Montag, 7. Mai 2018

Steuereinnahmen winken!


Quellenangabe gibt's nicht, wenn es nicht stimmt, ist es gut erfunden: Als der große Leonard Bernstein 1990 mit 72 Jahren gestorben war, entblödete sich der Autor des Nachrufs in der New York Times nicht, dem Verstorbenen hinterherzurufen, der Menschheit seien noch viele schöne Arbeiten von ihm entgangen, weil er es zeitlebens so sehr habe krachen zu lassen (Bernstein war berühmt-berüchtigt für seinen Alkohol- und Zigarettenkonsum). Keine Ahnung, ob das ironisch gemeint war oder nicht. Vor zwanzig Jahren hätte ich das für möglich gehalten, heute würde ich sagen, wäre das, hihi, todernst gemeint. Bis vor einigen Jahren pflegte ich auf die blöde Frage nach meinen guten Vorsätzen zu Silvester immer zu antworten: Mehr rauchen, mehr trinken, mehr essen, weniger bewegen. Damit habe ich aufgehört, als ich zunehmend in entsetzte Gesichter sah. Die Zeiten ändern sich eben.

Die Bergleute hier im Ruhrgebiet wussten früher, dass sie wahrscheinlich nicht alt wurden. Wer nicht wegen Schlagwetterexplosion oder Bergsturz eines Tages 'unten blieb', wie das hieß, verreckte meist mit zirka 60 an der Staublunge. Also gab man einen Scheiß und legte im Umgang mit der eigenen Gesundheit eine heute befremdlich anmutende Rücksichtslosigkeit an den Tag. Warum auch nicht, wenn jede Schicht die letzte sein konnte? Wer, wie die meisten polnischstämmigen Kumpel, katholisch war oder sonstwie religiös (der Barbarakult wurde auch von muslimischen Bergmännern mitgemacht), konnte sich immer noch mit der Aussicht auf Glück im Jenseits trösten. Das Jenseits ist inzwischen weitgehend abgeschafft im kollektiven Denken, so muss das Diesseits alles leisten und daher möglichst lang sein. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist längst zu einem der wichtigsten Indikatoren dafür geworden, wie fortschrittlich eine Gesellschaft ist und wie gesund sie lebt.

Es verwundert keineswegs, dass nach den Rauchern nunmehr die Dicken und die Trinker verschärft ins Visier der Volksgesundheitsapostel kommen. Forderungen nach weitgehenden Rauchverboten wurden auf dem Höhepunkt der Anti-Raucher-Kampagnen so um 2010 noch mit dem Argument begründet, Raucher schickten schließlich ihre gesamte Umwelt mit ihrem Pesthauch ins frühe Grab, wohingegen übermäßige Trinker und Esser nur sich selbst schadeten. Da man in der Tat zwar passiv rauchen, nicht aber passiv trinken und essen kann, wird nunmehr die gute alte Volksgesundheit ins Spiel gebracht, um den Menschen in ihr Leben hineinzuregieren. Wenn das nicht hilft, muss die Solidargemeinschaft herhalten ("Wieso soll ich dafür mitbezahlen, wenn Menschen sich gehenlassen?")

In Schottland gehen sie nun dazu über, Alkohol mit einer Sonderabgabe zu versehen. 50 Pence, also umgerechnet etwa 57 Cent, werden in Zukunft pro 10 ml reinen Alkohol im Getränk aufgeschlagen. (Man sollte erwähnen, dass auf den durchaus trinkfreudigen britischen Inseln alkoholische Getränke eh schon deutlich teurer sind als hier.) Übertragen auf hiesige Verhältnisse bedeutete das: Würde man jeweils für 10 ml Alkohol im Getränk 50 Cent erheben, dann käme auf eine 500 ml-Dose Bier, die bei einem Alkoholgehalt von 5 Prozent 25 ml reinen Alkohol enthält, demnach ein Aufschlag von 1,25 Euro. Eine Flasche Wein (750 ml) mit 13 Volumenprozent bekäme knapp 5 Euro obendrauf. Eine 750 ml-Flasche Biko mit 40 Volumenprozent Alkohol, die bislang für ca. 5 Euro zu haben ist, würde um satte 15 Euro teurer.

Wenn das keine Einladung zum Selbermaischen und Schwarzbrennen ist, dann weiß ich auch nicht. Kartoffeln sind billig, Hefe auch, eine Destille lässt sich im Netz ordern. Und sicher wird es den einen oder anderen Großvater geben, der so was noch fachkundig bedienen kann. Es könnte also ein blühender Schwarzmarkt entstehen. Mit ein paar Fällen von Blindheit als Kollateralschaden, da keine professionelle Qualitätskontrolle stattfindet.

