Eine Ursache für viele derzeitige Probleme ist gewiss die durch 'soziale' Medien beschleunigte Polarisierung des politischen Diskurses. Es scheint nur mehr Schwarz und Weiß zu geben, dazwischen nichts mehr. Wer leise Zweifel an einem Genozid in Gaza anmeldet, befürwortet Massenmord, und wer es für eine kluge Idee hält, die Bundeswehr zumindest zu befähigen, im Rahmen der NATO eine halbwegs überzeugende militärische Abschreckung darzustellen, ist ein Kriegstreiber, der sich an der Vorstellung berauscht, dass deutsche Panzer demnächst wieder bis Moskau durchrollen.
Nicht dass dergleichen so neu wäre. Ich erinnere mich gut, wie es schon in den Achtzigern und ieß, man wolle die Menschheit offenbar dem kollektiven Strahlentod aussetzen, wenn man vorsichtige Bedenken anmeldete an der Idee, die Bundeswehr abzuschaffen. Oder wie damals an der Uni die Fachschaft des Fachbereiches, die ihren Raum einmal im Monat dem Männer- und Schwulenreferat des AStA als Clubraum zur Verfügung stellte und darum bat, man möge doch bitte 50 Pfennige pro Tasse Kaffee in die Fachschaftskasse tun wie alle anderen, allen Ernstes die Frage zur Antwort bekam, ob man etwa alle Schwulen wieder ins KZ stecken wolle. Und ja, auch die, für die bereits ein Nazi war, wer nach 22:00 Uhr ruhig schlafen wollte, haben sich nicht mit Ruhm bedeckt. Nur waren das damals eher Randerscheinungen.
Nehmen wir das Thema Migration. Am einen Ende sind Migrant:innen bloß Kriminelle und Terroristen, die hier in Hekatomben einfallen, um hier ihr Unwesen zu treiben und unsere Sozialsysteme auszubeuten. Am anderen Ende sind es grundsätzlich unschuldige Opfer, die für nichts etwas können und fast ausschließlich lautere Absichten hegen. Weil die Arschloch-Quote weltweit einigermaßen konstant sein dürfte, ist es höchst unwahrscheinlich, dass eine Seite hier völlig recht hat.
Vielmehr spricht vieles dafür, dass die Wahrheit langweiligerweise irgendwo in der Mitte liegt und jeder Mensch verschieden ist. Hier aber lauern die Mühen der Ebenen. Die Badlands. Hier knallt es nicht, hier ist nichts los, hier gibt es keine sexy Schlagzeilen und keine grellen Breaking News, statt dessen herrschen dröger Pragmatismus und ödes Klein-Klein. Einer Verfassungsrechtlerin, die sich Gedanken gemacht hat darüber, unter welchen Umständen Schwangerschaftsabbrüche von den Krankenkassen finanzierbar würden, darob zu unterstellen, sie plädiere dafür, Müttern knapp neun Monate alte Föten aus dem Leib zu schneiden und in den Schredder zu werfen, macht natürlich weit mehr Spaß. Und man punktet beim Pöbel.
Oder nehmen wir die Debatte ums 'Bürgergeld'. Im im weitesten Sinne rechten/liberalen Lager, steht jede:r Bürgergeld Beziehende, der/die nicht mit dem eigenen Kopf unter dem Arm spazieren geht, unter dem Generalverdacht, ein faule:r Schmarotzer:in zu sein. Am anderen, im weitesten Sinne linken Ende der Skala, ist das natürlich ganz anders. Gibt welche, die empören sich schon darüber, wenn von Menschen erwartet wird, für den eigenen Lebensunterhalt im Rahmen der eigenen Möglichkeiten per Erwerbsarbeit bitteschön selbst zu sorgen und meinen, das sei eine nicht hinnehmbare Zumutung, als sei ein System aus Leistung und Gegenleistung per se inhuman oder unmoralisch.
In der Tat ist die von Konservativen/Rechten zum Popanz aufgeblasene Gruppe der 'Totalverweigerer' insgesamt eher zu vernachlässigen. Und die SPD-nahe Hans-Böckler-Stiftung konterte jüngst den Vorwurf, arbeiten lohne sich ob des üppigen Bürgergeldes zu wenig, mit ein paar Modellrechnungen. So habe, wer als Single einem Vollzeitjob zum Mindestlohn nachginge, pro Monat immer noch ca. 550 Euro mehr in der Tasche als jemand, der allein vom Jobcenter lebe. Bäm, da haben wir's!
