohe Lebensmittelpreise 

Eine hoch interessante Milchmädchenrechnung macht Christian Mittermeier im Nachgesalzen-Blog der ZEIT auf. Er tut nichts weiter als die Kilopreise für verschiedene Lebensmittel aufzuführen:
„1 kg Äpfel oder Birnen bei Anlieferung zur Versaftung 0,08 Euro
1 kg w.o. aus kontrolliertem Anbau (mit Nachweis) zur Versaftung 0,15 Euro
1 kg Getreide Sackware 0,26 Euro
1 kg Grillhaxen vom Schwein Vlies-Schnitt 1,39 Euro
1 kg Hähnchen TK 1,63 Euro
1 kg halbes Schwein (HKl E wie „Extra“) 1,99 Euro
1 kg Mangold 2,25 Euro
1 kg Äpfel 2,55 Euro
1 kg Schalotten 3,25 Euro
1 kg Rehwild in der Decke 4 Euro
1 kg Lachsforelle 7,95 Euro
1 kg Ochsenherz-Tomaten 8 Euro
1 kg Panko Paniermehl 8,11 Euro
1 kg industriell hergestellter Schokoriegel 8,60 Euro
1 kg Büffel-Mozzarella 12,75
1 kg Kräutersaitling (Zuchtpilze) 13,90
1 kg Presa Iberica de Bellota (Schwein aus Spanien) 25,90
1 kg industriell hergestellter Tete de Moine in Röschen 35,90
Alle Preise ohne MwSt.“

Montag, 23. Januar 2012

Oh weh, oh weh! Sie bringen's einfach nicht mehr, die Männer


Vor zwei Wochen ist in der ZEIT ein Artikel von Nina Pauer erschienen, in dem sie der heutigen Generation von Männern um die dreißig kollektives Weicheiertum vorwirft. Die Männer von heute seien keine Männer mehr, sondern Warmduscher, die dauernd über ihre Gefühle reden wollten und darüber den Zeitpunkt verpassten, die Frau einfach zu küssen. Zudem mögen sie sich einfach nicht festlegen im Leben, seien bindungsscheu. Weil Frau Pauer sich des beliebten Tricks bedient, eigene Erfahrungen als allgemeingültig auszugeben, ohne darauf auch nur hinzuweisen, muss es natürlich offen bleiben, ob hier wirklich eine ganze Generation lenorgespülter Schmusetücher auf der Bildfläche erschienen ist. Eigentlich ist das nichts weiter als das übliche, abgestandene Prinzessinnen-Gegreine: Och Menno, die Welt dreht sich nicht, wie ich es will! Können die Männer nicht einmal so funktionieren, wie ich mir das vorstelle? Trotzdem scheint sie damit in eine Art Wespennest gestochen zu haben, denn seitdem fehlt in kaum einer großen Tageszeitung ein Beitrag, der sich mit der Generation Weichei mit Vollbart und Röhrenhose auseinandersetzt. 

Freitag, 20. Januar 2012

Es gibt sie noch, die guten Nachrichten


Die Insolvenz des Schlecker-Konzerns ist einzig für die Minderheit der dort Beschäftigten eine schlechte Nachricht, die sich bei einem Laden mit derart eigenwilligen Vorstellungen von Entlohnung und Mitarbeiterführung wirklich wohl gefühlt hat. Für alle anderen ist es eine hervorragende Nachricht. Und denjenigen, die jetzt verständlicherweise Angst haben um ihre berufliche Zukunft, kann man guten Gewissens sagen: Kopf hoch, etwas besseres als das findet ihr allemal! Mir sind in SGBIII-Maßnahmen Menschen begegnet, die freiwillig dort gekündigt haben und lieber die dreimonatige AlG-1-Sperre der Agentur in Kauf genommen haben, als sich auch nur eine Woche länger ausbeuten und schurigeln zu lassen.

Donnerstag, 19. Januar 2012

Schettino als Symptom?


