Seit über vier Jahren führt Russland nunmehr Krieg in der Ukraine. Damit dauert dieser Krieg bereits länger als der 'Große Vaterländische Krieg' gegen das Deutsche Reich 1941 bis 1945, in dessen Tradition die russische Propaganda das Ganze gern stellen würde. Nimmt man Putin beim Wort und geht davon aus, dass er den Großmachtstatus Russlands wiederherstellen wollte (den schon die UdSSR allein wegen ihres hochgerüsteten Militärs innehatte, wenn überhaupt), dann sahen die Kriegsziele, die Putin und die Kreml-Krieger 2022 verfolgten, höchstwahrscheinlich so aus:
Schneller Vorstoß auf Kiew und Besetzen des Flughafens. Absetzung, wenn möglich Internierung oder Beseitigung der Regierung Selenskyi, kurzfristige Installation eines Militärgouvernements. Dann, nach dem Muster des Testlaufs auf der Krim 2014 schnellstmöglich 'Wahlen', die russlandfreundliche Machthaber gewonnen hätten, danach wiederum ein 'Referendum', bei denen eine Mehrheit der Ukrainer:innen für einen Beitritt der Ukraine zur Russischen Föderation gestimmt hätte. Oder zumindest großen Teilen des Landes, für den Fall, dass sich in der Westukraine, die einst zur K.u.K.-Monarchie gehörte, eine Separatistenbewegung formiert hätte.
Im Hinblick auf das übergeordnete strategische Ziel, Russland wieder als Großmacht zu etablieren und die Machtbalance der Welt zu verschieben, war die Annexion der Ukraine allerdings nur ein Teilschritt. Erreicht werden sollte das auch durch Spaltung des Westens, also der EU und der NATO, durch hybride Kriegführung. In möglichst vielen westlichen Ländern wurden und werden russlandfreundliche politische Kräfte unterstützt, die für einen Austritt aus NATO und/oder EU bzw. deren Auflösung eintreten. Dadurch würde es möglich, Druck auszuüben auf Länder wie Polen, Tschechei und Slowakei sowie die baltischen Staaten, sich politisch wieder Russland anzunähern. Dazu: Militärische Sicherung der Peripherie (Moldawien, Bergkarabach), auch militärische Unterstützung antiwestlicher Regimes wie etwa in Syrien.
Hätte das alles funktioniert, wäre die Welt heute eine andere. Hat es aber nicht. Die Welt ist trotzdem eine andere. Nur nicht so, wie von Putin geplant. Mit dem Scheitern des Vorstoßes auf Kiew war die 'militärische Spezialoperation' gescheitert und hätte entweder abgebrochen werden oder es hätte einen Plan B für einen solchen Fall geben müssen. Dies schien aber, aus Gründen, die die russischen Kriegsherren allein kennen werden, nicht der Fall gewesen zu sein. Nachdem die Kampagne mangels Alternativen zu einem zähen, zermürbenden Abnutzungskrieg geworden ist, stellt die Situation sich nach vier Jahren wie folgt dar:
Durch den Beitritt Schwedens und Finnlands zur NATO, den Putin nicht verhindern konnte, hat sich die Länge der ohnehin schwer zu verteidigenden Nordwestgrenze über Nacht fast verdreifacht. Zudem verfügen Schweden und Finnland über Mittel, die komplette Ostsee abzuriegeln. Ferner wird die NATO gerade komplett durchrenoviert und aufgerüstet. Und dürfte schon jetzt erheblich profitieren von der Expertise der ukrainischen Streitkräfte in Sachen Drohnenkrieg und moderne elektronische Kampfführung.
Das militärische Engagement zu Gunsten Assads in Syrien musste beendet werden, an der Peripherie sieht es so aus, als kippten Moldawien und Bergkarabach eher von Russland weg. Das iranische Mullah-Regime als verlässlicher Drohnenlieferant steht unter erheblichem Druck und könnte demnächst Geschichte sein. Das NATO-Mitglied Türkei macht keine Anstalten, die Kontrolle der Meerengen zum Schwarzen Meer zu lockern, zumal die russische Schwarzmeerflotte weitgehend außer Gefecht ist. Wirtschaftlich ist Russland zum Juniorpartner Chinas geworden, von dessen Wirtschaftskraft es existenziell abhängt, nachdem westliche Länder sich von russischen Energielieferungen weitgehend unabhängig gemacht haben, und die Sanktionen, anders als gern behauptet, wohl doch wirken. Als einziger echten Verbündeter konnte Nordkorea hinzugewonnen werden. Immerhin.
