Samstag, 11. Juli 2026

Ballern, knattern, rappen


Die berliner Künstlerin Melina Gaby Strauß alias Ikkimel, die sich selbst als 'Poppstar' bezeichnet, trug letztens ein selbst gedichtetes Liedlein namens 'Fußballmänner' im ZDF-Morgenmagazin vor und sorgte damit angeblich für Irritationen. "Betreten" sei da weggeguckt worden, hieß es. Nun, auch ich gucke gelegentlich weg. Aber nicht betreten, sondern weil ich es zum Beispiel äußerst unhöflich finde, Menschen frontal ins Gesicht zu niesen oder auch zu gähnen. Allzu deutlich raushängen zu lassen, wie mich etwas langweilt. Ich bin da vielleicht etwas altmodisch als Beinaheboomer bzw. Gen-Xler. 

Wer mag, kann sich der Mühe unterziehen, vielleicht den Refrain des Tracks metrisch und syntaktisch zu analysieren:

"Fußballmänner, alles Penner.
Bierbauch, Bratwurst, leckerschmecker.
Lattenkracher, Mertesacker.
Tiki-Taka in 'nem Tanga." ('Fußballmänner')


Nach dem, was medial so zu erfahren ist, rappt Ikkimel ferner davon, wie sie bzw. ihr lyrisches Ich sich regelmäßig mit diversen Drogen zuballert und zwanglos Sex hat, aber keine Beziehung will, weil Männer außer Herbert Schweine sind. Ja gut, dann mach halt.

Ich mag das Knatter- und Ballergerappe auch gar nicht künstlerisch einordnen (zumal das bereits andere erledigt haben). Kann wirklich sein, dass mir da was entgeht oder mir ein paar Rezeptoren fehlen oder so. Und wenn es heißt, Ikkimel habe jenes Wort, das sich auf eine vulgäre Bezeichnung für Erbrochenes reimt, feministisch reclaimt, dann mag das sein, nur pflegen weder ich noch die Männer, mit denen ich zu tun habe, Frauen so zu nennen (vermutlich ein weiteres meiner zahlreichen Männerdefizite). Ich weiß aber, dass zum Beispiel im englischen Sprachraum eine Beschimpfung wie "Stupid cunt!" auch unter Frauen durchaus verbreitet ist.

Wirklich nervig ist die kreuzdämliche, überwiegend komplett unreflektierte mediale Rezeption des Auftritts. Die Tatsache, dass da ein paar im Publikum offenbar irritiert waren, wird zur subversiven Glanztat hochgejazzt, dass die Heide nur so wackelt.

"Auf den Rängen sitzen U14- und Ü50-Jährige vereint in einer kollektiven Schockstarre. Keiner bewegt sich zur Musik oder wippt mit, stattdessen: irritierte, überforderte und versteinerte Blicke." (Lilly Schröder)

Dass das in schlampiger Sprache gehalten ist, scheint inzwischen Standard ("Ränge" in einem Fernsehstudio? Was war mir den Ü14- und U-50-Jährigen? Ist es so abwegig, wenn U14-Jährige, rechtlich übrigens noch Kinder, vielleicht irgendwo aus der Provinz, ein wenig irritiert, vielleicht gar überfordert sind, wenn da eine zu krassen Beats krasse Sexgeschichten raushaut?). Von bratwurstjournalistischen Blähphrasen wie "kollektive Schockstarre" gar nicht erst zu reden. Überhaupt ist es putzig, was heutzutage so als Skandal durchgeht. Wurde gebuht? Gepfiffen? Wurden faule Eier gen Bühne geworfen? Wurde die Sängerin aufgefordert, sich freundichst zu verfatzen? Nö, es wurde nur nicht spontan in Jubel ausgebrochen, wie sichs offenbar geziemt. 

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Unbequeme Dinge zu sagen oder irgendwelche 'wunden Punkte' zu treffen, bedeutet erstmal gar nichts. Heftige Reaktionen lassen sich mit allem möglichen auslösen, auch mit Dingen, bei denen man gehörig falsch liegt. Wenn ich dem Nachbarn einen Haufen in den Vorgarten setze und der sich deswegen aufregt, ist das kein Zeichen dafür, dass ich da wohl irgendeinen 'wunden Punkt' getroffen haben werde, sondern könnte auch bedeuten, dass ich unzivilisiert bin. Einer Person, die einem nichts getan hat, eine runterzuhauen und dann zu sagen: "Aha, das haben Sie wohl nicht so gern, wie? Denken Sie DA mal drüber nach!", macht einen nicht zum Helden der Aufklärung. Wie man auch nicht automatisch recht hat, wenn man gegen irgendeinen 'Mainstream' ist.

Es ist einigermaßen simpel, bei einem ZDF-Studiopublikum eine derartige Reaktion hervorzurufen. Hätte ganz ähnlich wohl auch mit einer Death Metal-Band funktioniert. Und dass niemand sich zur Musik sich bewegte oder mitwippte, muss nicht zwingend gegen den Geschmack des Publikums sprechen.








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