Dienstag, 30. Juni 2026

Auweh-Em (4) - Aus, aus! Es ist aus!


Hat der alte Fuchs Gary Lineker wieder einmal recht behalten. Die aktuelle deutsche Nationalmannschaft, so gab er vor dem Sechzehntelfinale zu Protokoll, sei eine der schwächsten, die er je gesehen habe. Nun will ich nicht den Schlaubischlumpf geben, aber die zahlreichen Baustellen innerhalb der Truppe waren auch für mich als Nicht-Experten derart eklatant, dass es einem Wunder gleichgekommen wäre, wenn man sich plötzlich zusammengerauft und mittels Brechstange und Deutscher TugendenTM auf wundersame Weise wieder zur 'Turniermannschaft' mutiert wäre, wie das 2002 zuletzt passiert ist.

Ein Verdikt ist hier sehr einfach: Wer es nicht schafft, gegen einen beim besten Willen nicht erstklassigen Gegner geeignete Mittel zu finden, hat in der K.O.-Runde einer Weltmeisterschaft nichts zu suchen und darf mit Recht die Koffer packen. Und wenn nicht einmal mehr ein Elfmeterschießen eine deutsche Mannschaft noch rettet, dann hat sich wirklich was verändert. Der letzte deutsche Nationalspieler, der bei einer Weltmeisterschaft einen Elfer versemmelt hat, hieß Uli Stielike. Das war 1982. (Bei der EM 2016 haben allerdings schon Thomas Müller, Mesut Özil und Bastian Schweinsteiger im Halbfinale gegen Italien verhauen.)

***

Ein vergeigtes Turnier war traditionell ein unmissverständliches Signal für einen Bundestrainer, den Hut zu nehmen. Das war 1978 bei Helmut Schön so, das war 1984 bei Jupp Derwall so. Erst Berti Vogts wich 1994 nach Intervention der Politik davon ab und wurde immerhin 1996 Europameister. Möglicherweise hatte Jürgen Klopp das Elend kommen sehen und mit seinem flapsigen "Noch!" lediglich das ausgesprochen, was für jeden wirklichen Experten zu sehen sein musste. Wenn Nagelsmann nicht zu halten sein dürfte, wovon, Vertrag hin, Vertrag her, auszugehen ist, dann hat er selbst einiges dazu beigetragen: Mit seinem oft unsouveränen Auftreten und teils erratischen Personalentscheidungen (Sané, Undav, Kimmich...), an denen er erst trotzig festhielt, um dann im letzten Moment doch noch einzuknicken.

"Trainer Julian Nagelsmann flucht und schaut so aggro drein, als würde er am liebsten den Nächstbesten verprügeln. Diese Mixtur von Ungeduld, Herablassung und Glaskinn erinnert ein wenig an Friedrich Merz. Auch kein gutes Zeichen." (Stefan Reinecke)

Dazu passt sein Auftritt nach dem Spiel, in dem er -- zum wievielten Mal jetzt? -- dem Schiedsrichter eine Mitschuld gab und ansonsten von wenig Selbstzweifeln getrübt schien. Er sei niemand, der weglaufe, meinte er und bliebe selbstverständlich im Amt. Das sollte wohl wie Standhaftigkeit und Rückgrat wirken, ist aber bloß Ducken vor der Verantwortung. Und die trägt er nun einmal als Bundestrainer. Der er nicht gerecht geworden ist. Kommt er nicht auf den Gedanken, dass er eventuell das Problem sein könnte? Er hätte allenfalls sagen können, nach einem solchen Fehlschlag werde er sich mit dem DFB zusammensetzen und man werde dann sehen, wie es weiterginge. So aber reiht er sich ein bei Löw und Flick, die sich nach dem jeweiligen Ausscheiden in der Vorrunde offenbar auch weiterhin ganz geil fanden. 

