Montag, 24. Februar 2020

Grenzerfahrungen in der Konsumgesellschaft (22)


Es gibt ja diverse Exemplare der Gattung Mann, die sich der allfälligen Feminisierung der Gesellschaft mutig entgegenstellen, indem sie nach außen demonstrieren, was für echte Männer sie sind. Nein, MÄNNA. Nee, MÖNNOH. Tragen rasputinhafte geplatzte Seegrasmatratzen am Kinn, die sie regelmäßig in Barbershops (wo nur MÖNNOH Zutritt haben) pflegen lassen und geben sich MÖNNLÖCHEN Hobbys hin. Sich großflächig tätowieren lassen. Barbecue. Essen im Stehen halbroh angebranntes, aus dem Internet heruntergeladenes Edelfleisch vom Grill. Dazu süppeln sie kennerisch Craftbeer aus kleinen Microbreweries. Überhopfte, gallenbittere Gewaltgesöffe, die kein mit durchschnittlichem Geschmackssinn ausgestatteter Mensch ohne Würgereiz durch den Hals kriegt.

Dann gibt es diese Filialen einer großen Drogeriemarktkette, in denen auch der maskulinste Kerl zuweilen mit Toilettenartikeln sich eindecken muss. So dies nicht eine Frau oder Lebenspartnerin für ihn erledigt. Die Zeiten sind schließlich vorbei, in denen es allgemein akzeptiert war, wenn MÖNNOH einmal die Woche badeten, meist am Samstag, daher spätestens dienstags zunehmend ungut nach Iltis zu müffeln begannen. Nun gibt es da ein Problem: In allen Filialen sind die Waren unterschiedlich verräumt, sodass sich kein mit durchschnittlichem Orientierungssinn ausgestatteter Mensch zurechtfindet. Wegweiser? Schilder? Gibt es. Aber winzig klein.

Fast könnte man da Methode hinter vermuten. Seit einiger Zeit nämlich fällt mir auf, dass besagte Filialen für eine ganz bestimmte Zielgruppe, jüngere Frauen nämlich, weit mehr zu sein scheinen als bloße Einkaufsmöglichkeiten. Nein, sich längere Zeit dort aufzuhalten, meist grüppchenweise, zu ratschen, zu bummeln und alles Mögliche auszuprobieren, scheint für diese Damen zu einer Art Lebensstil geworden zu sein. Nun gut, jeder wie er mag. Aber was kann ich dafür?

Irgendwann muss auch der Zentrale aufgefallen sein, dass die unübersichtliche Warenpräsentation bei männlichen Kunden nicht gut ankommt. Also richtete man in jedem Laden eine Männerecke ein. Die ist ganz männlich, pardon, MÖNNLÖCH in schwarz gehalten und überschrieben mit der krampfig-witzigen Bezeichnung 'SEINZ'. (Cuz some diggah must 'ave told 'em zed gonna be cool. Yo.) Eigentlich ganz praktisch. Männer mit einer pragmatischen Einstellung zum Einkaufen (rein, einsacken, zahlen, raus, fertig) finden sofort, was sie suchen und sind glücklich. Gender marketing kann so einfach sein.*

Sollte man meinen. Nun verhält es sich bei mir so, dass ich ein Duschgel und ein Deo bevorzuge, das nicht in der Männerecke zu finden ist. Weil‘s angenehm riecht und mich das Deo auch an heißen Tagen nicht im Stich lässt. Die Geschlechterschiene ist mir wumpe und für unreifen Unfug wie Homophobie fühle ich mich zu alt. Also ist wieder suchen angesagt. Und so entspann sich kürzlich folgender kleiner Dialog zwischen mir und einer freundlichen Verkäuferin:

Ich so: Entschuldigung, ich suche Duschgel.
Sie so: Für Männer?
Ich so: Äh, nein, allgemein Duschgel.
Sie so: Dritter Gang rechts.
Ich so: Danke. Und Deo?
Sie so: Für Männer?
Ich so: Äh, neeeiiin, allgemein Deo.
Sie so: Ach so. Zweiter Gang links.
Ich so: Danke. Sagen Sie mal, finden Sie das nicht auch ein wenig zum lachen?
Sie so (die Augen verdrehend): Hören Sie bloß auf. Als nächstes bekommen wir eine Babyecke.

