Mittwoch, 30. Oktober 2019

Erfurter Allerlei


Vorsicht vor dem 'Volk'

Die AfD ist bekanntlich 2013 gegründet worden und steht seither zur Wahl. Seit Sonntag ist in allen fünf neuen Ländern seit 2013 mindestens einmal gewählt worden. Mit folgenden Ergebnissen:

Landtagswahl Mecklenburg-Vorpommern 2016: 20,8 % (+ 20,8 %)
Landtagswahl Sachsen-Anhalt 2016: 24,3 % (+24,3 %)
Landtagswahl Sachsen 2019: 27,5 % (+17,8 %)
Landtagswahl Brandenburg 2019: 23,5 % (+ 11,3 %)
Landtagswahl Thüringen 2019: 23,4 % (+ 12,8 %)

Fazit: Ein Fünftel bis ein gutes Viertel der Wähler in Neufünfland wählen AfD. Ob das alles Nazis sind oder nicht, ist mir egal. Es sind erwachsene Menschen, die sich aus Gründen, die zu beurteilen mir nicht anstehen, dazu entschieden haben, eine Partei zu wählen, die, allen Nebelkerzen zum Trotze, zu einem nicht unbedeutenden Teil Faschisten und Neonazis in ihren Reihen hat. Daher müssen sie sich dem Vorwurf aussetzen, zumindest Nazi-Sympathisanten zu sein und sollen nicht rumjammern. Der Vorwurf, niemand höre ihnen zu, ist absurd.

"Ach, was waren das für Zeiten, als man sich über eine gestiegene Wahlbeteiligung noch gefreut hat. 66 Prozent Wahlbeteiligung. 66. Fühlt sich an wie 33. Oder 88. So viele Sitze hat übrigens der Landtag in Thüringen. Witzig, oder? Nein? Nein, eigentlich nicht." (Micky Beisenherz)

Es hilft auch nicht, zu eindimensionalen Erklärungen zu greifen. Etwa zu der Hypothese, dass Gegenden ohne Außengrenzen und größere Städte wie etwa Thüringen, empfänglicher seien für so was als Gegenden mit Außengrenzen und größeren Städten. Nope, das Problem ist flächendeckend und verwurzelt. Und dann allüberall die Überraschung darüber, dass die thüringische AfD-Wählerschaft noch nicht einmal davor zurückschreckte, einen Faschisten wie Höcke zu wählen!

Na und? 23 Prozent haben in Brandenburg auch einen wie Andreas Kalbitz gewählt. Dabei ist der einzig sichtbare Unterschied zwischen ihm und Höcke, abgesehen von der Menge an Haupthaar, der, dass Höcke mal studiert und ein Buch veröffentlicht hat und er, Kalbitz, bloß so tut als hätte er. Studiert. Das mit dem gerichtsfesten Faschisten? Nun ja, wird vielleicht noch.  

Vielleicht hört der wahre Schrecken, der dem bourgeoisen Föjetong angesichts des Thüringischen Votums in die Glieder gefahren ist, ja eher auf den Namen Bodo Ramelow. Die Vorstellung, dass man zwecks Regierungsbildung nicht mehr an der Linken vorbeikommt, dürfte für Rechtskonservative ähnlich angstbesetzt sein wie für weiter rechts Stehende die, auf allen Speisekarten des Landes nur mehr 'Paprikaschnitzel' vorzufinden.

"Die AfD wird trotz und wegen ihrer völkischen Politik gewählt. Sie ist Anziehungspunkt für das seit Jahren große Heer derer, die sich nach autoritärer Führung, Ausgrenzung und Rechtlosstellung von Minderheiten, patriarchalen Gewissheiten und nationaler Wärme sehnen. Und sie ist Projektionsfläche aller Unzufriedenen, die aus berechtigten Gründen die Rede vom alternativlosen neoliberalen Kapitalismus nicht mehr hören wollen, aber von links nicht ansprechbar sind." (Gerd Wiegel)

Und für die, könnte man ergänzen, die das Heroische in der Politik vermissen. Das Markige, Eindeutige. Das Auf-den-Tisch-hauen. Das Durchgreifen. So lange es nur die anderen trifft. Und da kommt Höcke ins Spiel. Gar nicht mal uninteressant, so als Typ.

