Samstag, 2. November 2019

Preisfragen


"Das politische Thema des Tages ist in Thüringen* der Wahlerfolg der AfD* und die Frage nach den Gründen für ihn. […] Man muß zunächst übertriebene Auffassungen zurückweisen: der Kern der Wählerschaft hat an der guten demokratischen Tradition des Landes festgehalten; nur ein - allerdings ansehlicher [sic] - Bruchteil ist der [...] Werbung der Rechtspopulisten* widerstandslos erlegen […]. Es sind die Leute der nationalen Romantik, die die Götzendämmerung des Nationalismus noch nicht erkennen [...]. Es sind die Leute mit dem kurzen Gedächtnis, die [...] sich auch absolut nicht mehr daran erinnern, wie es früher* bei uns aussah und wie ungeheure Fortschritte wir, so groß die Not breiter Volksschichten immer noch ist, seither, doch ganz unbestreitbar politisch und wirtschaftlich gemacht haben. Es sind die Leute, die innerlich so durcheinander gebracht sind, daß sie kritiklos auf jede Hetze reagieren und jeden Schwindel glauben, der ihnen von skrupellosen Spektakelmachern vorgesetzt wird. [...]

Für den Landtag bedeutet der Einzug der AfD* eine Vermehrung der Elemente, die sich weigern, überhaupt fair mitzuarbeiten, die die Aufgabe des Landtags nicht fördern, sondern von innen heraus sabotieren wollen. […] Sie treiben ein unehrliches Spiel, indem sie trotzdem die volle Gleichberechtigung mit den andern Parteien in Anspruch nehmen – die ihnen selbstverständlich gewährt werden wird –, wie es auch unehrlich ist, selbst einen Staat des Zwanges, der brutalen Vergewaltigung aller Andersdenkenden zu propagieren und gleichzeitig laut zu lamentieren und vor Entrüstung außer sich zu sein, wenn der bestehende Staat sich gegen ihre Wühlarbeit mit sehr zahmen Mitteln zur Wehr setzt."


* Änderungen durch den Verfasser

Solide Analyse, gell? Preisfrage: Von wann ist der Artikel, aus dem das oben Zitierte entnommen ist?

Er trägt den Titel 'Wer wählt nationalsozialistisch?' und ist aus der Frankfurter Zeitung vom 1. 11. 1929. (Übrigens die mediale Vorgängerveranstaltung der gerade 70 werdenden FAZ.) Anlass war die Wahl zum Landtag der Republik Baden vom 27. Oktober 1929, bei der die NSDAP auf 7,0 Prozent kam. Es wurde lediglich "Baden" gegen "Thüringen" vertauscht, "nationalsozialistisch" gegen "rechtspopulistisch", "1923" gegen "früher", "Nationalsozialisten" gegen "AfD" - et voilà! Abgesehen davon, dass man das eine oder andere heutzutage geringfügig anders formulieren täte, liest sich das alles doch sehr vertraut, Viel hat sich offenbar nicht getan, wenn die bürgerliche Presse gewisse Phänomene journalistisch aufarbeitet.

Viele dürften von dem Wind gehört haben, den Rassisten und andere Enthirnte mal wieder gemacht haben, weil das diesjährige Nürnberger Christkind verkörpert wird von der 17jährigen Nürnbergerin Benigna Munsi. Weil nicht blond und blauäugig genug. (Was zum Fick wird erst los sein, wenn die rauskriegen, dass Jesus Orientale, Jude und Flüchtling war? Oder wenn sie mitkriegen, dass das Nürnberger Christkind gar nicht natursemmelblond sein muss, sondern einen blonden Fiffi trägt?) Man sorgt sich in diesen Kreisen halt um Kultur und Traditionen. Und die sind natürlich existenziell bedroht, wenn eine in Nürnberg geborene Schülerin, die römisch-katholisch ist und im Kirchenchor singt, vom Balkon einer Kirche aus ein frommes Sprüchlein aufsagt.


Nächste Preisfrage, aus gegebenem Anlass: Seit wann wird der Christkindlesmarkt eigentlich vom Christkind eröffnet? Wie alt ist dieser Brauch? 100 Jahre? 200? 500? Mittelalter? Faaalsch.

Der Markt selbst ist in der Tat ziemlich alt und wurde erstmals 1628 erwähnt, wie der offiziellen Internetseite der Veranstaltung zu entnehmen ist. Die Figur des Christkindes hatte, wie ebendort ferner zu erfahren ist, hingegen erst 1933 ihren ersten Auftritt. Ziel war, Nürnberg als Stadt der Reichsparteitage mehr in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Heute hieße das wohl Stadtmarketing. Darauf einen Lebkuchen.

(Dank an Th. Laschyk.)





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