Donnerstag, 27. März 2025

Vermischtes und Zeugs (CIX)


Es gibt welche, die wissen gar nicht, was für ein Glück sie haben, im diesem Jahrhundert zu leben. Nicht wenige öffentliche Äußerungen diverser Leute, vor allem im Bereich Sozialpolitik, wären "im vorrevolutionären Frankreich als der mannhafte Wunsch verstanden worden, sich immerhin die eigene Laterne auszusuchen." (Küppersbusch) Und einer Plaudertasche wie Pete Hegseth hätte man zu anderen Zeiten nach einem sehr kurzen Prozess höflich zu verstehen gegeben, dass es sich für jemanden in seiner Position nicht schicke, dem Peloton gegenüberzutreten, ohne ein Testament aufgesetzt und sich ein paar halbwegs überliefernswerte letzte Worte zurechtgelegt zu haben. So man ihn nicht bereits geteert, gefedert und unter allgemeinem Hallo aus der Stadt gebracht hätte.

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"Wie sonst auch gab es Kartoffeln, Fleisch und (so gesprochen:) Sohse. Doch anstatt vom Hundefriedhof, stammte das Fleisch diesmal von einem, sowohl der Konsistenz als auch der vagen Identifizierung wegen, pauschal »Wildgulasch« genannten Tier, das Stiefvater zur Feier des Tages frisch mit seinem VW Volkssturm überfahren hatte; zuweilen wurden sogar Erbsen aus der Büchse dazu gereicht: ein Fest! »Hmmm«, machte Stiefvater mit vollem Mund. »Kartoffeln, Fleisch und Sohse. Die Deutsche Küche ist doch die beste der Welt!«" (Ulli Hannemann)

Gewiss ist es ein Ärgernis, wenn welche 'Sauce' aussprechen wie 'Sohse'. Aber es geht halt auch immer noch schlimmer. Mein Vater nervte zu seinen beruflichen Zeiten das Kantinenpersonal mit seinen Sonderwünschen. Weil er mittags meist kein Fleisch essen wollte, bat er dann lediglich um Kartoffeln, Gemüse und Sauce. Er war nie Vegetarier, aber Fleisch beschwerte ihn mittags zu sehr. Und Kantinen waren damals weit entfernt davon, regulär ein fleischloses Essen anzubieten. Eine der Kantinenkräfte, die zudem mit einem besonders durchdringenden Organ gesegnet war, beschied ihm das immer abschlägig mit den Worten: "Also, Sautze gibbet nur mit Fleisch, die ist genau abgemessen!"

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Wann geht das eigentlich mal in die Birnen diverser neoliberaler Preßbengels hinein? Konservative Regierungen sehen es, entgegen anderslautenden Ankündigungen, genau nicht als ihre Aufgabe an, die Wirtschaft irgendwie nach vorn zu bringen oder Reformstaus aufzulösen oder so. Davon reden sie immer nur. Haben aber andere Prioritäten. Jedes Mal, wenn ein:e Unionskanzler:in das Amt antritt, wird geschrieben: Yeah, Endlich! Wirtschaftskompetenz! Leistung! Lohnt! wieder! Steuersenkungen! Schluss! Mit! Der! Faulenzerei! Jetzt! Wird! Angepackt! Und jedes Mal passiert dann ungefähr das diametrale Gegenteil.

2025 treten wieder genau die Wiedergänger an, die den Karren über 16 Jahre in den Dreck gefahren haben. Dobrindt, Spahn, Klöckner. Und als Chef vons Janze ein Kanzler, der in seiner 50jährigen politischen Karriere nicht einen Tag Regierungsverantwortung hatte. Gut, immerhin wurde die ehemalige Weinkönigin auf einen eher zeremoniellen Posten geschoben. Den sie dann gleich zum Shakehands mit der AfD nutzte. Und sonst so? Kohleausstieg auf 2038 verschoben, Heizungsgesetz wird abgeschafft. Fossile Subventionen werden nicht angetastet. Oh, und Tempolimit kommt natürlich auch nicht. Steuersenkungen? In your dreams! Die größte Steuererhöhung der letzten Jahrzehnte, die Erhöhung der Mehrwertsteuer auf 19 Prozent nämlich, wurde von einem CDU-Mitglied namens Merkel verabschiedet.

