Samstag, 24. Oktober 2026

Jenseits der Blogroll - 10/2026


"Wie schaffen es gute Deutsche eigentlich, immer dann konsequent wegzusehen, wenn sie besonders genau hingucken sollten? Ist das Dummheit, Bösartigkeit oder die menschliche Anfälligkeit für eschatologische Religionen, vom Christentum über Homöopathie bis zum FC St. Pauli, die sie oft so blind macht? Lieben sie als linke Schöngeister -- gelangweilt von ihrem Kleinmädchen-Idealismus -- heimlich das Böse? Haben sie Angst, eine wichtige Party zu verpassen?" (Maxim Biller)

Berechtigte Frage. Bevor wir uns, werte Lesys, da der Monat sich bereits wieder in seine letzte Woche neigt, den Links und Frundstücken widmen, möchte ich es nicht versäumen, dem Kollegen Kiezschreiber alles Gute zu wünschen. Sie werden verdammt noch mal noch gebraucht, Bonetti!

Politik. Klaus Lederer zum dritten Jahrestag des Hamas-Massakers am 7. Oktober 2023.

"Der obsessive Blick Richtung Nahost bietet die Möglichkeit, sich mit einer vermeintlich machtlosen und unterdrückten Seite zu identifizieren und gegen die wiederum vermeintlich übermächtigen Unterdrücker zu mobilisieren. Das erleichtert, all die komplexen Probleme unserer Gegenwart zu verdrängen. Diese quasi-religiöse Erweckungsvorstellung kann sich an den Ausgang des vermeintlich »letzten Gefechts« zwischen Gut und Böse heften: »Gaza will free us all« oder »Palestine will set us frre«. Viele Konflikte auf unserem Globus, die ganzen Ambivalenzen und zahllosen Zumutungen, mit denen man sich jeden Tag herumschlagen muss, gerinnen dann zum Nebenwiderspruch. Dabei geht es aber kaum um Frieden in Israel und Palästina. Es geht eher um kollektive und individuelle psychische Entlastung, man stiftet sich heimelige Gemeinschaft anhand geteilter Feind- und Weltbilder." (Lederer, a.a.O.)

Dazu: Herta Müllers Rede zum 7. Oktober von 2024 (runterscrollen für die deutsche Version).

Florian Markl zu Sally Rooney. Die irische Erfolgsautorin setzt den palästinensischen Terror allen Ernstes mit dem Kampf gegen das südafrikanische Apartheid-Regime gleich. Wir erinnern uns alle an die zahllosen Terroranschläge, Massaker und Gräueltaten, die die Anti-Apartheidsbewegung verübt hat. Was kommt als nächstes? Eine Erinnerung an die Spur der Verwüstung und die Leichenberge, die die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung hinterlassen hat?

Vanessa Giese mit fünf Cent zur Gesamtlage, ohne den Namen des amtierenden Kanzlers zu nennen. Kann ich größtenteils unterschreiben.

Lea Fauth zu den Protesten der Schüler:innen in Frankreich.

Albrecht von Lucke über die 'A'fD und Saxen-Anhalt.

"Bedanken für den sich abzeichnenden Erfolg kann sich die AfD bei der Konkurrenz, in erster Linie bei der Union und Kanzler Merz höchstpersönlich. In historisch ebenfalls beispielloser Weise haben diese es geschafft, im Wahlkampf nicht das radikale Parteiprogramm der AfD zum Thema zu machen, sondern die eigene Personalpolitik beziehungsweise deren grandioses Scheitern. Eine ähnlich kräftige Wahlkampfhilfe leistete Friedrich Merz nur vor der Bundestagswahl, als er mit der gemeinsamen Abstimmung im Bundestag zur Migration thematisch der AfD voll in die Karten spielte." (Lucke, a.a.O.)

Paul Mühlbach über die Wahl in Sachsen-Anhalt, Dolly Parton und die Sehnsucht nach Gemeinsamkeit.

Hannes Stein befasst sich. Mit der Frage, ob Religion auch ein evolutionsbiologischer Vorteil sein könnte.

Apropos: Ein wenig Apokalyptik. Oder nicht. Frau Mirtana analysiert, wie die Panikmache um den neuerlichen Untergang Deutschlands funktioniert, Nicky Reinert hält die Sorge vor der KI-Apokalypse für überzogen und Herrn Hannemanns Meinung nach ist die KI gerade mitten in der Pubertät.

