Donnerstag, 9. April 2020

In die Vormoderne


"Ich sehe in Ächtung und Boykott eine schwarze Pädagogik am Werk, die letztlich die Welt zu keinem heileren Ort macht." (Anselm Neft)

Das Vereinigte Königreich ist definitiv ein Land, in dem es nicht mit rechten Dingen zugeht. In einem Land, in dem es mit rechten Dingen zuginge, würde man einem wie Boris Johnson nicht einmal die Verwaltung einer Klassenkasse anvertrauen. Erst wochenlang weiter Hände geschüttelt, während Europa schon im Lockdown war. Wegen Splendid isolation vermutlich und weil man ja schließlich Churchills legitimer Nachfolger ist, ein ganzer Kerl dank Chappi, dem das doofe Virus nix kann, und die ganzen Virologen- und Epidemiologen-Eierköpfe doch eh nur Panik machen. Dann noch die schwangere Lebensgefährtin infiziert und jetzt auf der Intensivstation gelandet - Glückwunsch, so ziemlich alles falsch gemacht, was geht. Depp.

Themenwechsel: Rammstein-Grummler Till Lindemann hat letztens einen Gedichtband veröffentlicht, der, wie man so hört, in Teilen ungefähr da weitermacht, wo die Rammstein-Texte aufhören. Aha. Schon mal gelesen, was der olle Bertel Brecht 1948 so rausgehauen hat? (Wer unbedingt einer Triggerwarnung bedarf, möge dies als solche auffassen. Früher half da immer Riechsalz.)

"Zahlreiche Autorinnen und Autoren, allen voran Kathrin Weßling und Saša Stanišić, haben Kiepenheuer & Witsch für den Abdruck dieser Gedichte gerügt; der Verleger Helge Malchow wurde dazu aufgefordert, Lindemann zu feuern und sich zu entschuldigen; die Autorin Sibylle Berg wurde dazu gedrängt, sich seinetwegen einen anderen Verlag zu suchen." (Jens Balzer)

Das erinnert nicht zufällig an einen ganz ähnlichen Fall vor ein paar Wochen. So man sich nicht in Gedankenwelten bewegt, in denen Männer grundsätzlich immer Täter und Frauen grundsätzlich immer Opfer sind, lässt sich über den Fall Woody Allen nur sagen, dass man nichts genaues weiß, geschweige denn, sagen kann dazu.

"Der Streit um den Vorwurf, Woody Allen habe seine Adoptivtochter Dylan missbraucht, währt nun bald dreißig Jahre, und es ist keine obskure Auffassung, dass sich die Wahrheit nicht mehr wird ermitteln lassen. Allen, der juristisch unbelangt und durch zwei Untersuchungen entlastet ist, hat stets beteuert, seine Expartnerin Mia Farrow habe das Kind aus Sorgerechts- und Eifersuchtsgründen aufgehetzt, ähnlich (und noch deutlicher) äußert sich beider Adoptivsohn Moses, der seine Mutter für »extrem manipulativ« hält. Ronan Farrow hält dagegen streng zur Mutter und seiner Schwester, die ihre Vorwürfe nach »Me Too« erneuert hat. Sie war zum Zeitpunkt der Tat, die sie Allen vorwirft, sieben Jahre alt." (Stefan Gärtner)

Das genügte diversen Autoren des Rowohlt-Verlages, darunter eigentlich vernunftbegabte Menschen wie Sascha Lobo, Till Raether und Kathrin Passig, sich in einem offenen Brief an den Verleger Florian Illies zu wenden, um ihn davon abzuhalten, Woody Allens Autobiographie zu verlegen. Das schmale Pamphlet fußt allein auf der (gefühlten) Gewissheit, es gäbe "keinen Grund, an den Aussagen von Woody Allens Tochter Dylan Farrow zu zweifeln." (eine Erklärung, wieso das Statement von Moses Farrow dagegen in Zweifel zu ziehen ist, bleiben die Schreiber schuldig) und offenbart ansonsten ein erschreckend hohles, um nicht zu sagen infantiles Verständnis von Literatur.

