Dienstag, 24. November 2020

Abgänge (2)

 
Früher war das so, dass ich jeden Tag in der Frittenbude Currywurstpommesmayo hätte essen können (was ich zum Glück nicht getan habe). Die Begeisterung hat sich inzwischen ziemlich gelegt. Hin und wieder mal, aber man bekommt auch im Ruhrpott immer seltener eine wirklich gute Currywurst. Eine sensationelle gibt es bei Döveling an der Bochumer Straße. Die Sauce kommt aus dem Topf, in der die Schaschlicks über Stunden butterweich dünsten. Die andere Spezialität sind Hähnchen. Die entseelten Flattermänner werden vorgegart, kommen kurz vor dem Verkauf noch mal in die Fritteuse ('letzte Ölung' genannt) und werden dann großzügig mit einer selbstgemixten Gewürzmischung eingestäubt.

Der Laden hätte also das Paradies meiner Jugend sein können. War er aber nicht. Denn er liegt in einer Gegend, die man tunlichst nicht aufsuchte als bürgerliches, innenstadtsozialisiertes Kind. Dazu muss man wissen, dass in meiner bescheidenen Heimatstadt Bergbau und Montanindustrie vom Rhein-Herne-Kanal im äußersten Süden der Stadt langsam nordwärts gewandert waren. Und so hat man es hier quasi mit zwei Städten zu tun: Einem gemütlichen münsterländischen Städtchen im Norden und einer Ruhrpottcity im Süden.
 

Dort unten, wo einst auf den Fördertürmen die Seilscheiben sich drehten und die Kokereien um die Wette qualmten, war es grau und trist. Dort wohnten die Sch'tis, deren Namen meist auf -ki oder -ke endeten. Sie rochen förmlich, wo du herkamst. Stieg man aus dem Bus, musste man damit rechnen, von einheimischem Jungvolk angepöbelt zu werden und vor die Füße gerotzt zu bekommen. Ein falscher Blick konnte fatale Folgen haben ("Ey, watt glotzte so? Aufs Maul oder watt?"). Zu Jugendzeiten besuchte ich einmal mit ein paar Leuten einen Bandwettbewerb in einem Kulturzentrum, das eine wahnsinnige Stadtverwaltung einst mitten in diese Gegend gesetzt hatte. Der Trip wurde durchgeplant wie eine Antarktisexpedition. 
 


Als ich irgendwann meine erste Currywurst von Döveling kostete, wurde mir schlagartig klar, was ich verpasst hatte die ganzen Jahre.

Helmut Döveling, von allen nur 'Vatter Döveling' genannt, hat den Laden 1961 eröffnet, vor vielen Jahren schon hat Tochter Hertha übernommen. Ende des Jahres ist nach knapp 60 Jahren Schluss. Altersgründe. Kein Nachfolger. Sic transit gloria mundi.

Und Karl Dall ist auch nicht mehr. Dall gab konsequent den Trottel und Chaoten, dabei einen Dreck auf Peinlichkeit, war dabei aber immer deutlich klüger als er wirkte. Auch im höheren Alter hat er nie die Abkürzung zum billigen Geld genommen, indem er öffentlich Schwächere demütigte und sich dann publikumswirksam über angebliche Sprechverbote ereiferte. Dazu soll er abseits der Bühne auch ein viel zu feiner und feinfühliger Mensch gewesen sein.

Dafür musste man ihn einfach mögen. Und noch für zwei andere Dinge: Da war einmal seine legendäre Talkshow 'Dall-As', die Anfang der Neunziger auf RTL lief, wo zu der Zeit alles möglich schien. Der kleine rüplelige, versoffene Bruder von 'Schmidteinander' im WDR. Nirgends im Fernsehen außer in Werner Höfers 'Internationalem Frühschoppen' wurde jemals vor laufender Kamera derart hemmungslos gequalmt und gepichelt. Nur dass bei Dall noch gepöbelt und beleidigt wurde.

Und er hat die hiesige Esskultur um sein Rezept für Saunudeln bereichert. Ein Kracher auf WG-Partys in den Neunzigern. (Anleitung in Bild und Ton hier.)






Kommentare :

  1. „Auch im höheren Alter hat er nie die Abkürzung zum billigen Geld genommen, indem er öffentlich Schwächere demütigte und sich dann publikumswirksam über angebliche Sprechverbote ereiferte.“ – Sprechverbote gibt es in der Tat nicht, sondern soziale Ausgrenzung, zu der ich auch Beschmieren von Häuserwänden und Meldung beim Arbeitgeber rechne. Allenfalls eine Schere im Kopf.

    Thema Ausgrenzung, Alpha-Blogger fefe berichtet von Nazi-Aussteiger-Programm Exit und dessen Gründer Bernd Wagner. (Lobenswert, hatte ich gar nicht auf dem Radar.) Wagners Seite habe ich mal besucht. Da gibts eine kleine Zitat-Ecke zum Durchklicken.

    Kann ich guten Gewissens jedermann empfehlen.

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  2. Auch RA Steinhöfel trauert um ihn. Dall konnte noch ungestraft schimpfen, als er etwa Steinhöfel in „Jux und Dallerei“ fragte, ob er (Steinhöfel) als Kind unter seinem Äußeren gelitten habe.

    Vom schimpftechnischen Standpunkt her eine bessere Welt, damals.

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  3. Link zu Dall-As gefällig? https://www.youtube.com/watch?v=Z2zm9OH1jMk

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  4. Zu Dall: seine Biographie "Auge zu und durch" ist sehr zu empfehlen, aber leider nur noch über Zweitanbieter erhältlich und das teilweise zu Mondpreisen.

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