Nun gibt es da zwei Probleme. Zum einen impliziert das die Unterstellung, ein Leben mit Mindestlohn sei grundsätzlich lebenswerter als eines mit Bürgergeld. Wer als Alleinstehende:r mit Steuerklasse I Mindestlohn bekommt, kriegt irgendwas um die 1.500 Euro netto raus. Selbst mit einer günstigen Wohnung, die, sagen, wir 700 Euro mit allem kostet (in Großstädten schon schwer zu finden), bleiben einem da noch 800 Euro für alles andere. Bedenkt man weiterhin, dass auch ein Job Kosten verursacht, zum Beispiel Fahrtkosten, dann bleibt da nicht so viel übrig. Wer Vollzeit für Mindestlohn arbeitet, muss genauso jeden Cent umdrehen. Schon vor Corona und inflationsbedingtem Konstenschub brauchte es meiner Einschätzung nach mindestens ein monatliches Netto von 2.000 Euro für eine:n Alleinstehende:n, um nicht von jeder unerwarteten Ausgabe gleich aus der Bahn geworfen zu werden, mal ein paar Tage verreisen und noch fürs Alter vorsorgen zu können.
Und was ist mit Wohngeld? In der Tat können Menschen mit geringem Verdienst welches beantragen. Aber ob der neben der Erwerbsarbeit zu erledigende Aufwand die zu erwartenden Einnahmen rechtfertigt, ist fraglich. Beim obigen Beispiel bekäme die betreffende Person vielleicht 80 Euro. Das ist nicht nichts, aber auch nicht mehr.
Die zwischen dreisten Totalverweigerern und komplett Hilflosen polarisierte Debatte deckt die große Grauzone dazwischen weitgehend zu. Wenn es in den Medien um Bürgergeld geht und Einzelfälle porträtiert werden, dann liest man oft entweder von Tunichtguten, die ganz easy mit der Staatskohle auskommen (lies: soziale Hängematte) oder von schwer Gebeutelten, die nicht mehr ein noch aus wissen (lies: brutales Unterdrückungssystem). Dazwischen scheint es nur wenig zu geben.
Problem zwei: Wer Bürgergeld bezieht und einem Minijob nachgeht, darf etwa 200 Euro des Verdienstes behalten. Damit verringert sich die Diskrepanz zwischen Mindestlohn und Bürgergeld auf 350 Euro. Hat man dann vielleicht noch eine:n Chef oder Chefin, der/die sagt, hey, du bist echt okay, mach halt inoffiziell ein paar Stunden mehr und ich bezahle dich dafür bar aus Privatmitteln, schrumpfte sie noch weiter. Warum also 38 Stunden die Woche roboten, wenn man 150 Euro weniger mit vielleicht 15 Stunden die Woche kriegen kann? Für die Rente? Guter Witz! Klar, man müsste solchen Sachen behördlich nachgehen. Zusätzliche Kontrollen würden aber Geld kosten. Dann hieße es wieder: aufgeblähter Sozialstaat!
Die Hoffnung, durch Erwerbsarbeit im Alter eine halbwegs auskömmliche Rente zu bekommen, die einem ein bescheidenes, doch kommodes Leben ermöglicht, ist vielleicht eine der stärksten Motivationen, einem Vollzeitjob nachzugehen. Wenn es aber immer nur heißt: Rentenniveau runter, dann braucht man sich nicht zu wundern. Zumal andere Länder das mit einer ordentlichen Grundrente ja durchaus hinzubekommen scheinen. Aber eine solche Reform führte halt in die Mühen der Ebenen und...
"Hier knallt es nicht, hier ist nichts los, hier gibt es keine sexy Schlagzeilen und keine grellen Breaking News, statt dessen herrschen dröger Pragmatismus und ödes Klein-Klein"
AntwortenLöschenMit sachlichen, fundierten Analysen gibts kein Geld vom Gotthardt.
Und auch keine Reichweite und Likes beim Pöbel.
Damit haben Göbbels und Springer die deutsche Seele erfolgreich aufgemischt und das bleibt auch so.
