Mittwoch, 1. April 2026

Elefant im Raum


Es gibt diesen sprichwörtlichen Elefanten im Raum. Der nimmt fast sämtlichen Platz ein, sodass man sich kaum mehr bewegen kann, aber trotzdem redet niemand drüber. Sinnbildlich steht der Elefant im Raum für ein Problem, das eigentlich allen bewusst ist, aber niemand den Mut oder die Ehrlichkeit aufbringt, es offen anzusprechen. Die 'A'fD etwa verdankt einen Gutteil ihres politischen Aufstiegs ihrer Kernerzählung, sie sei die einzige Partei, die den Mut besäße, den Elefanten beim Namen zu nennen, und der hieße: Illegale bzw. irreguläre Massenmigration. 

Es gibt Menschen, und derer sind meiner persönlichen Erfahrung nach nicht wenige, die beziehen einen mehr oder minder großen Teil ihres Selbstwertgefühls aus ihrer Erwerbsarbeit. Es erfüllt sie mit einem gewissen Stolz, dass sie seit zwei, drei oder mehr Jahrzehnten Morgen für Morgen früh aus den Federn sich erheben und abends todmüde wieder ins Bett fallen. Und die müssen seit langer Zeit mit einem stetig sinkenden Lebensstandard umgehen, weil die Reallöhne in Deutschland seit Jahrzehnten der Inflation und den steigenden Lebenshaltungskosten hinterher hinken. Man spart an Kneipen- und Restaurantbesuchen, die Urlaube werden weniger und kürzer und man muss generell die Euros umdrehen. Wohneigentum zu erwerben ist für viele inzwischen eh ein unerfüllbarer Wunsch.

Sehen diese Menschen dann, wie welche, die hergeflüchtet oder sonstwie hermigriert kommen, vom Jobcenter dies und jenes bezahlt kriegen, dann kann das einen wunden Punkt treffen. Und dazu muss man auch kein Rassist oder sonst wie charakterlich deformiert sein. Kommt noch Angst um den eigenen Job und den bescheidenen Lebensstandard hinzu, dann greifen mitunter Erzählungen wie die, dass 'die da' alles anstrengungslos wohin geschoben bekommen, derweil man selbst seit Jahrzehnten schuftet für immer weniger, bzw. sie fallen auf fruchtbaren Boden. Ebenso wie die vom gierigen Staat, der einem die Hälfte der sauer verdienten Penunzen gleich wieder nimmt und das entweder in die Taschen fauler, nichtsnutziger Politiker bzw. Lobbyisten lenkt oder für irgendwelchen sinnlosen Quatsch verpulvert. 

Post by @derpostillon@mastodon.social
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Anderes Thema, aber wir bleiben beim Sozialen: Momentan ist großer Alarm, weil das Gesundheitssystem vor dem Kollaps steht. Auf bis zu vierzig Milliarden soll das Minus der Krankenkassen bis 2030 steigen. Also wurde eine Kommission ins Leben gerufen, die meines Wissens nach ausschließlich aus privat Krankenversicherten besteht. Und die haben sich da einen netten Katalog der Grausamkeiten zusammenklabustert. Für die gesetzlich Versicherten natürlich. 

Natürlich steigen die Ausgaben im Gesundheitswesen permanent. Menschen werden älter und damit pflegebedürftiger, Medikamente und medizinische Apparaturen werden teurer, Löhne und Gehälter steigen, u.a. beim Pflegepersonal (was ja nur recht und billig ist), auch die Apotheken fühlen sich krass unterbezahlt usw. usw. Die Einnahmen scheinen aber nicht Schritt zu halten. Nur, woher kommen die Einnahmen noch gleich? Richtig, größtenteils aus Löhnen und Gehältern von Arbeitnehmer:innen. (Übrigens sind es auch hier nicht Flüchtlinge, die die Töpfe der GKKs plündern, denn die Aufwändungen für deren Gesundheitsversorgung werden auf Antrag vom Bund übernommen.) 

Die Höhe der Einnahmen der Sozialkassen ist überwiegend an Löhne und Gehälter gebunden, da sie prozentual davon erhoben werden. Verringern sich die Arbeitseinkommen, sinken auch die Einnahmen der Sozialversicherung. Etwa bei steigender Arbeitslosigkeit, wie wir sie im Moment erleben. Das Problem dürfte sich in nächster Zeit noch verstärken in einem Land, in dem schnarchige Schlüsselindustrien den Anschluss verpassen, Zukunftstechnologien als linksgrünes Teufelswerk gelten und man dadurch gerade das Geschäftsmodell Exportnation in die Grütze reitet. 

Nun könnte man natürlich auf eine völlig absurde, ja abwegige Idee verfallen, will heißen, den Elefanten im Raum beim Namen nennen: Nämlich, dass vielleicht nicht die Kosten für Sozialleistungen unangemessen hoch sind, sondern vielmehr Löhne und Gehälter deutlich zu niedrig sind, weil sie seit Jahrzehnten hinter der Inflation hinterherhinken, die Reallöhne in den letzten Jahren trotz höherer Nominallöhne noch einmal gesunken sind und noch nicht einmal der Mindestlohn nennenswert angehoben wurde. Aber das darf man auf keinen Fall tun, das ist etwas völlig anderes, das kann man so jetzt nicht sagen, das wäre ja Sozialismus. Natürlich darf es keine Denkverbote geben, aber das gilt nur, wenn es darum geht, der Masse der Werktätigen tiefer in die Tasche greifen kann.

Elefant im Raum eben. Kein Aprilscherz.







1 Kommentar :

  1. Ein mitunter nicht geringer Anteil.am Elefanten liegt bei denen, die jede Möglichkeit nutzen, Sätze wie "dann geh ich doch ins Bürgergeld und arbeite schwarz" in den Porzellanläden zu werfen, meist im.Einkommensbereich von 8000+, Privilegien, Familienerbe uswusf, selbst nicht die geringste Ahnung von Bürgergeldmechanismen (Bonität haha) haben, ebensowenig wie Interesse am Aufstieg des Proletariats und bloss nicht die Benennung von Aristokratie.
    Das sind auch die, die 30mrd beim.Sozialen einsparen wollen, anderwertig erhobene 30mrd aber für Peanuts halten. Personen, die einen Unterschied von 100 bis 200€ im Geldbeutel nicht einmal wahrnehmen.


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