Montag, 8. April 2024

Wahre Worte (74)


Heute: Andreas Bock über die Dauerklage von den fehlenden 'Echten Typen' im Fußball

"Alle paar Wochen jammert irgendein Ex-Profi, dass die echten Typen im Fußball aussterben. [...] Ihre Erzählung ist immer die gleiche: Früher, als sie gespielt haben, wäre das, was heute passiert, niemals möglich gewesen. Früher hätte man sich dies oder jenes nicht gefallen lassen. Denn früher da gab's ja Echtetypen, also sie selbst, und weil's die heute nicht mehr gibt, läuft es nicht nur beim FC Bayern, sondern auch in der Nationalmannschaft und eigentlich überall in der Gesellschaft beschissen. [...]

Die Jugendsprache hat für dieses Echtetypen-Gelaber gleich zwei tolle Adjektive: cringe und belastend. Übersetzt für das ältere Publikum: Die Diskussion ist extrem redundant und langatmig. Manchmal frage ich mich, was anstrengender wäre: Echtentypen in weißen Turnschuhen unter Palmen beim Früher-war-alles-besser-Gejammer oder Berliner Testosteron-Rappern in endlosen Youtube-Interviews beim Wir-sind-die-Härtesten-Gemacker zuzuhören. Beides hat gewisse Autounfall-Vibes. Die letzten echten Männer, die letzten Krieger des Patriacharts, die all den Sensibelchen von heute mal so richtig erklären, worauf es ankommt im Leben.  [...]

Das wirklich Paradoxe an dieser Echtetypen-Diskussion ist die Tatsache, dass es sie schon immer gegeben hat. Vor zehn Jahren, vor zwanzig und auch vor vierzig. Fast zu jedem Zeitpunkt der deutschen Fußballgeschichte echauffierte sich irgendein Profi, Trainer oder Journalist darüber, dass die Echtentypen verloren gingen. Also auch zu Zeiten, in denen es laut Podolski und Basler in der Bundesliga vor echten Typen nur so wimmelte. Hier ein paar Ausschnitte aus der Presse:

1984 sagte Kölns Trainer Hannes Löhr: »Uns fehlen die echten Kerle im Fußball.«

1988 schrieb der »Kicker«: »Der echte Typ ist einer dieser besonders liebenswürdigen Spezies Mensch, die so langsam auszusterben droht.«

1990 konstatierte Timo Konietzka, damals Trainer von Bayer Uerdingen: »Es gibt keine Typen mehr.«

1992 trauerte Lothar Matthäus »echten Typen wie Völler, Littbarski und Brehme« nach.

Ebenfalls 1992 befand HSV-Trainer Gerd-Volker Schock: »Diese Truppe ist sensibel, es gibt kaum echte Typen.«" (11Freunde, 16. März 2024, hinter Paywall)


Anmerkung: Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass auch ich anlässlich des blamablen Auftritts der damaligen Nationalmannschaft bei der EM 2012 mal in dieses Horn gestoßen habe. Inzwischen sehe ich das ein bisschen anders. Es ist doch so:

Momentan stehen neben bewährten Kräften wie Ter Stegen (FC Barcelona), Havertz (Arsenal) Kroos und Rüdiger (Real Madrid), Gündogan (Manchester City, demnächst Barca) u.a., in der DFB-Auswahl noch ein paar von exakt den Bundesligavereinen auf dem Platz, die momentan den schönsten, modernsten und attraktivsten Fußball der Liga spielen, nämlich Leverkusen und Stuttgart. All diese Leute würden definitiv nicht dort spielen, wo sie spielen, wenn sie verweichlichte, kopf- und kraftlose Poser wären. Zumindest nicht sehr lange.

Und all diese Leute stecken jeden einzelnen der Altherrenriege, die sich allsonntäglich in Sendungen wie 'STAHLWERK Doppelpass' ereifern über die Jugend von heute, technisch, athletisch und taktisch drei mal in die Tasche. Wie wenig Substanz die Dauerklage dieser Altherrenriege hat bzw. wie komplett beliebig sie ist, hat Bock dankenswerterweise mit ein paar gesammelten Zitaten von damals, als ja alles besser war, belegt. Ferner ist zu bedenken, dass strukturelle Probleme mit individuellem Versagen bzw. vermeintlichen Charakterschwächen erklären zu wollen, immer die allerbilligste Nummer von allen ist.

