Freitag, 9. Februar 2024

What the...?

 
Es gibt diese Situationen, da stehst du da und denkst: "Was war DAS denn jetzt bitte?". Oder, weltläufiger: "What the hell...?". Was war geschehen? Nun, der Blogger Ihres Vertrauens wurde die Tage vom Lokalblättlein daran erinnert, dass für mein Geburtsjahr die Frist für den Tausch der alten Führerscheine in das neue EU-Format, das diese trübe Welt ganz gewiss ein wenig heller, schöner und friedlicher machen wird, seit Ende Januar abgelaufen sei. Drakonisches drohe jenen, die es leichtfertigerweise wagten, weiter mit der alten grauen oder rosa Flebbe durch die Weltgeschichte zu kutschieren. Von Fahren ohne Führerschein war da die Rede. Wir alle erinnern uns mit Schrecken an das grausige Schicksal eines Marco Reus.

Ups. Da war doch was. Da ich weder Lust auf Geldstrafen noch Beugehaft im Zuchthaus verspürte, galt nunmehr kein Zaudern. (Ist natürlich Unsinn. Ein mir entfernt bekannter Polizeibeamter gab da Entwarnung. Es liege ja eine Fahrerlaubnis vor, man sei aber verpflichtet, dies mit einem gültigen Dokument auf Verlangen zu belegen. Mit dem Altpapier in der Brieftasche zu fahren, sei also so, als habe man seinen Führerschein nicht dabei. Zehner Verwarnungsgeld und fertig. Trotzdem wollte ich das vom Tisch haben.)

Passfotos waren in einem Fotostudio um die Ecke schnell geschossen. Fehlte noch das Dokument. Und dafür standen die Vorzeichen denkbar schlecht. Zunächst hieß es, man könne das Moped auch online beim Straßenverkehrsamt des Kreises beantragen. Gefiel mir. Echt fortschrittlich und modern, geradezu 21. Jahrhundert -- wenn, ja wenn das online-Bezahlsystem nicht gerade defekt gewesen wäre. Üble Befürchtungen über das digitale Entwicklungsland Deutschland, inzwischen verlacht von Ländern wie Burkina Faso und Kasachstan, bewahrheiteten sich.

Ich musste also zum Bürgerbüro neben dem Rathaus. Das hat allein donnerstags Öffnungszeiten, die für einen Arbeitnehmer mit Normalarbeitszeit kompatibel sind. Öffnungszeit bis 17:30 Uhr bedeute, man könne bis 17:30 Uhr eine Wartemarke ziehen, so hieß es auf der Webseite. Zudem solle man donnerstags sowie an Brückentagen mit langen Wartezeiten rechnen. Also rechnete ich. Mit einem miefigen, stickigen Wartebereich voller kreischender Kinder, zankender Großfamilien und sonstigen Lärmbolzen und Sozialleghastenikern, derweil draußen die Nacht anbräche. Und nahm mir sicherheitshalber für den Rest des Tages nichts mehr vor. Sollte ich für den Notfall Proviant und einen Schlafsack einpacken?

Schließlich war ich kein unbeschriebenes Blatt. Beim letzten Mal noch, als ich vor ein paar Jahren eines neuen Personalausweises bedurfte, betrug meine Wartezeit über neunzig Minuten. Wobei ich es schon als Topservice ansah, dass irgendwann eine freundliche Mitarbeiterin der Kommunalkanzlei durchs Wartezimmer ging, Tipps verteilte, wie lange das noch dauern könnte und meinte, man könne so lange einkaufen oder einen Kaffee trinken gehen. Was ich auch tat.

Also betrat ich, aufs Schlimmste gefasst, den Wartebereich. Zog eine Nummer. 162 A ('A' für 'allgemeine Anliegen'). Blick zum Monitor: Soeben wurde Patient Nummer 160 A verarztet. Keine drei Minuten später -- ich hatte mich kaum richtig hingesetzt und meinen Regenschirm zusammengerollt --, da bingte es bereits und meine Nummer erschien.