Auch das Verhalten der Spieler lässt einen Kulturwandel erkennen. Wo ist die Leidenschaft? Der Frust? Die Wut? Ist da niemand, der stinksauer ist über ein derart dilettantisches Auftreten? Tritt da jemand wie einst Jürgen Klinsmann eine Werbebande kaputt? Nein, wenn sie nicht still leiden unter Tränen, analysieren sie in Unternehmensberater-Sprache ihre Lernfelder und Defizite, die sie abstellen müssen. Vielleicht ist es Zufall, vielleicht aber auch nicht, dass zuletzt Per Mertesacker 2014 mit seinem Eistonnen-Spruch erkennen ließ, dass Fußball auch eine Menge mit Emotion und einem Schuss Besessenheit zu tun hat. 

***

Klar, wenn das 2 : 1 von Jonathan Tah, das wegen eines angeblichen Fouls von Anton am paraguyanischen Torhüter Gill aberkannt wurde, irregulär war, dann müssten zirka 60 Prozent aller Tore, die Arsenal in der vergangenen Premier League-Saison erzielt hat, die auch alle durch Behinderung des gegnerischen Torwarts zustande gekommen sind, ebenfalls aberkannt worden sein. Die Regel, dass der Torhüter im Fünfmeterraum quasi nicht berührt werden darf, wurde längst abgeschafft. Zumal es auch wenig genützt hätte, wenn das Tor gegeben worden wäre. Dann hätte im Achtelfinale wahrscheinlich die französische Mannschaft gewartet und die Schwächen der deutschen Auswahl nur noch brutaler offengelegt. Anders gesagt: Selbst wenn die Mannschaft gegen Paraguay weitergekommen wäre, hätte das kein einziges Problem gelöst.

"Natürlich wurde das DFB-Team von einem fürchterlichen Verletzungspech heimgesucht. Doch wer 21 Torschüsse abgibt, 42 Flanken in den gegnerischen Sechzehner prügelt, 800 Pässe spielt, gegen einen siegeswilligen wie stark limitierten Gegner aus Paraguay aber keine Mittel findet, das Spiel zu gewinnen, ist in erster Linie an sich selbst gescheitert." (Max Nölke)

Das Scheitern der DFB-Mannen als Symptom für den weiteren Niedergang der einst stolzen Fußball- und Industrienation Deutschland zu beunken, ist Geplapper von Schmalspurdenkern. Nicht nur willkürliches Zusammenklatschen von Korrelationen, die einem gerade in den propagandistischen Kram passen, sondern auch eine rein nationale Nabelschau, die viel zu kurz greift. Von rassistischem Quark wie dem, dass es endlich wieder eine echt völkisch-deutsche Mannschaft aus elf kernigen Jungsiegfrieden mit Eisenfüßen bräuchte, ganz zu schweigen.

Eigentlich okay, nie zuvor hatte Deutschland es ins Sechzehntelfinale geschafft.

— Onkel Dagobert (@dagobert95.bsky.social) 30. Juni 2026 um 01:35

Zumal andere Teams ähnliche Probleme haben. Die Nachbarn aus den Niederlanden, die nach einer berauschenden Vorrunde und angefeuert von den besten Fanfeierbiestern der Welt wie Geheimfavoriten aussahen, sind sang- und klanglos gegen die marokkanische Auswahl ausgeschieden. Das Team der österreichischen Nachbarn, das seit dem Amtsantritt Rangnicks als Nationaltrainer höchst passabel aufgeigt, wurde von der algerischen Mannschaft ebenfalls im Elfmeterschießen erledigt. Die hoch favorisierte Seleção aus Brasilien mühte sich gegen spielerisch unterlegene, aber beherzt auftretende Japaner. Das erlösende 2 : 1 fiel erst in der Nachspielzeit. Die italienische Mannschaft hatte sich zur Schadenfreude all derer, die immer noch am Trauma von 2006 knacken, gar nicht erst qualifiziert.

