Mittwoch, 21. Juni 2023

Generation X am PC


Opa erzählt von früher

Wenn man in den Neunzigern einen PC einschaltete, blieb der Bildschirm schwarz. Mit weißer Schrift. Der Spaß hieß MS-DOS und verstand nur Tastaturbefehle. Wer etwa eine Datei namens 'HALLO.EXE' von einem Verzeichnis in ein anderes verschieben wollte, musste ungefähr folgendes eingeben:

XCOPY C:\PROGRAMME\HALLO.EXE C:\DATEIEN

Danach musste man die Quelldatei noch von Hand löschen, weil der Befehl MOVE, der das automatisch machte, in den früheren Versionen von DOS noch nicht implemetiert war. Und das war noch harmlos. Richtig heftig war die Bedienung früher Komprimierungsprogramme wie ARJ. Wer als Checker gelten wollte, hatte zudem ein möglichst aufgeräumtes DOS-Stammverzeichnis. Dateinamen einzugeben konnte daher schon mal dauern.

Dateinamen durften übrigens nur acht Zeichen lang sein und keine Leerzeichen enthalten. Alles, was über acht Zeichen hinausging, wurde automatisch durch eine Tilde (~) ersetzt. Groß- und Kleinschreibung war auch nicht. 255 Zeichen lange Dateinamen mir Groß- und Kleinschreibung sowie Leerzeichen waren erst mit Windows 95 möglich, was entsprechend gefeiert wurde. Die Apple-Nutzer guckten gelangweilt.

Die Buchhandlungen waren voll mit Büchern mit Titeln wie: '1000 Tricks für Windows -- vom Computer-Profi'.

Apropos: Computer-Profis erkannte man daran, dass sie nach dem Start von MS-DOS Windows 3.1 lässig mit dem Befehl 'win' starteten. Wer Windows automatisch starten ließ, war ein Noob oder ein Mädchen. Eltern trauten sich damals noch gar nicht an die Höllenmaschinen heran.

Von Spezialsoftware abgesehen, waren die einzigen wirklich sinnvollen Anwendungen für Windows damals Word und Solitär. Die frühen Excel-Versionen waren eine Katastrophe, mit der sich nur BWL-Studenten freiwillig herumschlugen. Anstatt Word konnte man auch StarWriter verwenden und anstatt Excel Lotus 1-2-3, aber das war beides nicht kompatibel, weder untereinander noch mit Word und Excel.

Meine erste Navigationssoftware hieß 'AutoRoute Express 1.0' und konnte seitenlange Wegbeschreibungen ausdrucken plus eine grobe Anfahrtsskizze. Ein Wunder der Technik!

Wer noch nie etwas von 'CONFIG.SYS' und 'AUTOEXEC.BAT' gehört hat oder von XMS und EMS, wer noch nie ganze Tage und Nächte damit verbracht hat, den Hauptspeicher des Rechners so zu konfigurieren (es gab damals nur 640 Kilobyte unmittelbar nutzbaren Hauptspeicher, das hatte Bill Gates so entschieden), um ein paar letzte Bytes herauszukitzeln, wenn man ein Spiel wie 'Comanche' zum Laufen bekommen wollte, weiß nicht, was zocken ist.

Wer sich nie am Wochenende mit Freunden zur LAN-Party verabredet hat, dann 12 Stunden versucht hat, das LAN einzurichten, um dann nach 26 Litern Kaffee und drei Schachteln Kippen endlich ein wenig zu daddeln, um dann nach zwei Stunden einzupennen, weiß nicht, was zocken ist.

Überhaupt, Spiele! Die kamen mit z.T. mehreren hundert Seiten starken Benutzerhandbüchern, etwa 'Falcon 3.0' oder 'Formula 1 Grand Prix'. Höhepunkt war ein Game namens '1944 - Across The Rhine'. Das war zwar quasi unspielbar, aber man bekam nicht nur ein 300seitiges Spielhandbuch, sondern auch ein 250seitiges mit historischem Hintergrund.

Ging aber auch anders. Ein Wort: Wolfenstein3D. Loslegen und losballern.

Als 1993 der erste Teil der FIFA-Serie herauskam, hatte Electronic Arts noch keine Lizenzen, nur einen Werbevertrag mit Adidas. So erschien andauernd Werbung für die damals neuen 'Predator'-Treter. Der deutsche Nationalstürmer hieß Joerg Rohrer und machte 35 Buden pro Spiel, wenn man wusste, von wo man schießen musste.

Wo wir gerade bei Zocken sind: Da ich unbedingt 'Great Naval Battles 3' spielen wollte, mir aber ein Patch fehlte und mein Spieledealer nicht helfen konnte, habe ich in Chipping Sodbury/GB bei der Firma MicroProse angerufen und gefragt, ob sie mir den schicken könnten. Wie ich es geschafft habe, denen meine Postadresse telefonisch zu übermitteln, weiß ich bis heute nicht, aber eine Woche später war ein Umschlag mit einer 3 ½ Zoll-Diskette im Briefkasten.

Auch 'Formula 1 Grand Prix' enthielt aus Lizenzgründen nicht die richtigen Namen der Teams und Fahrer. Man konnte die aber von Hand editieren. Da galt es Programmzeitschriften zu wälzen.

Irgendwann kamen die ersten CD-ROM-Laufwerke. Und alle so: Boah, 650 MB! Die Festplatte ist tot! Das holen die nicht mehr auf!

Nach den Computer-Profi-Büchern kamen die Hefte mit den Gratis-CDs.

