Dann betätige ich mich mal als Hellseher. Nachdem der Walkadaver vermodernd herumliegt und kaum mehr jemanden interessiert, werden wir in den nächsten Wochen zuverlässig mit Berichterstattung behelligt werden zu der anstehenden Fußball-WM, die unter anderem in Trumpland stattfinden wird, und den unerklärlicherweise unaufhaltsamen Aufstieg der 'A'fD. Der ist übrigens keineswegs unaufhaltsam, wie ein Blick nach Schleswig-Holstein zeigt. Daniel Günther macht vor, wie man die Dixiklo-Partei kleinhält: Professionelle, geräuschlose Regierungsarbeit ohne sich dauernd zu fetzen wie die Kesselflicker, raus zu den Menschen gehen, ihnen wirklich zuhören. Alles keine Raketenwissenschaft.
Die Links und Fundstücke des Monats:
Politik. Timothy Snyder zum politischen Selbstmord der USA (engl.)
"The United States has just spent billions of dollars to lose a war that enriches its oligarchs, impoverishes the citizenry, sabotages its alliances, and strengthens its enemies. As justification for the self-destructive mindlessness, the White House gestures towards Jesus and genocide. [...] Empires have risen and failed before, but to my knowledge no state has ever chosen to kill its own power, and succeeded with such rapidity." (Snyder, a.a.O.)
Andreas Püttmann über den Rechtsdrift in der Union.
Der Faschismus ist deswegen so stark, weil er eben keine kohärente Programmatik hat und auch gar nicht braucht, meint Robert Misik.
"[Der] Faschismus [hat] keine eigene Doktrin [...], wenn man vom (Ethno-)Nationalismus absieht. Der Kollege Robert Pausch hat eben in der Zeit darauf hingewiesen: »Rechte können zugleich Antisemiten und Israelfreunde sein, zugleich Pazifisten und Militaristen, zugleich neoliberal und sozialistisch. Während die Linken permanent unter Scheinheiligkeitsverdacht stehen, hatten die Rechten dieses Problem bislang nicht. Eben weil Konsistenz für sie offenkundig keine Kategorie zu sein schien -- und sie auch nie daran gemessen wurden.« Das ist das Grundrauschen, über dem sich dann jede Meinung zu jedem beliebigen Problem erheben kann -- oder auch die Gegenmeinung. Kein einziger Denker [...] hat je ein philosophisches System des Faschismus entwickelt. Er benötigt es nicht, weil er von »mobilisierenden Leidenschaften« getragen ist." (Misik, a.a.O.)
Für Georg Diez ist Tucker Carlson ein Symptom.
Interview mit Slavoj Žižek über die Zukunft der Linken, Revolutionen etc. (engl.) Und es geht darum, wie er von Jürgen Teller fotofiert wird, denn, hey, es ist die Vogue. Aber, hey, sie bringen es.
"If you cannot tolerate irony directed at your own people and yourself, it does not mean you love them, it means you are afraid. Whenever people ask me what it was like in Yugoslavia, I say there was one thing up until the 1980s. When friends from different countries gathered, we told jokes about each other or about ourselves, and that was the whole game. That was brotherhood and unity! The only way to fight racism is to universalize racism. In the sense that we all talk about everyone, but including ourselves first. And it works. Even in China I was surprised by how they understood that, they were telling even for me excessively vulgar jokes." (Žižek, a.a.O.)
Leider leben wir in humorlosen Zeiten.
Kollege Schulte zur Causa Brosius-Gersdorf und zur bürgerlichen Presse.
Regenbogenflaggen sind nett, reichen aber nicht, meint Leo Fischer.
"Die Fahne ist halt eine Fahne. Wenn der Wind sich dreht, wendet sie sich auch schnell wieder in eine neue Richtung." (Fischer, a.a.O.)
Es ist zum Mäusemelken, findet Michael Herl: Trump machts mit links.
Kultur/Gesellschaft/Gedöns. Jamiri, ach Mist! Hat damals auch in Essen studiert. Habe glaube ich mal ein Seminar mit ihm in der Cafeteria verquatscht. Da wusste ich noch nicht, dass das der Typ ist, der immer die Comics in der UNICUM gezeichnet hat. Es geht ihm nicht gut.
Sie glauben also, Mercedes baue gute Autos? Überlegen Sie vielleicht noch mal. Mein diesbezügliches Aha-Erlebnis hatte ich schon vor knapp 20 Jahren, als ich in einer B-Klasse saß, die ein Freund damals als Firmenwagen fuhr und ich einfach nicht glauben wollte, was die Stuttgarter da für welche Preise verhökern. Die Karre war unbequem, laut, hatte kaum Komfort und kostete damals knapp doppelt so viel wie vergleichbare, besser ausgestattete Minivans anderer Hersteller. Jetzt kommen noch KI und Totalüberwachung hinzu. Und Radiohören muss man nach Registrierung extra freischalten.
Apropos Verkehr: Eine Gebrauchsanweisung für die Deutsche Bahn (engl., Übersetzung in den Kommentaren).