Antiquarisch bekommt man gelegentlich diese alten Taschenbücher mit 'Flüsterwitzen' aus dem 3. Reich. Die Dinger hatten in den ersten Nachkriegsjahrzehnten bis in die Siebziger eine gewisse Konjunktur, weil die Deutschen (West, wie's in Ost war, weiß ich nicht) sich so einreden konnten, damals trotz allem Unschönen, das gewiss passiert war, insgesamt doch ein lustiges und unangepasstes Völkchen gewesen zu sein, das sich längst nicht alles hat gefallen lassen. Weil ja quasi fast alle im Widerstand waren irgendwie.

In diesen Büchlein taucht eigentlich immer auch jener Witz auf, der auf die offensichtliche Diskrepanz abzielt zwischen dem von der NS-Führung propagierten Anspruch und der Realität:

Wie soll der ideale Deutsche sein? Antwort: Blond wie Adolf, schlank wie Hermann (Göring), flink wie Joseph (Goebbels) und züchtig wie Ernst (Röhm).

(Für die Jüngeren: SA-Chef Ernst Röhm war bekanntermaßen homosexuell. Das galt als 'Unzucht' und war nach § 175 StGB, der erst 1994 gestrichen wurde, noch bis in die Siebziger strafbar - in der DDR war dieser schändliche Paragraph bereits 1964 abgeschafft worden. Röhms Orientierung war bekannt, doch wurde darüber hinweggesehen, da er und seine SA für die 'Machtergreifung' wichtig waren. 1934 wurde er festgenommen und ohne Gerichtsurteil in seiner Zelle erschossen.)

Auch bei Höcke klaffen Rede und Habitus auseinander. Eine weichliche, tapsige, wehleidige Marmelade von Mann mit teigigen Gesichtszügen und einer Stimme, die einfach nicht kernig oder markig klingen will, schwingt heroische Reden, schwadroniert vom Wolf sein, fordert, wir müssten unsere Männlichkeit wiederentdecken und von weit Schlimmerem. Wenn‘s nicht so ernst wäre, müsste man sagen: Hier wiederholt Geschichte sich als Farce.

Warum aber folgen so einem so viele, anstatt ihn schallend auszulachen? Simple Autoritätshörigkeit reicht da nicht als Erklärung. Eher schon weil sie glauben, 'das Volk' zu sein und Höcke ihnen entsprechend gibt. Es ist auffällig, dass AfD-Anhänger und -Nahe sich immer wieder darauf berufen, in Fragen wie Migration, Klima und anderem 'das Volk' zu sein bzw. dessen Interessen zu vertreten, obwohl doch alle Umfragen belegen, dass sie in der Minderheit sind. Das mag sein, ist aber irrelevant. 'Volk' ist nämlich etwas zutiefst Undemokratisches, daher etwas ganz anderes als 'Bevölkerung' oder gar 'demokratische Öffentlichkeit'.

"Das Volk als mehr oder weniger imaginäres Subjekt hat immer recht, denn sein Recht (anders als das einer mündigen Staatsbürgerin, eines Citoyen) ist nicht erworben, sondern »natürlich«. Mit einem solchen politischen Subjekt ist Demokratie nicht zu machen, und jede und jeder, die damit zu tun haben, wissen es, und wer es nicht weiß und, nur zum Beispiel, die AfD als »bürgerlich« bezeichnet, der will es nicht wissen oder kann es nicht wissen. […] Daher werden […] auch keine Einzelheiten verhandelt; das Volk versteht sich keineswegs [...] als eine kritisch begleitende, eine immer »mitredende« Instanz, sondern als eine Kraft, deren Willen nur erfüllt werden kann oder nicht." (Georg Seeßlen)

Normalerweise neige ich nicht dazu, ungebetene Ratschläge zu erteilen. Aber das sollten alle Demokraten dringend und schnellstens begreifen. Bevor es zu spät ist. Den 89er-Hit "Wir sind das Volk!" sollte man vielleicht auch nicht unnötig mythisch überhöhen.





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