Apple-Rechner waren zwar damals auch langweilige hornhautgraue Kisten und noch keine Designikonen, aber schon doppelt so teuer wie ein normaler PC. Und deren Besitzer dünkten sich auch bereits was Besseres. Ihr Standardspruch: "Systemabsturz? Kenn' ich nicht. Was soll das sein?"

Ein Trost: Apple-Rechner mochten zwar super funktionieren, waren aber keine Spaßmaschinen. Das einzige Spiel für Macs hieß MYST und war so spannend wie Farbe beim Trocknen zuzusehen.

Mochten teure Apples damals nur was für die Schnösel in den Redaktionen gewesen sein, waren frühe Windows-PCs die VW-Computer für jedermann. Selbst zusammenbaubar, schraubbar, riesiger Teilemarkt, die Software meist kein Problem.

Der Sohn eines Nachbarn meiner Eltern war damals so doof, per Kleinanzeige einen gebrauchten PC mit 500 Games zu kaufen. Kurz darauf kam Post von der Staatsanwaltschaft.

Wer erinnert sich noch an Highscreen und Escom? Oder den Colani-PC von Vobis?

Selbst erlebt: Als 1999 einer der ersten Aldi-PCs (Marke 'Lifetec') rauskam, arbeitete ich in Essen gegenüber einer Aldi Nord-Filiale. Die Warteschlange ging um 7 Uhr morgens schon rund um den Häuserblock.

Internet funktionierte erst ab Windows 95. Man musste aber Modem-Treiber und das TCP/IP-Protokoll von der CD installieren, sonst tat sich gar nichts.

Ach, das frühe Internet! Man musste sich immer einwählen. Wenn man dann im Netz weilte ('auf der Datenautobahn surfte'), war das Telefon besetzt und ein Megabyte herunterzuladen dauerte mit meinem 14.4-Modem knapp eineinviertel Stunden. Wenn die Verbindung nicht mittendrin abriss, dann musste man von vorn anfangen.

Erzählen Sie mal einem USB- und WLAN-verwöhnten u30-Bürschchen was von serieller und paralleler Schnittstelle oder von Controllerkarten, Nullmodem-Kabeln, Gameports und RS232. Aber passen Sie auf, dass er nicht den psychiatrischen Notdienst verständigt.

Apropos USB: Bis Windows ME kam Windows noch ohne USB-Treiber. Wer bereits mit Windows 2000 und den ersten USB-Sticks arbeitete, bekam ein Problem, wenn jemand eine ältere Kiste hatte.








8 Kommentare :

  1. ... nicht zu vergessen, dass man jedesmal wenn man eine neue Schrift installierte, die gesamte Schriftenliste im DOS neu durchnummerieren musste ...

    Gruß
    Jens

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  2. Vielen Dank für die schöne Zeitreise!
    Der Umstieg von C64 und Amiga 500 auf den PC 486ers mit sensationellen 8 MB Hauptspeicher (der gehörte meinem Bruder) war wirklich ein Meilenstein in Sachen Computerspiele! Erst hat noch ein kundiger Handballkamerad die Spiele für uns installiert (die Idee, so einen Rechner auch für andere Dinge als Zocken zu benutzen, kam uns erst einmal nicht), später lernten wir das dann selber. Unser ,,großes'' PC-Spiel war X-Wing.
    Aber auch an Comanche erinnere ich mich gut, weil ich überhaupt nicht fassen konnte, dass es da richtige Landschaften mit Canyons gab.

    Und heute?
    Da habe ich hier einen macMini stehen und Spiele zocke ich remote bei NVIDIA. ,,Installieren'' muss ich überhaupt nichts mehr, sondern ich klicke mir die Spiele bei Steam.

    Wie die Zeit vergeht ...

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  3. Grundausstattung waren Disketten mit fast legalen Kopien von Turbo-Pascal (Editor, Compiler + Debugger in 50k) und natürlich dem Norton-Commander. Gespielt haben wir Tetris und Wormz.
    Serielle Schnittstellen gibt es im Laborumfeld immer noch reichlich, und es bleibt ein Spass, Geräte an einen Computer anzubinden, vor allem, wenn die Dokumentation fehlt und man nicht weiss, wie man die Einstellung vornehmen muss.

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  4. "Norton-Commander" jawoll, das Schweizer Taschenmesser! Erinnert sich noch jemand an die ersten bezahlbaren Handheld Scanner? Und die Datensicherung auf diesen Minitapes. Die gab es auch als digitales Speichermedium für Musik. Insgesamt waren die Neunziger für die Lithographen das Jahrzehnt der Investitionen und auch des Datenverlusts. ZIP (Iomega) und MOD und Leonardo-Karte für den Mac: was für ein Fortschritt und teilweise — was für ein Mist.

    Gruß
    Jens

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  5. ... SyQuest 200 MB hab ich noch vergessen, die waren das Maß aller Dinge vor den ZIPs ...
    Gruß
    Jens (Boomer)

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  6. Kann man heute auch niemand erklären, dass man damals noch die Interrupts (Watn dat?) und E/A Adressen auf sämtlichen Steckkarten mit der Hand jumpern durfte. Was für ein Spaß...

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  7. "Was für ein Spaß"
    ... nee war kein Spass. Den ganzen Kram auseinanderfummeln und nachschauen und dann fummelfummelfummel — nee geht nicht. Und aufs Neue. Wohl dem, der sich wohlweislich das immer aufgeschrieben hatte und mit Tesa aufs Gerätgeklebt hatte.

    Gruß
    Jens

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