Donnerstag, 9. April 2026

Wahre Worte (81)


Heute: Thomas Fischer über stehende Ovationen

"Die »stehende Ovation« hat sich über die Jahrzehnte von den Oscarverleihungen seuchenartig bis ins letzte Stadttheater und auf die läppischsten Ereignisse ausgebreitet und auch von der Politik-Inszenierung Besitz ergriffen. Sie führt, ihrer Natur nach, zu einer selbsterfüllenden Verstärkung und Bestätigung ihrer selbst und der kollektiven Illusion, Zeuge eines einzigartigen, begeisternden Ereignisses geworden zu sein. Während der Zuschauer oder Zuhörer beim Beifallspenden im Sitzen buchstäblich »bei sich« bleiben und die Frequenz und Stärke seiner Klatschbewegungen langsam und unbeachtet ausklingen lassen kann, fordert das Aufspringen der Nachbarschaft fast schon verpflichtend dazu auf, es ihr nachzutun. Und wenn man dann steht, kann man auch schlecht die Hände in die Hosentaschen stecken oder sich die Nase pudern; das fällt auf und lässt einen als Außenseiter dastehen." (SPON, 28. Februar 2026)

Anmerkung: Das Problem am Maximalen ist ja, dass es jegliche Bedeutung verliert, wenn man es andauernd macht. Jeden Tag Champagner und Austern ist halt nichts Besonderes mehr. So geht es mit der Standing ovation, bei der sich das Publikum erhebt zum applaudieren. Früher bekamen so was nur wenige. Gealterte Schauspieler:innen, die auf eine jahrzehntelange Karriere zurückblicken konnten und einen Oscar für ihr Lebenswerk bekamen. Opernsänger:innen nach glanzvollen Comebacks. Oder bei Premieren, die Furore machten. 

In den Achtzigern hat die Theater-AG meiner ehemaligen Schule mal Walter Jens' Bearbeitung von Euripides' 'Troerinnen' inszeniert. Die Hauptdarstellerin war in der Stufe über mir und legte als Hekabe einen wahrhaft fulminanten Auftritt hin. Es gab am Schluss frenetischen Beifall, aber es blieben, so weit ich mich erinnere, alle sitzen. (Vielleicht hat das ja dazu beigetragen, dass sie nach dem Abitur nicht zur Schauspielschule gegangen ist, sondern in Münster Medizin studiert hat.) Heute, so ist zu hören, springt der ganze Saal bei solchen Anlässen schon ekstatisch auf und jubelt enthemmt, wenn Klein-Timmy bei der Schulaufführung weniger als fünfmal den Text vergessen und sowohl Auf- als auch Abtritt unfallfrei hinbekommen hat. Mehr noch: Wer nicht aufsteht, macht sich verdächtig. Wir sind schließluch alle Individuen.

Von Zeit zu Zeit bekomme ich eine Karte für ein Abonnementskonzert, wenn die Inhaber verhindert sind oder gehe gern mal mit der lieben T. ins Theater. Ich führe da nicht Buch, aber fast immer fällt der Applaus am Ende stehend aus. Das Problem ist nun, dass Applaus in der bürgerlichen Kultur etwas Dosiertes und Nuanciertes ist und eine Standing ovation, wie gesagt, das Maximum. Voll auf die Zwölf. Steigerungen wären allenfalls zu entlehnen aus dem Bereich der diesbezüglich deutlich zwangloseren Populärkultur. Fahnen schwenken wie im Stadion und selbst gemachte Transparente ("XX, ICH WILL EIN KIND VON DIR!!!") hochhalten? Hände zum Abklatschen oder alle möglichen Devotionalien hinhalten zum Autographieren? Aber so was ist im Rahmen von Theater- und Konzertsälen bzw. Opernhäusern meist schwer machbar. 

Zu ergänzen wäre übrigens noch, dass so ziemlich jeder Applaus heutzutage nach spätestens zwanzig Sekunden rhythmisch wird. Patsch-patsch-patsch-patsch-patsch-patsch-patsch!!! macht es zusätzlich zum gemeinsamen Aufspringen marschtrittartig. Und man fühlt sich nicht nur zum Mitaufstehen genötigt, weil man sich sonst vorkäme wie ein unenthusiastischer Banause, sondern auch fühlt wie auf einem Reichsparteitag. Es geht also nicht nur darum, sich zu vergewissern, Teil eines Mega-Events zu sein, sondern auch im Gleichschritt zu klatschen. Gruselig.







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