Samstag, 28. November 2020

Die andere Seite

 
Propaganda ist immer leicht erkennbar am Druck, der auf Tränendrüsen ausgeübt wird. Die übelsten Ausbeuter, denen Rendite über alles, das Schicksal einsamer Großmütter und allein erziehender Mütter hingegen sonstwo vorbei geht (denn das hat der Markt halt so geregelt und jeder bekommt schon irgendwie das, was er verdient), entdecken schlagartig ihr Herz für einsame Großmütter und allein erziehende Mütter. Wenn etwa die Lokführer wagen zu streiken, dann wird tränenreich gebarmt über das Schicksal im Regen stehender Alleinerziehender und ihrer traumatisierten Kinder, die am Wochenende nicht mehr mit der Bahn zur Omma können.

Weil aber jedes Problem immer mindestens zwei Seiten hat, gibt und es wahrscheinlich auch eine Menge Kinder gibt, die heilfroh sind, den alten Oma-Drachen auch mal nicht sehen zu müssen. Das wird einigermaßen konsequent beschwiegen. Weils halt nicht zum trauten Familienbild passt, das gerade Konservative gern zeichnen.

Das gilt auch für die momentane Corona-Lage. Da klagen ja eher nicht die am vernehmlichsten, die es wirklich derbe erwischt hat, also Gastronomen, Kulturschaffende, Kleinselbstständige studentische Nebenjobber etc. Gehör verschaffen sich vor allem spinnerte, vergleichsweise gut abgesicherte Mittelschichtler mit Hang zu Verschwörungsgetüdel, hirnrissigen historischen Vergleichen, esoterischem Spintisieren, Gefrömmel, völkischer Gülle und anderem Gaga-Gesummse. Meist fordern diejenigen eine möglichst baldige 'Rückkehr zur Normalität', in deren Leben Urlaube, Vernissagen, Restaurant- und Theaterbesuche ihren festen Platz haben. Diejenigen, die den dergestalt Barmenden das mit ihrer oft schlecht bezahlten Arbeit erst ermöglichen, kommen meist weniger vor.

"Wer säuselt, dass uns die Pandemie alle gleich macht, redet weichgespülten Unsinn. Die Pandemie verschärft die Gegensätze. Die einen seufzen über Langeweile, Frustfressen und Stimmungstiefs infolge mangelnder Geselligkeit, während andere schuften bis zum Umfallen und jetzt das Schuften auch noch mit geschlossenen Schulen und Kindergärten irgendwie auf die Reihe kriegen sollen. Oder sie schlittern in die Arbeitslosigkeit und von der Arbeitslosigkeit in die Notstandshilfe, was auch keine Fadesse aufkommen lässt. Die Freiheit, deren Verlust die einen so bedauern, haben sie nie kennengelernt. Freiheit, was ist das?" (Elfriede Hammerl)

Kaum zu hören sind dagegen die, denen die Begleiterscheinungen des Ganzen sehr gut tun. Die nur noch wenig arbeiten müssen, denen diese Entschleunigung sehr gut tut, und die dank Kurzarbeitergeld trotzdem ordentlich über die Runden kommen. (Merke: Etwas, über das Fritze Merz sich ernsthaft Sorgen macht, kann unmöglich völlig schlecht sein.)

Oder Weihnachten. Ist ja bald wieder. Und da hört der Spaß endgültig auf. Wussten sie schon im Mittelalter. Na ja, sort of. Im ansonsten arg öden Film 'Robin Hood – König der Diebe' (1991) ordnete der von Alan Rickman genialst gespielte Sheriff von Nottingham als ultimative Schikane an, man solle Weihnachten absagen. Daher eiert die Regierung momentan auch noch krasser rum als sonst. Weihnachten ist der einsame pinnacle des Festkalenders. Besinnlichkeit! Bescherung! Familie! Nein, Familie hoch zehn. Hardcore. Weihnachten ist der Endgegner. Das Bosslevel. Vor wenigem dürfte man im Kanzleramt mehr Manschetten haben, als wenn viral gönge: Weihnachten abgesagt. #Dankemerkel!