Und auch jetzt wieder alle so, als sei es noch nie dagewesen: Duh? Wie oft noch? Listen, love: Konservative Regierungen treten vor allem deswegen an, um ihre zahlreichen Freunderln in der Energie-, Agrar- und Fossilwirtschaft aus dem Füllhorn der Staatskasse mit Milliarden zu überschütten. Die Schuld an den daraus zwangsläufig entstehenden Defiziten wird dann, medial sekundiert von fast allen Redaktionen und Wirtschafts-Öchs-Perten der Nation, Sozis und Grünen und deren Verschwendungssucht, mangelnden Wirtschaftskompetenz und Schuldenmentalität in die Schuhe geschoben. Das Spiel ist doch wirklich nicht schwer zu durchschauen, oder?

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"Hey, der Praktikant hatte da im Home Office ne Mega-Idee für die neue Kampagne: I’ll be -- Albi. Kapiert, Alter? AL-BI! -- I’LL BE! Hammer, oder?"
 

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In seinem Roman 'Unterwerfung' (2015) verhandelt Michel Houellebecq unter anderem die Frage, wie sich die französische Bevölkerung verhielte, wenn Frankreich eine islamische Republik würde. Seine Antwort: Sie würde mehrheitlich mitmachen und konvertieren. Vor- und Nachteile gegeneinander abwägen und sich fürs Mitlaufen entscheiden. Scheiß auf Werte. Erst Fressen, dann Moral. Wenn überhaupt. Am so frei- wie bereitwilligen Kippen von Teilen der US-Wirtschaft und -Gesellschaft in Richtung Trump, vor allem jenen Teilen des Kapitals, die vor kurzem noch im hohen Tone der Moral diversity und Vielfalt gepredigt und Regenbogenfahnen gehisst hatten, zeigt sich wieder einmal, dass der knittrige Franzose zwar kontrovers sein mag, aber immer noch einer der hellsichtigsten Gegenwartsautoren ist.









8 Kommentare :

  1. "Erst Fressen, dann Moral. Wenn überhaupt"
    Moral — hihi.
    Gruß Jens

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  2. Die Romane von Houellebecq hab ich immer mit großem Vergnügen und oft auch mit Erkenntnisgewinn gelesen. Und "knittriger Franzose" find ich ziemlich lustig. Aber Wortstanzen wie "verhandelt in seinem Roman", "kontrovers" und "hellsichtig" lese ich - auch in ganz kurzen Rezensionen - nur ungern. C'est tout ce que je fais, aber ich habe heute wieder mal einen von meinen Nörgel-Tagen, fürchte ich.

    PS. Das Recht, sich die eigene Laterne auszusuchen, sollte ins Grundgesetz aufgenommen werden. Und den Herrn Küppersbusch hätte ich gern als König von Deutschland. Oder wenigstens als Bundespräsidenten.

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    1. Ich habe bereits 10 Euro ins Phrasenschwein geworfen.
      Immerhin konnte ich mir "unbequem" verkneifen.

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    2. Und "im Spannungsfeld zwischen Dings und Bums" war auch nicht dabei, Gott sei Dank! ;-)

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    3. Das kommt davon, wenn nach Frank Schirrmachers Tod alle heimatlos gewordenen Feuilleton-Leser in deinem Blog landen. Bei mir sind nur die Leute, die auf Titanic keinen Bock mehr haben.

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    4. Das ist eine unverschämte Unterstellung, mein lieber Bonetti! Mit diesem üblen Kommunistenblättchen vom Schirrmacher hätt ich mir noch nicht mal das Gesäß abgeputzt!

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  3. Die "Sautze" ist natürlich ganz wunderbar. Und jetzt hab ich mich an Speisekarten der bürgerlichen Gastronomie erinnert, auf denen keine Sauce, sondern "Tunke" angeboten wurde. Tjaha, da schüttelt's einen noch 50 Jahre später.

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  4. Haxe mit Stampf und Tunke - da werden Erinnerungen wach

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