Mittwoch, 12. Juni 2019

Schmähkritik des Tages (29)


Heute: Sophie Passmann über den Sommer und Biergärten.

"Es gibt drei Regeln, die es zu befolgen gilt, wenn man den Sommer ohne Schaden überstehen möchte: Meide Menschen, suche Schatten, und egal was du tust, trage dabei niemals Flip-Flops. […] Der Deutsche an sich bricht oft alle drei Regeln auf einmal, denn er besucht im Sommer gerne Biergärten. In Biergärten, so die teutonische Mär, sei der Sommer besonders gut zu ertragen. Das ist Quatsch. […] Biergärten sind das Symptom eines größeren Problems: Wir Deutschen sind sehr, sehr schlecht darin, den Sommer würdevoll zu  ertragen. Scheinbar intuitiv suchen wir uns die unlogischsten, dümmsten, ungesündesten Aktivitäten aus, sobald Juni ist, als würden wir die Hitze als Herausforderung und Sonnenbrand als Wettbewerb verstehen.


Ich war schon in einer Menge Biergärten in meinem Leben [...]. Und noch nie saß ich in einem, der seine Versprechen in puncto Naturnähe, Bierqualität oder Urigkeit erfüllen konnte. Denn das ist ja das Schlimme: Biergärten sind seelenlose Orte voller Systemgastronomie, eine Verpflegungsstation, die nichts so richtig ist, zu hell für eine Kneipe, zu unambitioniert für ein Restaurant, nicht mehr als ein Vapiano für Alkohol. Biergärten leben von der Illusion von Tradition, es sind Orte, die Geschichten erzählen wollen von Familienwappen und von großen Eichen, die schon seit Jahrhunderten rumstehen und Schatten spenden, aber alles, was Biergärten in Wirklichkeit sagen, ist: Glaspfand 5 Euro." (ZEITmagazin, 5.6.2019)


Anmerkung: Wie so vieles, werden Biergärten genau dann zum Problem, wenn sie von feierwütigen und erlebnishungrigen Massen überrollt werden. Wenn Biergärten einem als "Vapiano für Alkohol" erscheinen, dann handelt es sich höchstwahrscheinlich um einen der klassischen Münchner Biergärten, in denen nicht am Tisch bedient wird, sondern man sich seine Getränke und, so gewünscht, sein Essen an verschiedenen Verkaufstresen selbst besorgen (und, je nach Andrang, eben anstehen) muss. Es sei denn, man hält sich in dem Bereich auf, in dem es erlaubt ist, seine Brotzeit selbst mitzubringen. Da muss man nur Getränke holen gehen.

(Ab hier Mansplaining. Wer das nicht mag, sollte zum letzten Satz springen.)

Man sollte vielleicht daran erinnern, dass die Münchner Biergärten aus einer Verlegenheit heraus entstanden sind. In München bevorzugte man untergäriges (Märzen-) Bier, das aber nur bei Außentemperaturen bis höchstens  8° C gebraut werden konnte. Bevor es moderne Kühltechnik gab, musste man also im Winter brauen und für den Sommer Vorräte anlegen. Die wären allerdings bei Wärme verdorben, weil das Bier damals nicht pasteurisiert war. Daher lagerten die Brauereien ihr Bier mit Stangeneis in tiefen Felsenkellern. Darüber wurden schattenspendende Bäume gepflanzt, aus technischen Gründen meist flachwurzelnde Kastanien, die verhinderten, dass der Boden sich zu sehr aufheizte. Irgendwann verfiel man dann auf die Idee, das Bier direkt über den Kellern auszuschenken und etwas zu essen dazu zu reichen.

Weil der Direktausschank vor den Toren der Stadt bis zur Erfindung der ersten Kühlmaschinen die einzige Möglichkeit war, in den Sommermonaten kühles, frisches Bier zu trinken, entwickelten sich die neuen Biergärten bald zur Konkurrenz für die Wirte der Innenstadt. In ihrer Not wandten sich die an König Maximilian I. Der verfügte 1812, dass die Brauereien über ihren Kellern zwar weiter Bier ausschenken, aber keine anderen Speisen außer Brot servieren durften. Worunter auch Brezen zu verstehen sind. Der Biergarten wie wir ihn kennen war geboren.

Merke: Ein Biergarten ist aus Gründen so wie er ist, und zwar seit dem 19. Jahrhundert. Wer's dort doof findet, soll halt ein Ausflugslokal oder andere Außengastronomie aufsuchen. Traditionsgeklimper ist in Bayern eh so allgegenwärtig, dass man es vielleicht nicht gar so ernst nehmen sollte.

In dem Punkt aber, dass viele Deutsche kein wirkliches Talent für Sommer haben, ist Frau Passmann uneingeschränkt zuzustimmen.




Kommentare :

  1. @ Münchner Biergärten, darüber gibts diese Schnurre:
    Ein Bayer und ein Preuße sitzen im Biergarten, der Bayer hat bereits seine werweißwievielte Maß Bier hinuntergeschwappt und ist dementsprechend illuminiert, während der Preuße allerweil noch an seinem ersten Gläschen Hellen nippt.
    "So werd des nix, Spezi," tadelt der Bayer, "as Bier muaßt fei maßweis’ neisaufen, sunst wirst nia net b’suffa!"
    Der Preuße winkt ab: "Nee, ick trinke prinzipiell nüscht mehr, als ick jerade Durst habe."
    Da schüttelt sich der Bayer angewidert, "Brrr!" schnaubt er, "grad as wia d’ Viecher!"

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  2. Ein Bayer und ein Brite sitzen sich jeweils mit einer Maß Bier vor sich auf dem Tisch gegenüber. Der Brite hebt sein Glas und sagt "Your Health!" (auf Deine Gesundheit). Darauf der Bayer: "Jur Dunkles!"

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  3. Hach ja, die Frau Passmann. Keine Ahnung von nix, aber zu allem eine wortgewaltige Meinung. Und offensichtlich noch nie in einem Biergarten gewesen, der den Namen verdient. Eichen und Familienwappen, dass ich nicht lache …

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