Donnerstag, 22. Oktober 2026

Entpolitisierung als Kalkül?


Ein Gastbeitrag von gerdos

Zur Einstimmung ein paar nüchterne Daten:

'Schlagerboom -- Alles funkelt! Alles glitzert!' (ARD 19.10.2024, 20:15 live. Einschaltquote mit 3,88 Mio. mäßig (2016 noch über 6 Mio.) Wiederholungen auf WDR und MDR 20:15 bis 23:35 Uhr
'Schlagerboom Open Air 2025' (21. Juni 2025 um 20.15 Uhr in der ARD, Generalprobe am 20. Juni, die Sommer-Show findet unter freiem Himmel statt.)
'Schlagerboom -- Alles funkelt, alles glitzert' (18. Oktober 2025 um 20.15 Uhr in der ARD, Generalprobe am 17. Oktober, Wiederholungen bei WDR und MDR 20:15 bis 23:35 Uhr)
'Das Adventsfest der 100.000 Lichter' mit den üblichen Verdächtigen wie Andrea Berg, Simone Thomalla, Ella Endlich, Thomas Anders, DJ Ötzi, Howard Carpendale, Semino Rossi, Vanessa Mai, Stefanie Hertel, Andy Borg, Ross Antony, Joe Kellys Familie und anderen (ARD, 29.11.2025, 20:15 bis 23:35)

Usw. usw. usw. Auch in 2026 werden wir in ähnlicher Frequenz mit ähnlichem beglückt. Denn Ähnlichkeit ist Trumpf in diesem Genre, wie wir sehen werden. Folgen Sie mit, liebe Uneingeweihte, auf eine Reise in eine faszinierende Parallelwelt.

Eröffnet wird jede dieser Sendungn mit dem von Florian Silbereisen interpretierten Song: 'Aber eins, das kann mir keiner nehmen und das ist die pure Lust am Leben!' Menschen auf Palliativstationen, Schwerbehinderten, den vielen Menschen, die täglich die Diagnose Krebs gestellt bekommen, Menschen, die gerade einen Sterbefall in der Familie hatten, denen vor kurzem gekündigt wurde, Personen in einer Chemotherapie, u.a. dürften dieses Opening mit Vergnügen zur Kenntnis nehmen. Es reicht auch nicht, dem Vergnügungspöbel maximal 90 Minuten dieses Schwachsinns zu servieren, so von wegen Pluralität, Grundversorgung, Massengeschmack, Einschaltquoten etc. Nein, da werden gleich jedes Mal 195 Minuten davon in den Äther verströmt, dass einem die Festplatte unter der Fontanelle durchschmoren mag.

Möglicherweise erlebe nicht nur ich diese Form von primitiver Unterhaltung mit immer denselben Interpreten unter der Leitung des grundlos dauergrinsenden Moderators (Silbereisen) als intellektuelle Zumutung. Es scheint fast, als bereite es den Machern derartiger Sendungen sogar eine klammheimliche Freude, auf Kosten der Gebührenzahlenden das erste Programm quasi inflationär mit diesem Schund zu fluten. Ich vermute das, denn ohne einen bestimmten sozialen Hintergrund würden die Macher dieses Formats nicht so unkritisch damit umgehen. Die auf bildungsferne Konsumenten ausgerichteten und ausgewählten Songtexte jedenfalls sind derart banal, schlicht und trivial, dass einem die Ohren bluten.

Bei den Darbietungen erschreckt am meisten, dass die Kamera oft Teile des Publikums einfängt, die enthusiastisch auch noch die mir völlig unbekannten Liedtexte mitsingen. Hier scheinen die von Amtskirche und Staat Enttäuschten ihren Religionsersatz gefunden zu haben. Diese vorsätzliche sanfte Verblödung der Rezipienten ist mMn integraler Bestandteil einer Entlastungsideologie, die ínsbesondere in Krisenzeiten Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, die Spannungen des Lebens auszuhalten in eine realitätsferne Scheinwelt zu entführen um sie gegen den emanzipatorischen, rationalen Umgang mit ihren Alltagsproblemen immun zu machen. Dieses Sendungsformat ist eine kalkulierte Großoffensive zur Entpolitisierung der Gesellschaft, die Rückführung in eine heile Welt, als die Luft noch sauber und der Sex noch schmutzig waren.

Georg Schramm würde dazu sagen: Der Markt schafft Bedürfnisanstalten, in denen man seine seelische Notdurft verrichten kann.

In einem Punkt überschneiden sich die Formate Comedy und Schlager: Beim Inszenieren konsumierbarer Naivität. Es ist ja gerade die naive Artifizialität (Künstlichkeit), nach der sich der Zuschauer in diesem Format sehnt, der musikalische Eskapismus in eine geordnete Welt, in der die Erzählungen und Liedtexte klar und eindeutig sind, jeder Beat erwartbar getaktet ist und (auf 1 und 3!) bis zur exzessiven Ballermannextase mitgeklatscht werden kann.

