Dienstag, 22. Juli 2014

Wo der Spaß mal aufhört


Ich habe einen Hals, und zwar von hier bis Wattenscheid. Kollegen haben bereits darauf hingewiesen. Was mittlerweile an so genannter 'Israelkritik' auf die Straßen getragen wird, überschreitet jegliches Maß. Ich möchte diese Parolen aus Geschmacksgründen hier nicht wiederholen, daher beschränke ich mich aufs Verlinken. Mal ehrlich, was hat das noch mit selbstverständlich legitimer Kritik an der Politik Israels zu tun? Was hat das überhaupt mit Kritik zu tun? Entschuldigung, so was sind keine politischen Positionen, sondern schlicht Volksverhetzung.

Wenn das jetzt legitimer politischer Diskurs sein soll, wenn das jetzt salonfähig ist und achselzuckend unter Meinungsfreiheit abgebucht wird und nicht unter Beleidigung und Volksverhetzung, dann können wir die gesamten letzten knapp siebzig Jahre Auseinandersetzung mit Antisemitismus, Entrechtung, Demütigung, Verfolgung von Juden und natürlich auch der Shoah in die Tonne treten, denn dann war alles umsonst.

Sonntag, 20. Juli 2014

Schranke hoch!


Meine örtliche Lokalzeitung, bei der ich gelegentlich mal online reinschaue, hat jetzt eine Bezahlschranke. Zehn Artikel im Monat kann man gratis lesen. Also jeden dritten Tag im Monat einen. Wow! Wer sich kostenlos registriert, bekommt noch fünf weitere oben drauf, kann also jeden zweiten Tag im Monat einen Artikel umsonst lesen. Doppelwow! Ab fünfzehn ist dann Schluss mit free lunch, mehr gibt’s nur noch für Abonnenten. Das war es wohl. Es hilft nichts, die Zeit der gedruckten Zeitung, des klassischen Zeitungshauses, neigt sich dem Ende. Es wird ein langsamer, schmerzvoller Niedergang werden und keiner weiß, was danach kommt. Ich freue mich nicht darüber. Aber es ist so. Ihnen fällt bloß ein, die Zeit zurückzudrehen, und das wird nicht funktionieren.

Mittwoch, 16. Juli 2014

Doch ein Nachklapp: Kirchen und Dörfer


Auch ich war Täter

Das kommt davon, wenn man immer alles groß und gigantomanisch haben will. Bis jetzt wurden Siegesfeiern des DFB grundsätzlich am Sitz des Verbandes in Frankfurt am Main zelebriert. Die siegreichen Helden präsentierten die errungene Trophäe auf dem Römerbalkon, ließen sich von den auf dem Römerberg versammelten Fans huldigen und feierten ein wenig mit ihnen. Dann ging es rein ins Rathaus, Eintrag ins goldene Buch, kurzes geselliges Beisammensein, Gläschen Sekt und aus die Maus. Draußen gab es Bratwurst, Bier und Ebbelwoi fürs Volk, eventuell noch ein wenig Partybeschallung. Gemessen an der Monstersause vom Montag, war das so rührend provinziell wie die alte westdeutsche Bundesrepublik eben war. Es gibt Momente, da sehnt man sich danach zurück.

Dienstag, 15. Juli 2014

Abschließendes zur WM


Stolz? Worauf?

Was der WM-Titel mit mir zu tun hat? Nichts. Ich habe nicht den geringsten Anteil daran, dass am Sonntag 14 von 23 Jungmillionären mit 1:0 gewonnen haben. Worauf sollte ich also stolz sein? Eine Nationalmannschaft ist streng genommen nichts weiter als ein Allstar-Team aus jenen, die in der Liga am besten gespielt haben, gerade fit sind und einen deutschen Pass haben. Während eines Turniers ist es die Mannschaft, die ich anfeuere, wenn sie schön spielt und vielleicht auch gewinnt und über die ich mich ärgere, wenn sie verliert bzw. sich mit unbeholfenem Gemauer zum Sieg wurstelt. Alles weitere, zum Beispiel jetzt auf die Idee zu kommen, stolz zu sein, weil die Kicker einen Bundesadler auf dem Leibchen haben, scheint mir absurd.