Sicher, man kann und muss im Zweifel immer alles kontrovers diskutieren. Hier aber fragt man sich: Ist denen das nicht selber peinlich? Dieser Anspruch, nur mehr ausschließlich von Sauberfrauen und -männern umgeben zu sein? Und wenn doch ein nach intransparenten Maßstäben als solcher identifizierter Schmutzfink seinen nach Gefühl als solchen Identifizierten Schmuddelschund unter demselben Label veröffentlicht, sofort patzig dessen Entlassung zu fordern? Wie wäre es damit: Wenn einem Teile des Restprogramms seines Verlages par tout nicht passen, dann haue man da in den Sack und suche sich einen anderen Verlag, gern auch öffentlichkeitswirksam, anstatt immer nur andere dazu aufzufordern. Damit bewiese man deutlich mehr Haltung und Rückgrat als mit gratismutiger Denunze.

Geht nicht? Geht schon. Hat zum Beispiel der zu Unrecht verstorbene Herrmann L. Gremliza 2016 mit dem Suhrkamp-Verlag so gehalten, in dem sein Buch 'Haupt- und Nebensätze' erschienen ist. "Weil Suhrkamp weiterhin Bücher des nach rechts gekippten Schriftstellers Uwe Tellkamp verlegte, entzog er dem Verlag die Rechte" (Martin Krauss) und gut.

Angenommen, ich bekäme zwei Anfragen von Verlagen einige der hier hier im Laufe der Jahre erschienenen Beiträge als Buch herauszugeben. Die eine Anfrage käme vom Kopp-Verlag, die andere von Anthaios (unwahrscheinlich, aber nehmen wir‘s mal an). Beide Verlage wären ohne Frage ein publizistisches Umfeld, in dem ich mich ums Verrecken nicht würde tummeln wollen. Wollte ich mir halbwegs treu bleiben, müsste ich daher ablehnen und so auf Tantiemen nebst eventuellen Vorschüssen verzichten. Das wäre nicht schön, aber man steht im Leben mitunter vor dem Problem, seine Werte und Ideale gegen finanzielle und andere Vorteile abwägen zu müssen. Man nennt so was auch: Autonomie. Mit dem oft gehörten Argument, ja, aber dann entgingen mir doch Einnahmen, bewiese man exakt eines: Wie korrumpierbar man ist.

Und mit patzigen Rausschmissforderungen zeigt man zuverlässig, wie autoritätsgeil man ist. Bei mir triggerte so was allenfalls einen 'Jetzt erst recht!'-Reflex. Robert Pfaller hat die seltsame Dichotomie herausgearbeitet, dass der maßlose Anspruch an die Mitmenschen, gefälligst moralisch integer zu sein (nach Maßstäben freilich, die sie nicht mitverhandeln dürfen) und der nach maximaler Zartheit im Umgang miteinander, nicht zufällig einhergehen mit zunehmender Brutalität der ökonomischen Verhältnisse.

Mehr noch: Neoliberale und postmodern-pseudolinke Identitätspolitiker ziehen hier, gewollt oder nicht, an einem Strang. Beide Kräfte profitieren davon, wenn das Prinzip der 'mündigen Bürgerlichkeit' (citoyennetée, in Abgrenzung zu bourgeoisie/'Besitzbürgertum') irrelevant würde. Die Fähigkeit, eigene Empfindsamkeit im öffentlichen Raum hintanzustellen, gern als männlich, weiß, heterosexuell diffamiert, ist die entscheidende Voraussetzung für zivilisiertes Verhalten. "Dagegen ist die Unterwerfung des öffentlichen Raumes unter die Kriterien persönlicher Empfindlichkeit […] die stärkste Ressource zum Abbau von bürgerlicher Teilhabe und Politikfähigkeit." (Pfaller, S. 24)

Links ist da also gar nichts dran. Es sein denn, man definierte links so, wesentliche Errungenschaften von Aufklärung und Moderne wieder abzuschaffen.