Angela Richter fordert: Holt die alten weißen Männer zurück ins Theater!
Bret Devereux mit einer Artikelserie zum Thema Sparta von 2022 (via).
Etgar Keret zu Kulturboykotten. Die beruhen oft auf Halbbildung und Banausentum.
"Das Kunstwerk wird zu einem gewöhnlichen Konsumgut, wie jedes andere im Supermarkt des Lebens. Aus Sicht des Boykottierenden liefert ein Künstler Waren oder Dienstleistungen. Und wie bei einem Klempner, Taxifahrer oder Fast-Food-Verkäufer können wir, wenn uns ein bestimmter Anbieter nicht passt, genau dasselbe Produkt, dieselbe Dienstleistung von jemand anderem bekommen. [...] Wäre ich in der puristischen, selbstgerechten Welt der Boykotte aufgewachsen, hätte ich wahrscheinlich nie T. S. Eliot, Louis-Ferdinand Céline oder Ezra Pound lesen können -- drei bekennende Antisemiten, durch deren Werke ich weit mehr über mich selbst und die Welt gelernt habe als aus unzähligen anderen, deren Autoren womöglich bessere Menschen waren, die mich aber viel weniger tief berührten." (Keret, a.a.O.)
Vincent Klink hat einen älteren Text seines verstorbenen Freundes Wiglaf Droste ausgegraben: Frieden schaffen ohne gaffen.
Vera Dracke bricht eine Lanze für das Arbeiten mit Chef.
Thilo Bock erinnert an das einst verbreitete Hobby des Briefmarkensammelns.
Musik. 1983 wurde vom SWF die 'Tatort'-Folge 'Peggy hat Angst' ausgestrahlt. Darin ermordet ein psychopathischer Taxifahrer (Hans-Georg Panczak, vor allem bekannt als deutsche Stimme von Mark Hammill) das Model Natascha (Ute Christensen), die eine Nacht mit ihm verbracht hat, aber nicht mehr von ihm will. Womit er dann nicht umgehen kann. Was final ungut endet. Für Natascha. Ihre Freundin Peggy (Hannelore Elsner) hört den Mord am Telefon mit an und hat Angst. Dass sie die nächste sein könnte. Kommissarin Wiegand (Karin Anselm) ermittelt.
Bekannt wurde die Folge wegen des Songs 'Why Can The Bodies Fly' des Hamburger Elektropop-Duos Warning, der vieles vorweg nahm, "was erst Jahre, teilweise Jahrzehnte später als arriviert gelten sollte: Growling, böse wirkende chromatische Tonfolgen inklusive Tritonus, und dit Janze auf Disco-Pop-Basis mit sattem Elektronik-Anteil. [...] In Summe clever gemachte Trash-Kultur mit hohem Wiedererkennungswert von zwei liebenswerten Honks in Pseudo-Darth-Vader-Gasmaskenkostümen, ihrer Zeit deutlich voraus." (Haciendamann) Kletterte bis auf Platz 11 der deutschen Charts, wurde später mehrfach gecovert, darunter von Pungent Stench, blieb aber ein One-hit-wonder.
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Sport. Ja, das CL-Halbfinale zwischen Paris Saint Germain und Bayern München kann man nicht genug rühmen. Alina Schwermer tut das gebührend. Stellt aber auch die Frage, ob der Preis für solche Spektakel nicht zu hoch ist.
Essen/trinken/gut leben. Tobias Müller zur Frage des biodynamischen Landbaus.
Was passiert eigentlich, wenn der Zimmerservice im Hotel eine Leiche findet? Götz A. Primke weiß es und klärt auf.
Das Rezept. Bei den momentanen Temperaturen empfiehlt sich natürlich etwas Leichtes, das höchstens Zimmertemperatur hat. Es gibt ja Rezepte, die sind so simpel, dass die Menschen offenbar nicht anders können als ihren Senf dazuzugeben und sie unbedingt mit was anreichern müssen. Für eine Caprese zu Beispiel braucht man aromatische Tomaten, Büffelmozzarella frischen Basilikum, ein wenig Salz, am besten Fleur de sel, gutes Olivenöl und fertig. Die Welt könnte so einfach sein, das Glück so nahe liegen. Aber nein, Gevatter Mitmensch knallt gnadenlos gruselige, den delikaten Mozzarella zersetzende Balsamico-Imitate darüber oder irgendwelche dubiosen Kräutermischungen.
Auch mit dem griechischen Bauernsalat wird viel Schindluder getrieben in Form von Essig und sinistren Gewürzmischungen. Dabei ist es eigentlich, wenn man Marina Angelaki fragt, ganz einfach: Gurke, Tomaten, Paprika, Feta, Zwiebeln (gern Lauchzwiebeln und/oder Schalotten), Salz, Oregano, Ölivenöl und gut. Zwiebeln, Paprika und Gurke kann man eine Weile vorab salzen, das macht sie weicher und bekömmlicher. Und der Zwiebelsaft verleiht dem ganzen eine delikate Würze.
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