Der Fußballdiskurs der vergangenen Jahre hat das Wortungetüm 'Unterschiedsspieler' hervorgebracht. Doch hat das Sechzehntelfinale gezeigt, dass es tatsächlich hilfreich ist, zumindest einen Spieler von Weltklasse auf dem Platz zu haben, der was reißen kann, wenn es eng wird. Die englische Mannschaft hat gegen die der DR Kongo über weite Strecken auch nicht viel kreativer agiert als die deutsche gegen die paraguyanische, hatte aber Harry Kane. Die Norweger haben Haaland, der den Unterschied macht, die Belgier Lukaku und De Bruyne. Die Liste ließe sich fortsetzen: Yamal, Ronaldo, Messi, Dembelé, Vinícius jr., Mbappé... Kann mir gut vorstellen, dass nach dem Achtelfinale nur noch Teams dabei sind, die so jemanden haben. Es sei denn, der Turnierbaum schlägt meiner Hypothese ein Schnippchen.
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Das englische Sechzehntelfinale verlief wie das deutsche: frühes Gegentor, viel Ballbesitz, tief stehender Gegner, eine harte Schiedsrichter-Entscheidung gegen sie. Aber sie gingen komplett anders damit um: mental wie taktisch.
— Tobias Escher (@taktikfuchs123.bsky.social) 1. Juli 2026 um 20:01
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Doch noch einmal nationale Nabelschau. Im Zusammenhang mit versemmelten Fußballturnieren treten bei nicht wenigen Deutschen und damit auch in beträchtlichen Teilen der bürgerlichen Presse zuverlässig mehrere höchst unangenehme Charakterzüge zutage: schiefe Selbstwahrnehmung bzw. krasse Selbstüberschätzung, Suche nach Sündenböcken, Hang zu einfachen Antworten, Selbstmitleid ("Alle sind gegen uns, buhuuu!") und Sehnsucht nach einem Erlöser.
2018 war der integrationsunwillige Türk' schuld am frühen Ausscheiden, weil er der kämpfenden Truppe den Dolch in Gestalt eines Erdoğan-Fotos in den Rücken gerammt hatte, 2022 war es die linkswoke Armbinde, mit der man sich bei den sittenstrengen Gastgebern und echten, kernigen Gegnerkerlen zum Milchreis machte. Bei der Heim-EM 2024 hat die deutsche Mannschaft ganz okay gespielt, weil mit dem vom Rücktritt zurückgetretenen Kroos und mit Gündoğan, siehe oben, zwei Spieler von internationalem Format dabei waren, die die spielerische Limitiertheit der Nagelsmann-Truppe einigermaßen auffangen konnten. Gegen die Spanier hat man, so die verbreitete Selbstwahrnehmung, nur verloren, weil der welsche Zottelhippie hinterhältigerweise seine ungewaschene Stinkflosse dazwischengehalten hat und dann noch nicht einmal den Anstand hatte, das zu tun, was jeder aufrechte deutsche Abwehrrecke selbstverständlich sofort getan hätte: Den Schiri um Aberkennung des Tores bitten. Weil er's nicht tat, wird er bis heute in deutschen Stadien von nationalbesoffenen Kindsköpfen ausgepfiffen.
Jetzt soll Jürgen Klopp es richten. Der Retter! Kloppo, erlöse uns, so rauscht es durch diverse Gazetten. Aber auch hier könnte die Enttäuschung groß sein. Zwar hätte sein Wort bei den Spielern und beim Verband Gewicht, weil er, anders als Nagelsmann, eine beeindruckende Bilanz vorweisen kann, aber als Vereinstrainer. Und ein Vereinstrainer hat völlig andere Möglichkeiten als ein Nationaltrainer. Zweitens ist Klopp es gewohnt, maximale Entscheidungs- und Handlungsfreiheit zu haben, wie das in Liverpool der Fall war, wo er auch finanziell aus dem Vollen schöpfen konnte. Wie das beim DFB aussieht, der gerade die Staatsanwaltschaft in der Hütte hat, ist noch offen.
Sorgen ums Geld braucht man sich beim Verband aber wohl nicht zu machen. Zwischen 2027 und 2034 wird Neuausrüster Nike doppelt so viel überweisen wie ehedem Adidas für die Ehre, den Laden mit seinen Leibchen ausstatten zu dürfen. Es darf also noch eine Weile weitergewurstelt werden.
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Die argentinische Mannschaft ist immer für großes Drama gut. Nicht haarscharf am Rand des Abgrunds durchs Turnier zu schlittern, ist wohl zu langweilig. Aber nicht neu. Schon 1990 verloren sie als amtierende Weltmeister das Eröffnungsspiel gegen die Kameruner mit 0 : 1. Im selben Spiel wurde Stammtorwart Nery Pumpido verletzt und gegen Sergio Goycochea ersetzt, der sich als Elfmeterkiller erwies. 2010 die 0 : 4-Klatsche gegen die deutsche Mannschaft, danach die knappe Finalniederlage. 2022 dann die Vorrundenpleite gegen Saudi-Arabien. Die Beinahe-Niederlage gegen die Mannschaft aus Kap Verde passt hier durchaus ins Bild. Daher, vielleicht gerade deswegen werden sie weit kommen.
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Wer nun sagt: "Ha-haaa! Österreich ist auch nicht besser als wir!", sollte sich vielleicht fragen, wie hoch Julians Jungens vermutlich gegen die Spanier verloren hätten.
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Die Modeecke: Der Preis für das hässlichste Trikot so far geht eindeutig an Belgien:
Belgium jersey: pic.twitter.com/sCwK2SQz8e
— Criminalsimpsons (@Criminalsimpson) July 1, 2026
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Zwei Dinge fallen mir auf: Erstens scheint in der Berichterstattung fast völlig unterzugehen, dass das Turnier nicht nur in den US of A stattfindet, sondern auch in Kanada und Mexiko. Und was ist, zweitens, eigentlich aus all den Unkenrufern geworden, die im Vorfeld von einer 'toten' Alptraum-WM in der Trump-Diktatur bei den fußballkulturlosen Amis geredet haben? Was mitzubekommen ist: Stadien voll, Stimmung top, ausgelassene Fanmärsche, Party in den Straßen. Und, Überraschung, die WM-Tourist:innen scheinen sich auch nicht an den orwellianischen Einreisebestimmungen gestört zu haben.
Ja richtig, zur WM zu reisen, kann sich nicht jeder leisten. Jo, isso. Für einen Trip nach Mexiko 1970 bzw. 1986 oder nach Argentinien 1978 hätte ein Arbeiter damals auch etwa den halben Jahreslohn auf den Kopp hauen müssen (Hotels und Eintritt mögen im Verhältnis billiger gewesen sein, dafür waren Flüge rasend teuer). Korea und Japan lagen 2002 auch nicht gerade um die Ecke. Und sogar in der Bundesliga reicht ein Zwanni längst nicht mehr für Stehplatz, Bratwurst und zwei Bier.
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