Montag, 25. Juni 2018

Nationale Sippenhaft


"Nationalismus bedeutet Krieg" (François Mitterand)

Das Spiel der deutschen Mannschaft gegen die schwedische am vergangenen Samstag hat sehr schön offenbart, was das Problem ist am Konzept des Nationalismus. Es bedeutet, von welchen, die so gar nichts haben außer ihrer Nationalität, in Sippenhaft genommen zu werden. Etwa von Leuten, die damals, als Dezenz und gute Manieren verteilt wurden, offenbar gerade kacken waren. Oder anderweitig beschäftigt. Vielleicht damit, anderen Menschen überheblich ins Gesicht zu grölen. Die beim DFB schaffenden Herren Behlau und Voigt sind solche Prachtexemplare. Und denen soll ich mich nun irgendwie näher fühlen als den freundlichsten Mitmenschen aus irgendeinem beliebigen anderen Land? Wegen Nation? Weil wir zufällig Herkunftsgegend, im Pass eingetragene Staatsbürgerschaft und Muttersprache teilen?

(Überhaupt erschließt sich mir nicht, was solche Zivilisationsallergiker auch nur in der Nähe einer Trainerbank zu suchen haben. Ich hatte immer gedacht, da gehöre nur qualifiziertes Fachpersonal hin.)

Nein! Ich will mich nicht fremdschämen müssen für solche und andere Blitzbirnen, die bierfurzwarme Volksgemeinschaft teilen, in einen Topf geworfen werden mit und mich distanzieren müssen von ihnen, bloß weil es zufällig deutsche Staatsbürger sind! Und die Genannten sind ja beileibe noch nicht die abschreckendsten Beispiele. In meiner idealen Welt würden solche Typen auf eine Deppeninsel verfrachtet. Das wäre mitnichten ein Lager, mehr ein Ferienresort. Es möge ihnen an nichts fehlen. Wichtig ist nur: Sie wären unter sich. Dort könnten sie dann den ganzen Tag Fahnen schwenken, sich gegenseitig in die Hackfressen bölken, bis sie schwerhörig sind und 24/7 platzen vor Stolz auf etwas, zu dem sie außer Geborenwordensein absolut nichts beigetragen haben. Sie können sich Kriege erklären, sich einander auf die Omme geben, dass es nur so eine Art ist, bis sie alle endgültig debil sind. Der aufgeklärte, zivilisierte Teil der Menschheit aber hätte seine Ruhe.

Wenn ich mir als weitgehend Unbeteiligter gewisse Dinge so ansehe, dann komme ich nicht umhin, den Schluss zu ziehen, dass Nationalismus, egal wo und von wem, schlicht doof macht. Hätte sich der serbische Trainer sonst zu der mit steindumm noch recht dezent umrissenen Forderung hinreißen lassen, einen Schiedsrichter, der eine diskutable Entscheidung gefällt hatte, allen Ernstes vor das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zu bringen? Warum nicht erst noch den deutschen Botschafter einbestellen? Nationalismus ist, wenn Menschen wegen einer provokanten Geste am liebsten Kriege vom Zaun brächen. Oder wenn sie aus lauter Liebe zur Nation ohne Not ihre Rechte selbst beschneiden, indem sie Diktatoren, die ihnen national um den Bart gehen, an die Macht wählen. Mööööp!

Braucht kein Mensch.




Kommentare :

  1. "Sie können sich Kriege erklären, sich einander auf die Omme geben, dass es nur so eine Art ist, bis sie alle endgültig debil sind."

    Leider ist die gegenwaertig offensichtliche Deblitaet noch und weiterhin ausweitend gestattet.

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  2. @ Stefan Rose,

    versuch mal Zivilisation als Kooperation zu denken und Konkurrenz als das entmenschlichende Gegenteil davon und den Fussball darin einzuordnen.

    Es ist ja nicht möglich sich dem überhaupt zu entziehen, weil diese nationale Konkurrenz dermassen medial über Bilder gepuscht wird, dass einem beim Anblick dieser Bilder eigentlich nur schlecht werden kann, von der Darstellung der agressiven Entwürdigung der eigenen Persönlichkeit im Dienste eines angeblich gemeinsamen Nationalen.

    Die Erde ist inzwischen ein viel zu kleiner Ort geworden, dass der Mensch sich einfach einen anderen suchen kann.
    Es gibt kein Ausweichen mehr und Mehrheiten entscheiden darüber, wie sich der Rest einzufügen hat.

    Und historisch und bürgerlich demokratisch gesehen, waren das immer wieder die antizivilisatorischen Kräfte, die destruktiven Kräfte.

    Obwohl das scheinbar nicht so ganz zum Fussball passt: Irgendwie klappt das nicht mit dieser naturgesetzlich unabwendbaren Höherentwicklung der Spezies.

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    1. Ich sollte vielleicht erwähnen, dass ich 'Zivilisation' hier als Gegenbegriff zu dem vor allem in Deutschland ab dem 19. Jh. strapazierten der 'Kulturnation' verwende.

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  3. Stefan Rose, es tut mir gut, solches von dir zu lesen. Danke.

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  4. Die "bierfurzwarme Volksgemeinschaft" hat ja auch ein Riesenproblem damit, dass eine Frau (!) Fußball (!)kommentiert. Eine Frau! Kommentiert Fußball!
    Geht ja gar nicht!

    Dabei kommentiert Claudia Neumann m.M.n. besser als all ihre männlichen Kollegen. So geht sie auf das Spiel ein statt minutenlang vorgefertigte Textbausteine runterleiern.
    Die Frau hat wirklich Ahnung vom Fußball und ich wünschte mir, dass sie die Spiele mit deutscher Beteiligung kommentieren würde.
    Der Aufschrei bierbäuchiger Machos wäre in diesem Falle natürlich mindestens ohrenbetäubend.