Ein alter Mythos besagt, es sei die Pflicht eines Kapitäns, mit ‚seinem’ Schiff unterzugehen. Das ist Blödsinn. Niemand erwartet ernsthaft von einem Kapitän, auf dem Kiel stehend im sturmumtosten Nass zu versinken, die Hand an der Mütze zum letzten Gruße wie weiland am Skagerrak. Die Verantwortung für die Sicherheit von Passagieren, Crew und Schiff gehört allerdings zu den Pflichten eines Kapitäns. Erst wenn er alles in seiner Macht stehende getan hat und nach menschlichem Ermessen nichts mehr zu retten ist, dann darf er von Bord. Und wer von der Seefahrt träumt, diese Verantwortung aber nicht zu tragen bereit ist oder sich nicht sicher ist darüber, möge sich unter den zahlreichen reizvollen Tätigkeiten auf einem Schiff bitteschön eine andere suchen.

Montag, 16. Januar 2012

100 Jahre Titanic - Auftakt zum Jubiläumsjahr


Fast pünktlich zum 100. Jahrestag des Unterganges der Titanic am 15. April 2012, bei dem etwa 1.500 Menschen ums Leben gekommen sind, und ohne den Unternehmen wie National Geographic und History Channel ihren Sendebetrieb halbieren müssten, hat es am Wochenende, passenderweise war es ein Freitag, der 13., dank der Reederei Costa Crociere eine kleine Erinnerung daran gegeben, dass auch 100 Jahre später Schiffe durchaus noch sinken können. Dass bislang sechs Tote bestätigt wurden, ist schlimm. Gemessen an anderen Schiffsunglücken aber ist die Havarie der Costa Concordia – man muss es so nennen – vergleichsweise glimpflich abgegangen.

Freitag, 13. Januar 2012

Die Lüge vom Sauberen Krieg


"Dabei wissen wir doch: / Auch der Haß gegen die Niedrigkeit / verzerrt die Züge." (Bertolt Brecht)
Könnten wir bitte damit aufhören, uns Illusionen zu machen? Illusionen darüber, dass der Krieg, den wir, der Westen, am Hindukusch führen, irgendwie sauberer oder weniger grausam und brutal ist als alle Kriege bisher? Könnten wir bitte auch aufhören, uns Illusionen darüber zu machen, dass im Krieg, und zwar immer und überall, Menschen verrohen? Könnten wir bitte endlich damit aufhören, uns Illusionen zu machen, dass der Krieg, und zwar immer und überall, Menschen dazu bringt, Dinge zu tun, die sie unter normalen Umständen niemals tun würden?

Mittwoch, 11. Januar 2012

Pressefreiheit, die sie meinen


Im Zusammenhang mit der Causa Wulff waren in den letzten Wochen in der Online-Ausgabe von 'Cicero' zwei Artikel zu lesen, die sich kritisch mit der Rolle auseinandersetzen, die digitale Medien - vor allem Blogs - bei der Sache gespielt haben. Diese beiden Perlen der zeitgenössischen Essayistik sollten wegen ihrer dezidierten Einseitigkeit, die nur Absicht sein kann, und ihrer ausgemachten Demagogie unbedingt ausführlicher zitiert werden:
„[…] Doch die zweite Blogger-Welt des Internets ist – cum grano salis – keiner ethischen, politischen oder auch nur halbwegs journalistischen Kontrolle unterstellt. Man kann es auch anders deuten: Der berühmte „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ beschert nicht nur den Parteien ein neues Kommunikations-Milieu, das schwer zu ignorieren ist. Oft genug gehen im diesem Milieu anonyme Verantwortungslosigkeit Hand in Hand mit einer denunziatorischen Ruchlosigkeit, die den Kinderjahren der Massenpresse vor mehr als einem Jahrhundert entspricht und dem die Parteien und ihre Repräsentanten wehrlos gegenüberstehen. […]“ Michael Naumann in: Cicero, 2.1.2012