"Ich halte jeden Menschen für voll berechtigt, auf die von den Ingenieursgesichtern und Betriebswissenschaftlern herbeigeführte, derzeitige Beschaffenheit unserer Welt mit schwerstem Alkoholismus zu reagieren, soweit er sich nur etwas zum Saufen beschaffen kann. Sich und andere auf solche Weise zu zerstören, ist eine begreifliche und durchaus entschuldbare Reaktion. Wer nicht säuft, setzt heutzutage schon eine beachtliche und freiwillige Mehrleistung." (Heimito von Doderer)

Man soll nichts verharmlosen. Alkohol ist ein Nerven- und Zellgift mit hohem Suchtpotenzial, das bei dauerhaftem Abusus schlimme Schäden verursacht, gar keine Frage. Nur könnte es auch Gründe für Alkoholmissbrauch geben, die jenseits von mangelnder Selbstdisziplin und Verfügbarkeit zu suchen sind. Überhaupt ist Vorsicht geboten, wenn propagiert wird, etwas via Sonderabgabe zur reinen Geldfrage zu machen. Abgesehen davon, dass dahinter unhinterfragt das Denken steckt, Schmerzen im Geldbeutel vermögen Menschen am effektivsten zu Verhaltensänderungen zu bewegen, haben solche Forderungen natürlich auch eine soziale Dimension.

Es ist ja kein Zufall, dass vornehmlich Reiche eine Flat Tax fordern, weil ihnen progressive Einkommensbesteuerung lästig ist. Mit Mehrwertsteuererhöhungen, die einen um so weniger betrifft, je weniger von seinem Geld man für Konsumgüter ausgibt, hat man schon weniger Probleme als Vermögender. Weiters kann man schon sagen, dass in jedem Versuch, unerwünschtes bzw. als schädlich identifiziertes Verhalten durch Sonderbesteuerung regulieren, wenn nicht gar weitgehend unterbinden zu wollen, unausgesprochen der Wunsch mitschwingt, vor allem die Armen, den unmündigen Pöbel, zu einem besseren Leben zu erziehen. Weil Reichen und Wohlhabenden solche Zumutungen in der Regel deutlich weniger bis gar nichts ausmachen und man ihnen mit solchen Maßnahmen kaum beikommt.

Noch immer gilt Alkoholismus vor allem als Unterschichtenphänomen. Vielleicht, weil er dort am sichtbarsten auftritt. Das könnte freilich eine optische Täuschung sein. Unter trinkenden Obdachlosen sind durchaus ehemalige wohlsituierte Bürger vertreten, die es irgendwann aus der Kurve geworfen hat. Zumal es auch einen Alkoholismus gibt, der hinter Kultiviertheit und verfeinerter Lebensart sich versteckt. So was ist zum Beispiel verstärkt auf Weinproben und Whiskytastings anzutreffen. Der 2014 im einigermaßen hohen Alter von 87 verstorbene Wolfram Siebeck bekannte noch mit 80 Lenzen offen, sich mindestens zwei Bouteillen ordentlichen Weines pro Tag reinzuschrauben. Ein schwerer Trinker, zweifellos.

Klar kann man sagen, wenn man alkoholische Getränke verteuere, dann würden sie für Jugendliche unattraktiv. Hat ja bei der so genannten Alkopopsteuer schon mal funktioniert. Nur pflegen viele Jugendliche halt auch, etwas umso cooler zu finden, je mehr es mit einem Ruch des Verbotenen umgeben ist. Ferner kann man davon ausgehen, dass das Bedürfnis, sich gelegentlich aus dem Alltag zu katapultieren, davon nicht verschwinden wird. Passiert eh schon. Das juvenile Easyjetset, das die Wochenenden in Clubs durchtanzt, schmeißt Pillen ein. Was von der aufstrebenden Mittelschicht noch übrig ist, kokst sich die Nasenscheidewand blutig und der kleinbürgerliche taz-Leser tritt für die Freigabe von Cannabis ein. So what?



Kommentare :

  1. Wie schrieb Bukowski einst so schön:
    Ich mag Hunde mehr als Menschen.
    Und Katzen mehr als Hunde.
    Aber am meisten mag ich mich - besoffen aus dem Fenster schauend.

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    1. Uhh, auch eine begnadete Saufnase, das...

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    2. Ein Häschen saß am Wolgastrand
      ein Gläschen Wodka in der Hand
      und prostete den Schiffern zu
      aus Hamburg und Honolulu

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  2. Hast übrigens meinen Wortschatz erweitert.
    'Bouteille(n)'.
    Hm.
    Bukowski/Chinaski, die alte Saufnase, hat immer nur Weinflaschen ausgenuckelt...
    Schätze mal, da leitet sich auch das englisch/amerikanische 'Bottle' von ab. Oder umgekehrt.

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    1. Nicht nur – auch sixpacks of beer und Whisky (am Liebsten wohl Cutty Sark) :D

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  3. demnächst kommt dann die Totalüberwachung mit "Sozialpunkten". Da können die Gouvernanten und Moralapostel dem bockigen Pöbel mal so richtig zeigen, wo der Hammer hängt.

    Und auf die idiotische Frage, warum man die Folgekosten über die Krankenkasse mitfinanzieren soll (als selbstoptimierte Arbeitsdrohne), habe ich als Entgegnung die Rentenversicherung.
    Der rauchende, saufende Prolet mit dem gefährlichen Job steigt wahrscheinlich ganz im Sinne der neoliberalen Schweinebande vor Rentenbeginn ins Grab, nachdem er sich für Frau, Kinder und Unternehmer kaputt geschuftet hat. Während der asketische Jogger und Selbstoptimierer versucht, sich noch mit 90 den Arsch auf "Kosten" der Gesellschaft abwischen zu lassen.

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