Alan Posener hält Peter Thiel für überschätzt. "Sein Denken ist unoriginell und viel zu selbstzentriert, um von Bedeutung zu sein." (ebd.) 

Kultur/Gesellschaft/Gedöns. Der schon eingangs zitierte Maxim Biller mit einem Rundumschlag gegen eine "Trivialrevolution, die sogar schon die Seminare erreicht hat" (ebd.). 

Wortvogel hat sich in London die 'ABBA Voyage'-Show angesehen. Und sich seine Gedanken gemacht.

"Es eskaliert [...] eine Entwicklung, die ich seit ein paar Jahren als immer bedrohlicher wahrnehme: die Vergangenheit verstopft die Gegenwart und blockiert die Zukunft." (Wortvogel, a.a.O.)

Tobias Becker über das Scheitern der Fernsehserie 'Babylon Berlin' als historische Mahnung.

Interview mit Designer Paolo Tumminelli über die Fehler europäischer und deutscher Autobauer.

Hurra, hurra, der Vongestern-Blog ist wieder da! Nach sechs endlosen Jahren. Ich hatte die Hoffnung nie ganz aufgegeben und er ist immer in der Blogroll geblieben.

Musik. Als die Band Yes sich in den Achtzigern heillos zerstritt, untersagte Bassist Chris Squire den ehemaligen Kollegen, unter dem ursprünglichen Namen aufzutreten oder Platten zu veröffentlichen (als Gründungsmitglied konnte er das). So beschlossen die übrigen Vier, die Basslegende Tony Levin ins Boot zu holen und einfach unter ihren Nachnamen als Anderson, Bruford, Wakeman & Howe (ABWH) weiterzumachen. Das sprach sich zwar sperrig, funktionierte aber überraschend gut, die Konzerte waren ausverkauft, es erschienen zwei Studio- und zwei Livealben. Musikalisch wie optisch ist das maximal verpoppter Progrock, der damals eh mehr als mausetot war, mit quakenden Keyboards und blechernem Digitalgetrommel, aber auf eine gewisse Art auch nicht uninteressant, irgendwie.


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Sport. Der Herr Hannemann ist schon ein arger Kloppo-Fanboy.

Essen/Trinken/gut leben. Lukas Wuttke plädiert für Savoir-vivre statt Gesundheitswahn. Und Jürgen Dollase für Schweinshaxe in der Spitzenküche.

Jörn Kabisch über geschwätzige Gasthauswände und über den wahren Horror, die Nemesis des Interior design: Wandtattoos.

Vincent Klink macht sich einmal mehr für den Beruf der Servicekraft stark, deren Tätigkeiten derangiert wurden zum bloßen Tellerschleppen, Kilometermachen und Abkassieren. 

"Denn guter Service erschöpft sich nicht darin, Teller von der Küche zum Tisch zu tragen. Er ist ein Handwerk, das Können, Aufmerksamkeit, Erfahrung und nicht zuletzt eine gewisse Eleganz verlangt. Wer am Tisch flambiert, tranchiert oder ein Gericht vollendet, macht dieses Handwerk sichtbar." (Klink, a.a.O.)

Das Rezept. Machen wir uns die Sache dieses Mal einfach Nichts kompliziertes, versprochen. Dafür fleischlos. Eine schlichte Beilage und ein weiteres Beispiel dafür, wie auch simple Dinge raffiniert werden, wenn man sich in Frankreich ihrer annimmt. Der gute alte Porree oder Lauch zum Beispiel. Kommt bei uns meist nur vor als Teil des Suppengrüns. Früher gab es bei uns manchmal Porreegemüse. Das waren meist übergarte Porreestücke in einer Béchamelsauce, dazu Kartoffeln und frische Bratwurst. Mochte ich. Man kann aber auch eine so simple wie delikate Vorspeise namens Poireaux vinaigrette daraus machen. Oder eine Gemüsebeilage namens Fondue de poireaux, die in ihrer Einfachheit genial ist. Porree reinigen, in Stücke schneiden. Butter, Salz, zum Schluss ein Schuss Sahne und fertig. 






 

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