„[…] Sieht man von einigen wenigen Grenzübertretungen ab, dann haben sich die traditionellen Medien in der Berichterstattung der letzten Tage über Christian Wulff, seinen Privatkredit und Urlaubsreisen im Großen und Ganzen an die journalistischen Regeln, die für eine demokratische Gesellschaft existenziell sind, gehalten.
Nur im Internet scheinen diese Regeln nicht zu gelten. Dort kursieren über Christian Wulff und seine Freunde, sein Privatvermögen und über sein Privatleben die wildesten Gerüchte und Viertelwahrheiten. Nichts ist bewiesen, manches erstunken und erlogen. Einige anonyme Blogger [sic!] kennen dabei kein Tabu mehr, für sie scheinen weder die Regeln des Anstands noch das Presserecht zu gelten. Es gibt für die Betroffenen kaum Möglichkeiten, dagegen juristisch vorzugehen – und keinen Presserat, der mahnend seine Finger heben könnte. Der Bundespräsident steht dem völlig hilflos gegenüber.
Schleichend breitet sich das Gift der üblen Nachrede in der digitalen Welt aus. Irgendwann werden auch die traditionellen Medien sich diesem Gift nicht länger entziehen können. Und sei es, dass die Bild-Zeitung sich schließlich voller Verlogenheit über die „üblen Gerüchte im Internet“ empört. Man muss nicht prüde sein, um festzustellen, dass sich das Internet zur Gosse entwickelt hat. […]“ Christoph Seils in: Cicero, 23.12.2011

Dienstag, 10. Januar 2012

Privatsphäre? Datenschutz? Voll out!


Von Datenschutz habe ich nur wenig Ahnung und ich weiß, ich sollte eigentlich mehr Ahnung davon haben. Für den Alltag muss es reichen, dass bei den meisten an mich herangetragenen Ansinnen irgendwelcher Online-, Callcenter- oder sonstiger Datenabgreifer, ich solle ihnen bitteschön doch mal dieses oder jenes über meine Gewohnheiten, Vorlieben und Abneigungen mitteilen, meine spontane Reaktion in aller Regel lautet: Geht euch nix an, die Antwort ist: Nein! Und, nein, ich will auch keine Treue-, Payback- oder sonstigen Punkte, eure tolle Mitgliedskarte könnt ihr euch sonstwohin schieben und erst recht habe ich nicht die Absicht, einem obskuren Club beizutreten.

Samstag, 7. Januar 2012

Was von der FDP übrig blieb


Wieder einmal hat die FDP bei ihrem Umfragelimbo eine Latte unterquert: Nur noch zwei Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung würden ihr einen Gebrauchtwagen abkaufen. In absoluten Zahlen ausgedrückt, wären das bei einer wahlberechtigten Bevölkerung von 62 Mio. Menschen und einer angenommenen Wahlbeteiligung von 60 Prozent bundesweit gerade einmal etwas mehr als 740.000 Menschen. Wenn man bedenkt, dass die Zahl der Selbstständigen in Deutschland, also der Kernklientel der FDP, laut statistischem Bundesamt bei 4,3 Mio. liegt, kann man erst recht ermessen, was für eine Splitterpartei da am Freitag Drei Könige gespielt hat. Warum spricht eigentlich keiner der Kommentatoren aus, worin offenkundig eine der wichtigsten Ursachen für den ebenso hoch verdienten wie erfreulichen Niedergang dieses Parteienrestes liegt? Das, was für alle mit mindestens einem Auge im und mindestens einem Ohr am Kopf mit Händen zu greifen ist? Dass die so genannte 'Junge Garde' der FDP überwiegend aus Flitzpiepen besteht?

Donnerstag, 5. Januar 2012

Was vom Präsidenten übrig blieb


Man kann nach wie vor eine Reihe kritischer Fragen stellen angesichts des kurzfristig angesetzten Fernsehinterviews, das Christian Wulff den Öffentlich-Rechtlichen gewährt hat.

Man kann zum Beispiel fragen, wie es um das Selbstverständnis einer Elite bestellt ist, die hohe und höchste Ämter für sich in Anspruch nimmt, sich aber in faule Ausreden flüchtet und herumjammert, wenn es mal Probleme gibt. Etwa, dass man ja nicht allzuviel Vorbereitungszeit gehabt habe oder das Familienleben so belastend sei. Keinem Studenten ließe man so was im Examen durchgehen.

Dienstag, 3. Januar 2012

Dinge, die ich nicht verstehe. Heute: Mode


Die Behauptung, es sei einem völlig egal, wie man so herumlaufe, ist in den meisten Fällen ein wenig verlogen. Ein spottbillig zu habendes Pauschalstatement, mit dem die, die es rauslassen, eine gewisse Unangepasstheit signalisieren wollen. Zu meinen, Unangepasstheit, ließe sich per Kleidung ausdrücken, heißt jedoch nichts anderes, als Kleidung schon zu viel an Bedeutung beizumessen.