Und was ist mit dem Argument, die Tatsache, dass Bücher wie das von Allen und Lindemann veröffentlicht würden, sei ein Schlag ins Gesicht aller Opfer sexueller Gewalt? (Die Frage, was etwa Kriegsfilme mit traumatisierten Kriegsheimkehrern anrichten, wird meines Wissens nach mit deutlich weniger Emphase gestellt. Sind schließlich selbst schuld, die toxischen Männer, und brauchen auch nicht hinzuschauen.) Sagen wir so:

Seit 1958 erscheinen im Deutschen Taschenbuch-Verlag (dtv) die Memoiren von Rudolf Höß, des ehemaligen Kommandanten von Auschwitz. Höß schrieb sie in polnischer Untersuchungshaft, bevor er 1947 auf dem KZ-Gelände hingerichtet wurde. Das Buch ist bis heute im Handel zu beziehen. Von Forderungen, dieses schmale, literarisch schwache, für Holocaust-Überlebende sicher nur schwer erträgliche Machwerk gefälligst nicht zu veröffentlichen, ist nichts bekannt. Es war allen klar: Die Welt wird kein besserer Ort, wenn man das verhindert. Im Gegenteil, will diese verfluchte Menschheit eine Chance haben, irgendwie weiterzukommen, dann muss man auch das, vielleicht gerade das lesen dürfen, auch wenn‘s weh tut. Anders geht es nicht.

Dahinter sollte man nicht zurückwollen. So wenig wie man sich einem Mob anschließen sollte. Wie edel der Zweck auch immer sein mag.




Kommentare :

  1. Sehe ich ähnlich. Die Lektüre dient dabei ja auch als Chronik des Zeitgeists.

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  2. Sehr gut. Es ist ja inzwischen Volkssport geworden, sich nach der Lektüre von zweieinhalb Zeitungsartikeln zum Richter über seine Mitmenschen aufzuschwingen und eine Bestrafung zu fordern. Es ist ein Wettbewerb um das Privileg entbrannt, den ersten Stein werfen zu dürfen.

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    1. Der Erfolg dieses verbalen Steineschmeißens ist sicher auch damit erklärbar, dass eine Analyse der Welt mittels einfacher schwarz-weiß- bzw. gut-böse-Zuschreibungen auch den durchschnittlichst begabten Zeitgenossen intellektuell nicht überfordert. Und unter den Rahmenbedingungen der Digitalisierung gibts dafür im Gegensatz zu früher noch Fame und Kohle.

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  3. Siewurdengelesen9. April 2020 um 21:43

    "Hat zum Beispiel der zu Unrecht verstorbene Herrmann L. Gremliza 2016 mit dem Suhrkamp-Verlag so gehalten, in dem sein Buch 'Haupt- und Nebensätze' erschienen ist. "Weil Suhrkamp weiterhin Bücher des nach rechts gekippten Schriftstellers Uwe Tellkamp verlegte, entzog er dem Verlag die Rechte"

    Was würde der jetzt sagen???

    Wahrscheinlich rotiert der wie ein Generator.

    Und wer das Prinzip "Rammstein" und Lindemanns immer noch nicht gecheckt hat...

    Das Verbieten noch nie etwas gebracht hat, ist nicht neu. Verbotene Früchte schmecken nun einmal am besten und ausserdem wird genau darüber oft Blödsinn erst interessant frei nach dem Motto: "Da muss doch etwas dran sein."

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  4. Das Thema erinnert mich an den SPIEGEL-Bestsellerlistenskandal um "Finis Germania" von Rolf Peter Sieferle. Eine bessere PR hätte sich der Autor nicht wünschen können.

    https://www.cicero.de/kultur/Spiegel-Bestsellerliste-Das-verschwundene-Buch

    Ja selbst Hitlers "Mein Kampf" ist mit seinen übere 800 Seiten kostenlos online als PDF zu haben.

    Ich bin in derartigen Kontroversen sehr gespalten, tendiere aber zu "keinen fussbreit den faschisten". Niemand käme auf die Idee, bei Hitler, Göring, Himmler und Konsorten die Unschuldsvermutung in Spiel zu bringen, weil sie nie rechtskräftig verurteilt wurden.

    Till Lindemann gehört zu einer kulturellen Fraktion der Zivilgesellschaft, die ich einfach ignoriere.

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    1. Göring wurde im Nürnberger Prozess rechtskräftig verurteilt. Vermutlich meinten Sie Goebbels.

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    2. Niemand käme auf die Idee, bei Hitler, Göring, Himmler und Konsorten die Unschuldsvermutung in Spiel zu bringen, weil sie nie rechtskräftig verurteilt wurden.
      Eben, weil die Beweise anderweitig erbracht wurden. Was aber ist in der Causa Allen bewiesen? Wozu hier der Nazi-Vergleich?

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