Das Problem an der Serie teils desaströser Niederlagen der vergangenen Jahre war nicht die individuelle Qualität der Spieler, sondern das durchaus vorhandene Potenzial richtig einzusetzen und auf den Platz zu bringen. Die jüngsten Ergebnisse gegen die französische und die niederländische Mannschaft könnten mit aller Vorsicht als Hinweis dienen, dass Nagelsmann da einen Weg gefunden hat. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Natürlich gibt es Schwachstellen und Lücken im Kader. Aber das dürfte auf alle zutreffen, die demnächst bei der EM antreten werden.

Überhaupt hat das Reden über Fußball sich diversifiziert: Hier Taktiknerds, für die Fußball Rasenschach ist, und die stundenlang philosophieren können über falsche Neuner, hängende Sechser, Gegenpressing, hoch stehen etc. Auf der anderen Seite die Jungs vom STAHLWERK, teils gealterte Kulturkämpfer mit Aktivenhintergrund, die von Härte, von 'Echten Typen'TM, Körpersprache etc. labern und damit vor allem sich selbst überhöhen. Bei ihnen damals nämlich, da hätten die Gegner schon Reißaus genommen, wenn sie, die 'Echten Typen'TM, bloß breitbeinig (wegen ihrer kubikmeterdicken Klöten) über den Platz gestakst kamen. Schon klar.

Wie alle anderen Talkshows auch, sollte man Sendungen wie die genannte also als das sehen, was sie sind: Formate, die nicht der Erkenntnis und der Analyse dienen, sondern zuvörderst der Unterhaltung.

Gibt es Hoffnung? Schon. Man kann zum Beispiel erwähnen, dass ausgerechnet schon erwähnte Loddarmaddäus, der einst nicht ganz zu unrecht für seine rhetorischen Ausfälle und seinen limitierten verbalen Werkzeugkasten verspottet wurde, seit einigen Jahren immer wieder positiv auffällt mit klugen Analysen und wohl gesetzten Worten. Ferner kann man erwähnen, dass die momentane Schwäche der Bayern in der Bundesliga sich nicht nur positiv auf die Liga, sondern wohl auch auf die Nationalmannschaft auswirkt.








3 Kommentare :

  1. Schließe mich deinem letzten Absatz voll und ganz an. Ein gutes Team,- oh ja, das hat schon was. Es brauchte bei mir viele Jahre dazu. Durch Versuch und Irrtum. Und rückblickend würde ich sagen, auf einem echt hohen Niveau, gelingt das einem nur 2 bis max. 3 mal im eigenen Berufsleben. Und das gilt, so wie ich es derzeit einschätze, auch für Bayern.

    AntwortenLöschen
  2. Dass die "bretter" sich mausert, einmal zum Fachjournal für privilegierte Multimillionäre werden könnte, hätte ich nie gedacht.

    PS: Meine Frau bekam zu Weinachten eine "Viererkette" und mein Enkelsohn eine "langen Ball".

    AntwortenLöschen
  3. "Alle paar Wochen jammert irgendein Ex-Profi, dass die echten Typen im Fußball aussterben"
    Diese Dinge sind bitte schön einzuordnen in die Abteilungen:
    1. Früher war alles besser
    2. Früher hat die Currywurst Mit Pommes Zweifuffzich gekostet
    3. Früher war viel weniger Verkehr
    4. Ich will die D-Mark wiederhaben
    5. Die Jugend von heute

    Ich empfehle daher dringend Jochen Malmsheimer:
    https://www.youtube.com/watch?v=rfAYPP8RtVw

    Gruß
    Jens

    AntwortenLöschen

Mit dem Absenden eines Kommentars stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zu. Zu statistischen Zwecken und um Missbrauch zu verhindern, speichert diese Webseite Name, E-Mail, Kommentar sowie IP-Adresse und Timestamp des Kommentars. Der Kommentar lässt sich später jederzeit wieder löschen. Näheres dazu ist unter 'Datenschutzerklärung' nachzulesen. Darüber hinaus gelten die Datenschutzbestimmungen von Google LLC.