Sonntag, 5. April 2020

Gewinnler und Verlierer


Gut, gebe ich zu, im ersten Moment habe ich mich angesichts des Shutdowns großer Teile des Wirtschaftslebens ein wenig hinreißen lassen. Ganz kurz gedacht, es könnte sich ein bisschen was ändern, da jetzt Leute auf den Trichter kommen, dass sich‘s auch ohne doofes Dauerkonsumieren passabel leben lässt. War zwar nicht völlig ernst gemeint, aber trotzdem naiv. Man irrt sich halt mal. Tatsächlich spricht einiges dafür, dass nach der Krise keine besseren, sondern für viele deutlich härtere Zeiten anbrechen werden. Weil wir Kapitalismus haben. Immerhin, wir können uns dann daran erfreuen, uns wieder gemeinsam zu besaufen.

"Dass es nie gut war und dass unsere Ego-Gesellschaft im Inneren eine nach unten tretende, immer brutaler werdende ist und dass wir nach außen schon immer die Welt ausgelutscht und den Kern achtlos ausgespuckt haben, sei’s drum. Hat uns doch nicht getroffen. Nur die anderen. Und sind die an ihrem Schicksal nicht bekanntermaßen selber schuld? [...] Der Glaube, dass wir, die kontinuitätsverwöhnte Mittelschicht, in einen schlechten Traum geraten sind, eint uns. Der Albtraum möge doch bitte, bitte aufhören. Und zwar bald. Wir haben doch nichts verbrochen. Wir waren doch immer die Guten. Warum sucht er gerade uns heim? Wir haben doch nichts getan." (Helmut Däuble)

Wir erleben gerade eine dieser großen Marktbereinigungen, aus denen der Kapitalismus immer gestärkt hervorgegangen ist. Weil er nicht nur keine Moral kennt, sondern auch extrem flexibel ist. Erinnert sich jemand an Kevin Kühnert? Der hat vor einiger Zeit mal so dahergesagt, ihm sei es letztlich egal, ob ein Unternehmen wie BMW einer Milliardärsfamilie wie den Quandts gehöre oder dem Staat. Was für ein Shitstorm folgte da! Skandal, der rote Rotzlöffel fordert Verstaatlichung! Will die DDR zurück! Sind wir schon wieder so weit? Jetzt werden auch wieder Staatsbeteiligungen diskutiert - wo bleibt der empörte Aufschrei der Kapitalisten? Ungefähr dort, wo er 2009 geblieben ist vermutlich. Als man Bankern, die sich verzockt hatten, mit Milliarden Steuergeld Ärsche und Boni rettete.

Aber die Menschen gehen doch so viel achtsamer miteinander um! Mag sein, aber wo Licht ist, da ist eben auch Schatten. Situationen wie diese legen nicht nur das Gute im Menschen offen, sondern auch sehr zuverlässig, wie dünn der zivilisatorische Firnis ist. Hier in der Stadt gibt es einen Buchhändler, der öfter im Lokalblatt vorkommt, weil er anbietet, älteren und sonstwie eingeschränkten Menschen Einkäufe per Lastenfahrrad nach Hause zu bringen. Ehrenmann!, hieß es da. Dann gibt es hier einen türkischen Kiosk und Kramladen, der Klopapier für fünf Euro das Paket verhökerte. Hängt das Abzockerschwein höher, war da bereits zu hören. Gut, den braven Buchhändler kenne ich von früher aus der Schule. Ist wirklich ein netter Typ mit sozialer Ader. Er wäre aber ein schlechter Händler, würde er den PR-Effekt nicht auch mitnehmen.

Apropos: Wie lange, glauben Sie, hält der kleine, inhabergeführte Buchladen an der Ecke das durch? Einen Monat? Zwei? Drei? Die Fixkosten laufen ja bei aller Selbstausbeutung weiterhin durch und es sind schließlich nicht alle Adidas. Vier Monate? Respekt! Nicht? Jeff B. aus S. wird sich freuen. Kleinvieh macht auch Mist. Wenige Gewinnler, viele Verlierer, wird das Ergebnis sein.

"Doch wie in allen Krisen gibt es auch in einer Pandemie Gewinner. Es scheint, als stünden sie in gehörigem Sicherheitsabstand auf der Tribüne und beobachteten durch ihre Fernstecher das Überlebensspektakel in der Manege, wo selbst einstige Konkurrenten aus der Upperclass, wie Apple und Microsoft, mit 30 Prozent Aktienverlusten im Staub liegen. […] Für Amazon läuft es dagegen bestens. In nur zehn Tagen hat das Megaunternehmen 100 Milliarden Dollar an Wert zugelegt. Geschlossene Läden und leere Städte lassen das Versandgeschäft mit Gütern aller Art boomen."(Klaus Staeck)

Ja, aber der Respekt, der wirklich systemrelevanten Leuten wie Pflegekräften, Kassiererinnen und Lageristen jetzt endlich, endlich mal entgegengebracht wird? Nun, das nutzen Unternehmen, ihre Helden zu feiern, wie das einzelne Discounterketten bereits tun und sich einen sozialen Anstrich zu geben. Virtue signalling. Weils gerade gut ankommt. Vielleicht gibt es für die in diesen Branchen Tätigen ja auch ein paar (staatlich geförderte) Zulagen. Und dann? Fragen Sie mal Vietnam- und Falklandveteranen zum Thema Dank des Vaterlandes. Lassen Sie Ihre Phantasie spielen, was im Einzelhandel so alles an Automatisierung möglich ist. Oder was passieren wird, wenn die Grenzen erst wieder für billige Pflegekräfte aus Osteuropa offen sind.

