Samstag, 27. Juni 2026

Weh-Em (3) - Vorläufige Vorrundenbilanz


Vorab bedanke ich mich herzlich bei Gonzalo Plata. Der schoss am Donnerstag das 2 : 1 für die ecuadorianische Mannschaft. Da mein Arbeitgeber mich zwingt, werktags zu viel zu früher Stunde das Gesäß vom Futon zu lüpfen, war ich sehr froh, dass die große Gröl- und Hupparty ausfiel und meine Nachtruhe gesichert war. Ähnliches gilt für unsere türkischen Freunde, die netterweise gleich ganz ausgeschieden sind.

Im Gastgeberland USA scheint die Propagandamaschinerie gerade auf Hochtouren zu laufen. Die DuTube ist voll mit Videos, in denen Amis sich begeistert zeigen über europäische bzw. süd- und mittelamerikanische Fankultur, die sich gerade in den Stadien und Städten ereignet. Andere wiederum sammeln O-Töne begeisterter Besucher, für die die USA das geilste Land der Welt ist, die vom amerikanischen Essen schwärmen und überhaupt alles super finden und so. Subtext: Die Welt wurde von linken Miesmachern BELOGEN über das Greatest Country In The World und erkennt nun die Wahrheit.

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Das Spiel der deutschen Mannschaft gegen die ecuadorianische war so wenig eine Vollkatastrophe, wie das gegen die ivorische ein glanzvoller Triumph war. Da im letzten Gruppenspiel das Ergebnis für die DFB-Elf egal war, die Ecuadorianische aber unbedingt gewinnen musste, war ein schwieriges Spiel erwartbar. Ist es klug, als Gruppensieger, der im günstigsten Fall noch fünf schwere Spiele vor sich hat, die alle in die Verlängerung gehen können, hundert Prozent zu geben, um jeden Preis auf Sieg zu gehen, sich mit letzter Konsequenz in jeden Zweikampf zu hauen, Verletzungen und Gelbsperren zu riskieren? Wohl kaum. Ist ein Trainer gut beraten, so ein Spiel anzugehen wie ein Testspiel und das eine oder andere auszuprobieren? Denke schon. 

Die Vorrundenspiele der deutschen Mannschaft haben das gezeigt, was eh bekannt war: Dass die Innenverteidigung, jetzt zusätzlich geschwächt durch den Ausfall Schlotterbecks, gewaltig wackelt, Tah ohne sein FC Bayern-Umfeld oft überfordert, Rüdiger über seinen Zenit ist und Kimmich mit seiner Position als rechter Außenverteidiger fremdelt. Dass die Lücke, die der Abschied von İlkay Gündoğan und Toni Kroos im Mittelfeld gelassen hat, mit Bordmitteln vorerst nicht zu reparieren ist und das Traumduo Wirtz und Musiala vermutlich noch ein paar Jahre brauchen wird. Sogar gegen den Aufbaugegner aus Curaçao geriet das Team nach dem Gegentor ins Wackeln und wurde von der Trinkpause gerettet. Bisschen viele Baustellen für meinen Geschmack. Sich allein auf Jokertore von Deniz Undav zu verlassen, dürfte gegen schwerere Gegner nicht reichen. Ich lasse mich natürlich gern eines besseren belehren.

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Bedenklich erscheint inzwischen das unsouveräne, mitunter problematische Auftreten von Julian Nagelsmann. Dem fiel vor allem im Spiel gegen Ecuador nichts besseres ein als die FIFA-Offiziellen und die Schiedsrichterin dauernd aggressiv anzukoffern. Tori Penso stand zwar 1-2 Mal unglücklich im Weg herum, hatte das Match aber sonst gut im Griff und ließ vieles laufen. Was völlig in Ordnung war, weil beide Seiten sehr fair zu Werke gingen. Zumal sie Sanés irreguläres Führungstor eigentlich hätte nicht geben dürfen, es aber tat. Ein strengerer Referee hätte Nagelsmann auf die Tribüne gesetzt.