Es gibt diese Momente, in denen man das sichere Gefühl hat, dass da etwas langsam ausartet. Angesichts der Anzahl offiziell anerkannter nichtbinärer Geschlechtsidentitäten könnten zukünftige Einkäufe reichlich anstrengend werden. Wäre es da nicht viel effektiver, einfach die Läden besser zu beschildern?



=====
* Kein Witz. Die Firma Doritos hat 2018 tatsächlich Chips für für Frauen ('lady-friendly') auf den Markt gebracht. Die zeichneten sich angeblich neben milderen Aromen auch durch fluffigere Konsistenz aus, was zu leiseren, somit 'damenhafteren' Knuspergeräuschen führen sollte.




Kommentare :

  1. Oh ja, SEINZ ist mir auch schon aufgefallen, das spricht mich als Mann echt an, da schwingt was in mir. Ich beziehe Duschgel, Deo usw. auch von weiter hinten im Laden, fast schon aus Prinzip.

    Die Mitbewerber ziehen dann vermutlich bald nach mit MÄNNERS oder KERLZ oder so. Das wird ganz toll dann!

    AntwortenLöschen
  2. @ Gnaddi "Wilde Kerle" gibt`s doch schon lange (hoffentlich kriege ich jetzt kein Promopaket)?

    @Rose "Craftbeer aus kleinen Microbreweries. Überhopfte, gallenbittere Gewaltgesöffe, die kein mit durchschnittlichem Geschmackssinn ausgestatteter Mensch ohne Würgereiz durch den Hals kriegt" ist grundsätzlich mein Ding! Ich habe mich damals schon gefragt, ob es noch anderes, als nur Flens, Jever und Einbecker geben kann...Merkwürdiger Weise trinken Flens die meisten noch mit. Wenn man aber eher auf Spaten, Pschorrr und als gelegentliche Ausnahme: Ein Alt Lightbier steht, kann man sich schon fragen, warum es überhaupt ein Bier sein sollte? Eine Limo würde es auch tun. Für gestandene Westfalen gäbe es da aber noch Herforder Ultralight Mild Plus.;)
    Sollte ich gefragt werden, ob ich ein mildes Craftbeer empfehlen kann? Klar, fast alle von der Insel. Die kriegen kein normales Bier hin, also verkacken die auch das. Das Schöne dabei ist, dass man damit ggf. auch potentielle Geschlechtspartner*innen abfüllen kann, da der Alkwert etwas höher ist. Was man danach noch draus machen kann, ist dann jedem selber überlassen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Gegen Jever und Flens habe ich nix. Kann man sich mal geben. (Das deutsche Bier mit den meisten Bittereinheiten ist übrigens Uerige Alt aus Düsseldorf.) Ein gut ausbalanciertes Helles ist etwas sehr Feines, nicht nur aus Bayern. Ich empfehle z.B. Borbecker Helles aus Essen oder Dortmunder Union Export. Man nimmt sich sehr viel an Vielfalt, wenn's immer nur möglichst Hopfenbitter sein soll.
      @gnaddrig: Ich wäre ja für CURLZ!. Oder eine metrosexuelle Abteilung...

      Löschen
  3. Borbecker war mir unbekannt. Mal schauen, ob ich das hier auch bekomme.

    AntwortenLöschen
  4. Babyecke? Ob Ecke oder nicht: für alle, die keinen Bock haben, sich vielerlei Schadstoffe auf die Haut zu schmieren, bietet das Baby-Repertoire sinnvolle Hautpflege!

    AntwortenLöschen

Mit dem Absenden eines Kommentars stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zu. Zu statistischen Zwecken und um Missbrauch zu verhindern, speichert diese Webseite Name, E-Mail, Kommentar sowie IP-Adresse und Timestamp des Kommentars. Der Kommentar lässt sich später jederzeit wieder löschen. Näheres dazu ist unter 'Datenschutzerklärung' nachzulesen. Darüber hinaus gelten die Datenschutzbestimmungen von Google LLC.