***

Die Entwicklung der deutschen Nationalmannschaft ist kein rein nationales Problem, sondern die Folge eines neuerlichen Globalisierungsschubs des Fußballs, der von niemandem konsequenter betrieben wird als von Gianni Infantino seit 2016 und den man beim DFB offenbar verpennt. Was, wenn die Ausdehnung des WM-Turniers auf 48 Teilnehmer eben nicht nur reiner Geldgier, sondern auch sich verschiebenden Verhältnissen im Weltfußball geschuldet ist? Weil es immer mehr Teams gibt auf der Welt, die in der Lage sind, auf WM-Niveau zu spielen. Der kluge Christian Streich sagte im Intrerview:

"Es profitieren eben auch kleine Verbände wie Curaçao oder Kap Verde. Über die FIFA-Honorare kommt relativ viel Geld in diese kleinen Verbände, mit dem sie die Jugend fördern sowie die Trainerinnen und Trainer und andere Mitarbeiter besser bezahlen können und das hoffentlich auch tun [...] Wir können als große Fußballnation, die sich bisher immer für die WM qualifiziert hat, nicht den Anspruch ableiten, nur mit 16 oder 24 spielen zu wollen. Das wäre Herrschaftsdenken der Mächtigen." (Streich, a.a.O.)


Fast alle Teams, die einmal als 'klein' galten, haben dank der Internationalisierung des Fußballs inzwischen gelernt, wie man auch deutlich stärkeren Gegnern das Leben schwer macht. Tief stehen, aggressives Pressing, schnelles Umschalten, Standardsituationen. Weil dieser Spielstil sehr laufintensiv ist, bekamen solche vermeintlich 'kleineren' Gegner bis vor einiger Zeit noch das Problem, dass sie ab der Mitte der zweiten Halbzeit konditionell oft abbauten und irgendwann einbrachen. Auch das passiert dank verbesserter Trainingsmethoden und gezielterer Fitnessarbeit mittlerweile kaum mehr. 

Es spricht einiges dafür, dass sich im internationalen Geschäft seit einiger Zeit eine Entwicklung vollzieht wie in den europäischen Ligen. Dort hat sich eine Art Oberhaus aus einer Handvoll Klubs etabliert, die das mit der Champions League weitgehend unter sich ausmachen. Ähnliches erleben wir im Bereich des Nationalmannschaftsfußballs. Bislang konnten sich die Teams aus Frankreich, Spanien und eventuell noch Argentinien sich klar in der Weltspitze etablieren, sodass sie bei jedem größeren Turnier um den Titel mitspielen. Was vor allem mit hervorragender Jugend- und Nachwuchsarbeit zu tun hat. Für die französische Nationalmannschaft scheint es auch kein Problem zu sein, dass die Ligue 1 seit 2013 fast ausschließlich von Paris Saint Germain beherrscht wird. 

Dahinter beginnt ein Mittelfeld aus Kandidaten, die mehr oder minder aussichtsreich darum kämpfen, den Anschluss an die Spitze nicht zu verlieren. Schon das englische Team ist, bei aller Spielstärke der Premier League, bislang zu wenig konstant, als dass es dauerhaft ganz oben mitmischen konnte. Und die deutsche Mannschaft? Muss schauen, dass sie nicht in die Abstiegszone gerät. Potenzial, das abzuwenden, wäre durchaus da. So waren Nations League und die letzte Europameisterschaft ja keine Vollkatastrophen. Was immer am Ende hilft, eines wird es garantiert nicht: Auf die Vergangenheit schauen und dort das Heil suchen. Fragen Sie die deutsche Autoindustrie. Ups, doch eine Korrelation!

Die gute Nachricht? Das Abschneiden der Nationalmannschaft bei der WM 2026 ist das beste seit 2014. 







Keine Kommentare :

Kommentar veröffentlichen

Mit dem Absenden eines Kommentars stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zu. Zu statistischen Zwecken und um Missbrauch zu verhindern, speichert diese Webseite Name, E-Mail, Kommentar sowie IP-Adresse und Timestamp des Kommentars. Der Kommentar lässt sich später jederzeit wieder löschen. Näheres dazu ist unter 'Datenschutzerklärung' nachzulesen. Darüber hinaus gelten die Datenschutzbestimmungen von Google LLC.