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    1. @ Duderich,

      "bierfurzwarme Volksgemeinschaft", bist Du da selber drauf gekommen? Ist doch geklaut oder etwa nicht?

      Wer darf denn heute wieder gewinnen? oder wer darf nicht weiterkommen?

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    2. @Troptard
      "bierfurzwarme Volksgemeinschaft" habe ich vom Blogbetreiber zitiert - daher auch die Anführungszeichen.

      Gewinnen dürfen grundsätzlich beide Mannschaften. Ob eine Mannschaft weiterkommen 'darf' oder nicht leitet sich kausal vom Spielergebnis ab.

      @Stefan:
      Habe neuerdings Probleme über mein Google-Konto zu kommentieren. Hat das evtl. mit Veränderungen bzgl. der DSGVO zu tun?

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    3. Ach Duderich,

      "Ob eine Mannschaft weiterkommen 'darf' oder nicht leitet sich kausal vom Spielergebnis ab."

      Genau das meine ich! Weil das Spielergebnis eben nur die Abstraktion vom Spielverlauf ist.

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    4. @Troptard:
      Ist eine Erkenntnis, die ich mit Dir teile. Verstehe aber nicht ganz, auf was Du Dich bei mir beziehst.

      Konnte Deinen Fragen keinen Zusammenhang zuordnen, deshalb fielen die Antworten auch schlicht aus.

      Auch Deine an mich gerichtete Aussage bzgl. Abstraktion des Verlaufes ist ja so revolutionär auch nicht. Klar: Fußball ist digital (Tor oder kein Tor). Ne Null oder ne Eins (oder mehrere davon).

      Troptard, stehe wirklich gerade auf dem Schlauch, was Du von mir hören/wissen willst? Und besonders: Auf welche meiner Aussagen beziehst Du Dich?

      Bin verwirrt.

      @all: Passt vielleicht nur mittel zu dem Thema, aber hier verlinkt eine (wie ich finde interessante) statistische Betrachtungsweise von Tippabgaben:
      https://www.zeit.de/sport/2018-06/fussball-wm-tippspiel-gewinnen-statistik-professor-andreas-heuer

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  5. Vielleicht interessiert das hier noch , weil es ja um Fussball geht und wie das mit der "Theorie der Gesellschaft" zusammenhängen könnte bzw. mit der Beschreibung ihrer Funktionsweise.

    Neoliberalismus, was das bedeutet, da wissen ja wohl sehr viele inzwischen "ziemlich gut Bescheid" und auch wer deren Begründer waren, deren einflussreichste Ideologen: Der Östreicher Friedrich Hayek, 1899 - 1992 und der Amerikaner Milton Friedman 1912-2006.

    Beide haben das Funktionieren von Gesellschaft gerne mit dem Spiel von zwei gegeneinander antretenden Fussballmannschaften mit vorgegebenen Regeln verglichen.

    Welche Mannschaft gewinnt ist bei denen im Vornherein ungewiss. Die Mannschaft die verliert, muss notwendigerweise ausscheiden. Auf die Gesellschaft übertragen, um deren Fortschritt nicht zu behindern.

    Entscheidend in deren Ideologie, deshalb so gerne der Vergleich zum Fussball, dass auch gesellschaftliche Entwicklungen nicht (rational) erklärbar und vorhersehbar sind.
    Wer da weiter einsteigen möchte, dem empfehle ich die Vorträge von Prof. Dr. Gerhard Stapelfeldt auf Youtube, die das Thema Neoliberalismus fast alle einschliessen auch dann, wenn der Titel es nicht unbedingt vermuten lässt.

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    1. "Entscheidend in deren Ideologie, deshalb so gerne der Vergleich zum Fussball, dass auch gesellschaftliche Entwicklungen nicht (rational) erklärbar und vorhersehbar sind."
      "... dass auch gesellschaftliche Entwicklungen nicht (rational) erklärbar und vorhersehbar sind." ??

      Im Vergleich zu Sport hinkt das doch erheblich.
      Ich bin seit rund 50 Jahren Box&sonstig Kampf-Fan. Da lernt man dann aus 1000en Beispielen, … "everything can happen" …. anytime … !

      Im krassen Gegensatz dazu, sieht man doch gesellschaftliche Entwicklungen/etc. ueber laengere/kuerzere Zeitraueme immer wieder kommen wie eine gewohnte Dampframme … von was extremem reden wir denn sonst ueber Jahre/Jahrzehnte hinweg wie schon andere zuvor, die ebensowenig an den harschen Folgen ihres, "nicht (rational) erklärbaren"? Wissens, aendern konnten … ohh weh wie durchweg deprimierend ...

      Da brauch ich keinen und sonstigen Prof. Dr. der mir den Krampf auch noch erklaert. …. Nix fuer Ungut, aber wer hat denn da draussen noch Zeit, Muse, Interesse, Bildung oder auch nur die Einstellung fuer sowas &oder aehnliches?

      I fucking don't!
      Und ich zaehle mich zu den Interressierten/blabla und der taegliche Input an beschissenem Schwachsinn reicht mir schon immer mehr als locker um nichts als Scheisse kommen zu sehen. ….. und selbst mit meiner ewig negativ pessimistischen Einstellung hab ich vor langer Zeit nicht ganz den massivparticularen Nazischeiss kommen sehen, wie er heutzutage im Westen …. ueblich … ist!! ….


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  6. Aggression und Krieg gab es auch schon ohne das, was du hier als Nationalismus bezeichnest. Daher kann dieser dafür nicht ursächlich sein.

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