Weil Donald Trump sich einmal zu oft von Putin hereingelegt fühlte, ist es auch mit dieser Traumpartnerschaft nicht mehr weit her. In Europa scheint der Aufstieg der rechten, EU-feindlichen und russlandfreundlichen Kräfte vorerst einen Zenit erreicht zu haben. Giorgia Meloni hat sich so weit in Richtung Mitte bewegt, dass sich in Italien aus Protest bereits eine neue rechte Bewegung gegründet hat. In Deutschland kann die 'A'fD heuer mit viel Glück ein Ministerpräsidentenamt in einem bevölkerungsschwachen Bundesland gewinnen, und der Einfluss auf die Bundespolitik wird sich in Grenzen halten. Im Westen stagniert der Verein bei ca. 15 Prozent. In Frankreich kann es passieren, dass Marine Le Pen gar nicht erst zur Wahl antreten darf. Putins letzter echter Verbündete in der EU ist Viktor Orbán, dem allerdings eine Wahlniederlage droht.
An der Heimatfront sieht es auch nicht gerade rosig aus. Die Langzeitfolgen sind noch kaum absehbar. Wenn Russland irgendwann wieder auf die Weltmärkte zurückkehrt, müsste es schlechtere Konditonen akzeptieren, da viele ehemalige Handelspartner kaum mehr abhängig sind von russischen Rohstofflieferungen. Auch die Waffendepots leeren sich langsam aber sicher. Die Bestände aus Sowjetzeiten sind weitgehend aufgebraucht und man ist auch hier auf Lieferungen aus China angewiesen. Konservativen Schätzungen zufolge, hat der Krieg Russland bislang 200.000 Tote und mindestens ebensoviele Verwundete gekostet. Andere Schätzungen geben über eine Million russische Gesamtverluste an. (Zum Vergleich: Der Afghanistankrieg 1979-1989 forderte knapp 15.000 Opfer auf sowjetischer Seite.) Die Versorgung der Hinterbliebenen und deren Familien wird die russische Volkswirtschaft noch lange Zeit erheblich belasten.
"Du weißt zu siegen, Hannibal, aber den Sieg zu nutzen verstehst du nicht." (Marhabal, karthagischer General)
Der große Plan Wladimir Putins, Russland wieder zur Weltmacht zu machen, ist zu einer geostrategischen Vollkatastrophe geworden. In der Ukraine bleibt momentan nur, die dortige Zivilbevölkerung weiter mit Bomben- und Raketenangriffen sowie Angriffen auf die Infrastruktur zu terrorisieren, den Westen mit wiederkehrenden Atomkriegsdrohungen ins Bockshorn jagen zu wollen und ansonsten auf einen Lucky Punch zu hoffen. Darauf, dass irgendwo eine ukrainische Einheit kollabiert und das dann eine Art Dominoeffekt auslösen würde, der die ganze Front zum Einsturz brächte. Aber selbst wenn das passieren sollte, wäre die Frage, ob die russische Armee noch die Mittel hätte, einen solchen Durchbruch auszunutzen.
Selbst wenn es also gelingen würde, die Ukraine auf dem Schlachtfeld irgendwie zu besiegen, was dann wahrscheinlich darauf hinausliefe, dass die Ukraine in einen Waffenstillstand mit harten Konditionen einwilligen müsste, was auch eine neuerliche Fluchtwelle gen Westen auslösen würde, wäre Russlands strategische Lage danach schlechter als zuvor, das Land entscheidend geschwächt.
Russland konnte kein einziges seiner Ziele nur annähernd erreichen und es sieht nicht danach aus, als könnte das in nächster Zeit der Fall sein. Russland hat verloren, egal wie der Ukraine-Krieg ausgeht.
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