Für eine Revolution fehlt halt der Gegenentwurf. Ein Green New Deal ist so wenig einer wie eine völkisch-nationalautoritäre Wende, das bekommen Grüne und AfD gerade zu spüren. Weil beides auch bloß Kapitalismus mit grünem oder braunem Anstrich wäre. In den Personalabteilungen wird längst aufmerksam beobachtet und gerechnet, mit wie viel weniger zeitlichem und personellem Aufwand sich alles so wuppen lässt. Und wenn das irgendwann vorbei ist, dann wird es brutaler werden als zuvor. Stellenabbau und Sparzwang. Gürtel enger wegen all der sozialen Wohltaten, die - Staatsschuldenkrise! - über die Volkswirtschaft ausgegossen worden seinen, werden sie predigen. Hat schließlich schon mal funktioniert

Und davon, "dass der globale Süden einen wesentlich höheren Preis bezahlen wird als wir" (Däuble, a.a.O.) war noch gar nicht die Rede.



Kommentare :

  1. Wie diese Ellenbogengesellschaft tickt, hat der egoistische Run auf das Toilettenpapiere gezeigt. Genauso wie das unkritische Bejubeln der Maßnahmen unserer Witzfiguren in der Regierung.

    Viele Unternehmen merken derzeit, wie gut der Betrieb auch um homeoffice-Modus läuft. Da ist nach der Krise noch viel Sparpotenzial. Mieten für Großraumbüros z. B.

    Die Isolation von Menschen ist doch ein alter feuchter Traum der Herrschenden.

    Zum Trikont stelle ich fest, dass die Menschen in den Armutsregionen dieser Welt die globale Triage schon lange kennen. 1.Überflussgesellschaften, 2. Schwellenländer, 3. Entwicklungsländer.

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  2. Dystopie zur Coronawende: https://www.imdb.com/title/tt4118466/

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  3. Danke, dass Sie den zutreffenden Terminus (Krisen-)Gewinnler anführen, statt (Krisen-)“Gewinner“ wie die Mainstream-Journaille. Gewinner sind Sieger, Gewinnler sind unverdiente Profiteure in Notsituationen.

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    1. Wobei ich schon ein wenig bedaure, dass das Wort 'Verlierler' nicht wirklich existiert...

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  4. Gestern hatte ich nach Feierabend auch ein paar düstere Visionen. Was wenn in unserem Markt ein infizierter Mitarbeiter identifiziert wird und das Gesundheitsamt Quarantäne für alle Kontaktpersonen fordert. Bei unserer Personaldecke wäre das fast die gesamte Belegschaft. Nun gelten wir aber als Teil der Grundversorgung der Gesellschaft. Irgendwie soll der Laden also weiter laufen. Und da kam ich an einen Punkt, an dem ich nicht weiß ob ich eine zu düstere Weltsicht habe.

    Was wenn die Grundversorger (sprich Konzerne) dies als Gelegenheit sehen zur guten alten Praxis des Heuern und Feuern ohne störende Gewerkschaften, Tarife oder Kündigungsschutz zurückzukehren. Alte Arbeitsverträge werden aufgelöst und durch täglich (nach festgestellter Infizierung) kündbare ersetzt. Natürlich als "vorübergehende" Notfall-Verordnung die die Versorgung der Bevölkerung sicherstellen soll. Ich hoffe stark, dass diese Vorstellung nur ein Fall von Paranoia ist.

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    1. Das ist sie nicht. Daher hat ja Heil auch für die "systemrelevanten" Berufe 12 h Schichten freigegen, die in der Regel dann 14 h bedeuten. Als Belegschaft kann man dann nur eines machen fristlos kündigen und zwar geschlossen (was natürlich nicht passieren wird). Allerdings sollen Kassierer & so wohl dabei noch ausgenommen sein. Es sollte aber nicht verwundern, wenn entsprechend Manager da ihr eigenes Süppchen kochen und voll auf die Untertanenhaftigkeit, das Unwissen der Leute und natürlich auch mit den Blockwarten dabei rechnet.

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    2. Außerdem darf die Arbeitsagentur Empfänger von Kurzarbeitergeld sanktionsbewehrt in zumutbare Arbeit vermitteln. Also z.B. gelernte Verkäufer/Einzelhandelskaufleute aus Klamottenläden bei Bedarf in Lebensmittelmärkte.

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