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Schauen wir uns den engeren Favoritenkreis der Veranstaltung an: Die französische Mannschaft als Topfavorit hat alle Erstrundenspiele lockerst absolviert. Erledigt. Abgehakt. Ohne Probleme. War was? Der bisherige Auftritt der Bleues lässt für das wahrscheinliche Achtelfinale der deutschen Mannschaft, so die Schweden kein Fußballwunder zuwege bringen, nichts Gutes ahnen. Läuft es nach Papierform, ist ein Aus im Achtelfinale für die deutsche Mannschaft realistisch. Wie schon bei der EM vor zwei Jahren wäre es vielleicht besser gewesen, als Gruppenzweiter weiterzukommen. Das spanische Team hat sich an anfänglichem Stottern letztlich solide durchgespielt und das englische hat auch unter Thomas Tuchel nicht seine Fähigkeit abgelegt, am einen Tag Weltklasse und am nächsten Tag Grütze zu spielen. Brasilien? Argentinien? Schwer einzuschätzen. Warum?

Weil das brasilianische und das argentinische zu den Topteams gehören, die um einen einzigen Ausnahmespieler herum gebaut sind, nämlich Neymar und Messi. Ähnliches gilt für England (Kane) und Portugal (Ronaldo). Jeder Gegner weiß inzwischen: Gelingt es, diesen einen Schlüsselspieler abzumelden, wie das den Ghanaern mit Harry Kane gelungen  ist, hat man eine echte Chance. Groß auch das Risiko eines verletzungsbedingten Ausfalls. Das französische Team hat neben den beiden Topstars Mbappé und Dembelé noch etliche weitere Spitzenleute am Start und kann so was daher locker kompensieren. Auch die spanische Mannschaft besteht nicht nur aus Yamal. Ach, und die niederländischen Nachbarn sind heuer mal wieder gut für einen langen Turnierverbleib.

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Die Frage "Ronaldo oder Messi?" scheint so etwas zu sein wie die derzeitige Version der einstigen Gretchenfrage "Beatles oder Stones?". Wobei letztere für all die, die Musik als kreativen Prozess und Ausloten von Grenzen begreifen, von jeher ein No-Brainer war: Beatles natürlich. Und so kann es, bei allem Respekt vor Ronaldos Fähigkeiten, für alle die, für die Leben mehr ist als eisernstmögliche Disziplin, Dauerkasteien und permanente Selbstoptimierung, nur eine Antwort geben: Messi.

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Wenn ich mich richtig erinnere, fing das mit den Experten bei der WM 1990 in Italien an. Da saß Karl-Heinz Rummenigge neben dem Kommentator im Stadion und gab Senf hinzu. Inzwischen experteln im ZDF Per Mertesacker, Christoph Kramer, Fritzy Kromp, Christian Streich (bis auf Streich alle mit weißen Sneakern) und in Schiedsrichterfragen Thorsten Kinhöfer. In der ARD schlaumeiern Bastian Schweinsteiger, Thomas Hitzlsperger, Almut Schult, Robin Gosens und als Schiri-Experte Lutz Wagner. Bei Magenta lassen Jürgen 'nur echt mit 52 Zähnen' Klopp, Thomas Müller, Tabea Kemme und Mats Hummels ihre Expertise aufs Abonnentenvolk herniederregnen.

Bei so viel Umdiewetteschlaureden ist es nicht verwunderlich, dass es mitunter zu dem einen oder anderen verbalen Auffahrunfall kommt. So entfleuchte Kloppo ein möglicherweise Freudscher Versprecher über seine weiteren Karriereambitionen. Und Schweinsteiger, dessen Sprachduktus immer ein wenig schwerfällig daherkommt, entfuhr eine Bemerkung über afrikanische Teams, die schon vor 30 Jahren daneben war: "Ein bisschen afrikanischer Fußball natürlich, der manchmal so ein bisschen unorthodox ist, so ein bisschen wild ist, vielleicht manchmal auch nicht ganz so von der Taktik geprägt ist." Klar, wissen wir doch alle: Dem Afrikaner geht halt zuweilen das Temperament durch, er lässt's gern mal locker angehen und harrt ansonsten noch seiner taktischen Durchkolonisierung.

Das ist vielleicht (noch) kein Rassismus, zumindest aber diskutabel und ungefähr so erkenntnisfördernd wie Gerede über 'deutsche Panzer', 'Samba tanzende Brasilianer' und Beton anrührende italienische Schwalbenkönige.








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