Hier noch eine Auswahl der Schlager von anno dunnemals aus dem 'Schlagerboom Silvester 2025' (4,5 Mio. Zuschauende):

Du hast mich tausend mal belogen (2001)
You're My Heart, You’re My Soul (1984) 
Ohne dich schlaf ich heut Nacht nicht ein (1985)
Flugzeuge im Bauch (1984/gesungen von Oli P.
Hello Again (1984)
Ti amo (1977)
Ich wär so gern wie Du (1977)
It's a Heartache (1977)
Holding Out for a Hero (1984)
Sugar, Sugar (1969/gesungen von Ross Anthony)
Ich will alles (1983)
Big in Japan (1984)
Forever young (1984)
Que Sera (1955)
Santa Maria (1980)

Dazu noch vom Publikum textsicher mitgesungenes sexistisches Liedgut wie:

Das schöne Mädchen von Seite 1 (Howard Carpendale)
Ein Bett im Kornfeld (Jürgen Drews)
Im Wagen vor mir (Henry Valentino)
Frauen wollen immer nur das eine (Roland Kaiser)
Nein heißt ja (G. G. Anderson)
Zweimal Nein heißt einmal Ja! (Sigrin und Marina 2007)
Geh mal Bier hol'n (Micky Krause 2014)
Fesche Madln (Andreas Gabalier 2015)

Was die Zuschauenden so an Schlagern von 1965 (‚Marmor, Stein und Eisen bricht’) immer wieder so begeistert? Keine Ahnung. Einzige Lichtblicke der letzten Shows waren die No Angels und Unheilig. Bei dem Rest würde sich Adorno im Grabe umdrehen. Warum werden nicht Interpreten wie z. Beispiel Jain ('Makeba'), Großstadtgeflüster ('Fickt Euch Allee'), Nina Chuba ('Wildberry Lillet') und Alice Merton ('No Roots') eingeladen? Als in einer der der letzten Shows Reinhard Mey zu Gast war, hatte er vermutlich die Auflage bekommen, nicht seinen aktuell wieder beliebten Song 'Nein, meine Söhne kriegt Ihr nicht!' zu interpretieren. Das wäre mit dem Entpolitisierungsauftrag der ARD wohl nicht zu vereinbaren gewesen. Bei AC/DC singen die meisten der 50.000 Besucher übrigens ebenfalls die Texte mit, ohne dass ein Laufband diese anzeigt. Aber das ist ein anderes Thema.

"An den Vergnügungen einer Gesellschaft erkennt man ihr Elend." (Gabriele Wohmann)

Oh, und dann war da noch ein gewisser Theo, der nach Litzmannstadt fährt. Vor zwei Jahren trat Vicky Leandros zuletzt beim Schlagerboom mit ihrem Hit 'Theo, wir fahr'n nach Lodz' auf. Und wieder habe ich mich gefragt: Warum Lodz? Warum keine beliebige andere Stadt? Ist denn der Interpretin und den Zuschauern nicht bekannt, dass Lodz (Litzmannstadt) nach Warschau das zweitgrößte Ghetto der Nazis war? Von Januar bis September 1942 wurden in mehreren Deportationswellen über 70.000 Menschen im ungefähr 60 Kilometer westlich von Lodz gelegenen Vernichtungslager Chelmno ermordet. Kann man dran erinnern, wenn man mag.

Bei der Musik hört es ja nicht auf. Von dem penetranten gegenseitigen Vollgeschleime zwischen Interpreten und Moderator bei der Vorstellung seiner Gäste war noch gar nicht die Rede.

Sehr gerne sehe ich mir übrigens Live-Übertragungen der großen deutschen Städtemarathons in Berlin, Hamburg und Frankfurt an. Das Argument der Berücksichtigung des Massengeschmacks wird aber hierbei brüchig, wenn zu über 90 Prozent der Sendezeit nur die Gruppe der führenden Weltklasseläufer und -läuferinnen gezeigt wird. Hier vermisse ich Porträts von Novizinnen und Novizen, alten und besonders jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, Bilder von skurrilen Outfits und originellen Laufgruppen.

Natürlich und wenig überraschend ist das treibende Motiv hinter der geisttötenden musikalischen Zwangsbeglückung GELD. Das hat Jan Böhmermann bereits in überzeugender Weise nachgewiesen:


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Oder die Erklärung ist viel einfacher: Die Schlagerinflation ist bloß das, was dem Restpublikum des linearen ÖRR am meisten zusagt. 






1 Kommentar :

  1. Zum Glück leben wir in einer Gesellschaft, in der niemand gezwungen wird, sich das anzuschauen.

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