Gruß Jens
Natürlich ist ein Genozid nicht dasselbe wie Massenmord oder ein lokal begrenztes Massaker oder eine Militäroperation mit ungewollten, einkalkulierten oder gewollten "Kollateralschäden". Für die jeweiligen Opfer machts aber wohl keinen großen Unterschied, wie ganz genau irgendein Klugscheißer, der nicht direkt betroffen ist und ein paar Tausend Kilometer vor der Glotze oder vor der Tastatur hockt (das wäre dann z.B. jemand ich), das Töten "einordnet". Darüber lässt sich wohl kaum streiten, denke ich.
AntwortenLöschenFragen gibts natürlich auch: Ist, wer angesichts der Bilder aus Gaza ähnliches Entsetzen empfindet wie angesichts der Bilder vom 7. Oktober 2023, automatisch ein Hamas-Fanboy*? Obwohl ihn das stereotype Genozid-Geblöke mindestens ebenso anwidert wie das, was der Herr Netanjahu und einige der frommen Faschisten aus seinem Kriegskabinett so von sich geben? Ist ein Putin-Fanboy*, wer die von "Experten" wie z.B. den Herren Neitzel und Kiesewetter verbreitete Vorstellung, dass russische Panzer demnächst zügig bis zur Atlantikküste durchrollen werden, wenn wir nicht ganz schnell ganz viele Milliarden in die Rüstung stecken, für demagogisch oder dämlich oder mindestens für lächerlich hält? Oder dass der Ukraine-Krieg wie so viele andere Kriege ein Verbrechen ist, aber möglicherweise nicht ausschließlich die Folge russisch-imperialistischer Bösartigkeit bzw. der Machtfantasien eines durchgeknallten Kreml-Despoten?
Apropos Despoten: Der Teufel steckt im Detail, Genossen!, soll ein gewisser J. Stalin oft gesagt haben. Womit er Recht hatte, auch wenn er für einen der größeren Massenmorde der Neuzeit verantwortlich war. Im Übrigen meine ich, dass es immer noch wir Deutsche sind, die in punkto neuzeitlicher Massenmorde bzw. Genozide die Tabellenspitze halten. Es sollte auch nicht vergessen werden, dass die Deutschen nicht nur für den Genozid an den europäischen Juden verantwortlich waren, sondern u.a. auch für den Tod von über 25 Millionen sowjetischen Bürgern.
*die Begriffe benutzt z.B. der Herr Bonetti ganz gern, wenn ihm die Argumente ausgehen.
Ich denke der Artikel soll genau das verdeutlichen: Es gibt ein grau zwischen den extremen Meinungen an den Enden des jeweiligen Spektrums. Sie mögen absolut kein Hamas-Fanboy sein wenn sie Netanjahu autokratische Tendenzen nachsagen. Aber die Hamas ist eben doch eine Terrororganisation, die den Tod der Menschen billigend und - wichtig - ohne plausiblen Grund (außer eben dem terroristischen) in Kauf nimmt, deren Interessen sie vorgibt mit Gewalt zu verteidigen.
LöschenSie mögen kein Putin-Fanboy sein. Sie sind ihm möglicherweise nicht zugeneigt oder heißen die Invasion der Ukraine gut. Dennoch ist die Ansicht, dass es einen anderen Grund für eben jene Invasion gegeben haben mag, außer dem Machterhalt des eigenen Regimes in Russland und der mystischen Idee eines Einflussreichen Großrusslands, falsch und sollte entsprechend kritisiert werden (ohne sie als Putin-Fanboy oder ähnliches zu diffamieren).
Der Vergleich mit anderen Verbrechen/Genoziden/Kriegen kann natürlich immer gezogen werden. Aber die heutige politische Lage ist eben nicht mehr die, die sie vor 20 oder 80 oder 300 Jahren war. Insofern sind geschichtliche Vergleiche teils interessant und aufschlussreich aber keine absolute Rechtfertigung wie heutiges politisches Handeln aussehen sollte.
Wieviel sind 80€? Ist es mehr Aufwand, sich nackich zu machen um dasWohngeld zu beantragen, oder umgekehrt etwa 1000 Flaschen pro Monat nach Feierabend zu sammeln um den Automaten zu füttern?
AntwortenLöschenOder die 550€ mehr, bei einem Monatseinkommen von 6000 im Vergleich zum Regelsatz 560 + ~450€ Miete?