Samstag, 12. Juli 2014

Die geplatzte Blase


Fußballbegeisterte sind sich uneins, an welchem Tag der brasilianische Fußball, der einmal der Goldstandard für die Welt war, starb. Der 8. Juli 2014 war es jedenfalls nicht. Jener Abend, an dem eine respektabel und diszipliniert, keineswegs entfesselt auftretende deutsche Mannschaft, die nach einer halben Stunde selbst nicht mehr wusste, wie ihr geschah, die Seleção im heimischen Stadion in ihre Einzelteile zerlegte, war bloß der traurige Endpunkt eines langen Siechtums. Sterbehilfe, vielleicht gar Leichenfledderei. Der Niedergang hatte viel früher eingesetzt. Man kann streiten, wann genau. Für die einen am 5. Juli 1982, an dem Paolo Rossi im letzten Spiel der Zwischenrunde der besten Mannschaft aller Zeiten drei Tore verpasste. Für die anderen, zu denen ich mich zähle, am 21. Juni 1986.

Freitag, 11. Juli 2014

Grenzerfahrungen in der Konsumgesellschaft (5)


Sondernummer: Ach, Karstadt!

Ist es bloß der Lauf der Dinge? Führt der Weg mich einmal zu Karstadt, dann denke ich ein wenig wehmütig daran, dass der Laden früher fast immer meine erste Anlaufstelle war, wenn ich irgendetwas brauchte und wie wenig das jetzt noch der Fall ist. Meine Besuche während der letzten zehn Jahre lassen sich fast an den Fingern einer Hand abzählen. Der Alternativen sind inzwischen viele: Allein auf dem Heimweg von der Arbeit komme ich auf gerade drei Kilometern an einem wohlsortierten Verbrauchermarkt, einem Baumarkt, meinem Leib-und-Magen-Asia-Laden und an drei Discounterfilialen vorbei. Da lassen sich fast alle Notwendigkeiten des Alltags besorgen, alle haben massig kostenlose Parkplätze direkt vor der Tür, keine Rolltreppen und sind übersichtlich aufgeteilt.

Dienstag, 8. Juli 2014

Neues aus Umverteilistan


Seit ein paar Jahren vermittelt ein findiges Unternehmen online Schüler und Studenten, die sich nach englisch-amerikanischem Vorbild als selbstständige Tütenpacker an Supermarktkassen verdingen. Allerdings ohne jeden Stundenlohn, nur gegen Trinkgeld. Der branchentypisch schwer von seinen Visionen euphorisierte Gründer erging sich seinerzeit im üblichen Glücksbärchi-Leistungssprech: Wie begeistert die jungen Menschen bei der Sache seien, dass sie bis zu rekordverdächtigen fünfzehn Euro pro Stunde verdienten und dass ein fester Stundenlohn nur die rechte Motivation zum Leistungbringen mindern würde.

Samstag, 5. Juli 2014

Der Fortschritt, eine Schnecke


Warum der Mindestlohn trotz allem eine gute Sache ist

Seit zirka zehn Jahren predigt der Kabarettist Volker Pispers in seinem Soloprogramm, die Frage eines flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohns sei keine wirtschaftliche, sondern eine des Anstandes. Leider ist Anstand eine moralische Kategorie, keine politische. Erst recht keine wirtschaftliche. Der diese Woche beschlossene Mindestlohn hat seine Fehler und Schwächen, er wird nicht das Paradies auf Erden schaffen im Land der Suppenküchen und Tafeln. Dafür ist er vor allem zu niedrig und zu löchrig. Das per Mindestlohn mit einer Vollzeitstelle zu erzielende Einkommen ist alles andere als üppig, im Gegenteil. In den meisten größeren Städten reicht gerade einmal, um eben so über die Runden zu kommen. Wenn überhaupt.