Wie bitte? Das musste ein Irrtum gewesen sein. Nein, kein Zweifel: Die Nummer auf dem Monitor und die auf meiner Wartemarke waren identisch.

Skeptisch steuerte ich den mir zugewiesenen Serviceplatz an. Was erwartete mich? Ein blutleerer Bürokrat mit Ärmelschonern, der mich über den Rand seiner Lesebrille als erstes belehren würde, dass das aber jetzt alles nicht so einfach sei hier? Eine strenge Zuchtmeisterin mit Dutt und Damenbart, die mich erst einmal von oben bis unten mustern würde? Nichts dergleichen. Eine freundliche junge Dame saß dort. Und lachte erst einmal herzlich, als ich mein Begehr nannte ("Ach ja, Führerschein! Da sind Sie nicht der einzige!") Nicht einmal fünf Minuten und eine Kartenzahlung später sagte die Amtsschreiberin: "So, das wär’s. Den Führerschein bekommen Sie dann per Post. Die sagen zwar, das dauert drei Monate, kann aber auch in vier Wochen schon sein. Schönen Tag noch!"

Ich dankte verdattert und sah auf die Uhr. Die ganze Angelegenheit hatte einschließlich Wartezeit keine zehn Minuten gedauert. Zehn! Minuten! Was war hier los? Da musste es doch einen Haken geben. Hier war doch was oberfaul!

Ich rechnete fest damit, dass jeden Augenblick der Tuppes von 'Verstehen Sie Spaß' wie Kai aus der Kiste aus der Kulisse kommen und mich vor versammelter Fernsehnation zum Gespött machen würde. "Diese Intelligenzbestie hier hat doch tatsächlich geglaubt, er könnte in einer deutschen Stadtverwaltung mal eben so, mir nichts, dir nichts in ein paar Minuten einen Füüührerschein beantragen! Bruhahahaha! Meine Güte, wie blöd..." Um dann unter allgemeinem Gelächter mein unterschriebenes Antragsformular in den Schredder zu geben. Und mir eine Eselsmütze aufzusetzen. Und mir noch eine Torte ins Gesicht...

Doch nichts dergleichen geschah.

Derweil ich wieder hinausging in den trüben Februartag taten irritierende Fragen sich auf: Was  kommt als nächstes? Pünktliche Züge bei der Bahn? Und: Welche Medikamente werden hier verdammt noch mal gereicht? Oder ist Provinz zu sein und nicht Berlin am Ende doch nicht so übel, alles in allem?


Im Ernst: Liebe Stadtverwaltung der bescheidenen Heimatstadt, das war wirklich guter Service. Schnell, kompetent, freundlich. Respekt. Kein Vergleich mehr mit früher. Und, Gott der Dicke ist mein Zeuge, ich weiß, wovon ich rede. Danke und gerne wieder.

Ehre, wem Ehre gebührt.









3 Kommentare :

  1. ... kenne ich aus Solingen: beste Kfz-Neuzulassung aus anderer Stadt inkl. neuem Nummernschild 15 Minuten.

    Der Beweis — jede Behörde kann bei vernünftiger Organisation und ausreichendem Personal sehr gut und effizient sein. (man muss es nur wollen ...)

    Gruß
    Jens

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    1. Jens. Ich mußte bisher zwei Mal wegen einer med. Spezialbehandlung nach Solingen (Birkerstrasse). Eine Stadt mit katastrophaler Verkehrsinfrastruktur. Ampeln noch und nöcher, Einbahnstrassen, Umleitungen, Baustellen und ein Hotspot für Verkehrsrowdys. Da hat sogar mein Navi versagt.

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  2. ... außerhalb der Innenstadt und Ohligs ist es eigentlich OK. Ansonsten hat er Recht.
    Aber wie gesagt, die Zulassungsstelle ....

    Gruß
    Jens

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