Zu Weihnachten scheint es nur mehr Extreme zu geben: Maximal harmonisches Familienglück hier, wo drei Tage lang alle ununterbrochen auf Wolke sieben schweben, oder hohler, sinnentleerter Terror dort, bei dem es gilt, möglichst schnell nachdem der protokollarische Teil (Bescherung, Essen, Zerwürfnis) erledigt ist, die Flucht auf eine laute Festivität anzutreten. Totales Glück oder totale Hölle, dazwischen gibt es nichts. Und das ist natürlich auch Blödsinn.

"Gänsebraten und Geschenke konnten meist nicht überdecken, was an den 362 Nichtweihnachtstagen zuvor in der Sippe ans Licht gekommen war und nun im romantischen Kerzenschein thematisiert wurde. Politische Differenzen waren da noch am harmlosesten. Wesentlich giftiger wurde es unterm Tannenbaum, wenn urmenschliche Aversionen gegen die Blutsverwandtschaft durch Alkohol befördert ins Freie drängten. […] Tatsache ist, dass Familien in vielen Fällen hemmende Zwangsgemeinschaften sind, unter denen Menschen lebenslänglich leiden. Das wissen auch Konservative zumeist aus eigener Erfahrung. Aber niemand traut sich, es auszusprechen." (Michael Miersch)

Auch hier wieder die Frage: Was ist mit all jenen, die hocherfreut sind, an Weihnachten dieses Jahr wirklich ein paar ruhige Tage verbringen zu können und nicht andauernd irgendwohin zu müssen (irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, das sind gar nicht so wenige)? Nicht für alle da sein zu müssen. Weil ja Weihnachten ist. Nicht von alten Freunden bedrängt zu werden, die sich zwischen den Jahren mal melden und dann erwarten, dass man Gewehr bei Fuß steht. Ohne jedes Schuldgefühl absagen können - herrlich!




Kommentare :

  1. Einfach die Anregung vom Kiezschreiber umsetzen. Weihnachten im ICE verbringen. Anlage und Getränke mitnehmen, Leute einladen und ab geht der Punk. Abstand & Quantität der Massen sind egal, wichtig ist nur die Maske. Zum Rauchen und Saufen muss man halt (wie in Pennälertagen) auf`s Klo, aber das ist ja nicht für die Ewigkeit.

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    1. Rauchen auf dem Klo löst Alarm aus (wie Parfümzerstäuber oder Deospray übrigens auch gelegentlich). Aber wer will denn überhaupt rauchen? Braucht man doch nicht. Nikotinentzug kann man vorübergehend auch per Pflaster vermeiden.

      Und das Gesöff kann man vorher umetikettieren, dann merkt es sicher auch niemand. Bier zu Apfelschorle, Whisky zu Saft, Rotwein zu Traubensaft, Sekt zu Ginger Ale. Prost Neujahr!

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    2. So viel Vertrauen in die Technik hätte ich da nicht. Eher dürfte das Klo als unbenutzbar schon im Vorfeld deklariert sein.

      Der Etikettenschwindel nutz nichts, da man die Maske um Trinken in der Regel absetzen muss.

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  2. Die letzten beiden Jahre habe ich Weihnachten bei meiner Nichte gefeiert. Jeweils mit der Familie ihres neuen Freundes. 2018 hieß er Daniel und wir waren 18, von denen ich die Hälfte noch nie zuvor gesehen habe. 2019 hieß er Alexander und wir waren 13. Letzte Woche hat sie uns ihren neuen Freund vorgestellt. Den Namen habe ich schon wieder vergessen. Aber diesmal habe ich mit Corona das Trumpfass im Ärmel ;o)

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  3. „Propaganda ist immer leicht erkennbar am Druck, der auf Tränendrüsen ausgeübt wird.“ – Da ist was dran. Beispielsweise an der Corona-Front: Maddies Oma stirbt an Corna (Fotografiert beim Aldi).

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    1. Genau wie das arme Mädchen, dass "Anne Frank" ist. Und natürlich "Sophie Scholl" zu vergessen. 😉

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    2. Das Mädel da bei der Querdenken-Demo (hoffentlich tipp ich richtig, bin erst durch den Eklat drauf gestoßen) hat eine Mega-Peinlichkeit vom Stapel gelassen. Keine Frage.

      Der Fallstrick besteht darin, dass das als pars pro toto missbraucht wird, die Demonstranten generell in Haftung zu nehmen.

      Das sind dann solche Momente, an denen ich von Herzen wach werde.

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