Montag, 4. Juni 2018

Horror vacui im Spargelfeld


"Schlechte Zeiten -- der Kaviar wird ooch teurer." (Heinrich Zille)

Schon gemerkt? Eine Katastrophe spielt sich derzeit ab auf Deutschlands Feldern. Denn siehe, das Ende ist nah! Spargel und Erdbeeren verrotten mangels Geerntetwerden. Warum? Weil die osteuropäischen Erntehelfer sich nicht mehr dankbar um die Jobs auf unseren Äckern schlagen. Sie heuern, wie man hört, bei Paketdiensten an, wo sie mehr verdienen. Sie ziehen weiter, dorthin, wo es lukrativer ist. Oder sie bleiben gleich in ihren Heimatländern, wo, so ist zu hören, die Löhne inzwischen so gestiegen sind, dass die strapaziöse Odyssee über die hiesigen Felder nicht mehr lohnt.

Tja, that's capitalism, könnte man da sagen. Angebot und Nachfrage. Seit gut einem Vierteljahrhundert profitieren Spargel- und Erdbeerbauern vom Lohngefälle zu östlichen Nachbarländern, und das neigt sich jetzt eben langsam dem Ende entgegen. Gelingt es nicht, weiterhin billige Arbeitskräfte in ausreichender Zahl zu rekrutieren, dann wird man - Schockschwerenot! - am Ende wohl die Löhne deutlich erhöhen müssen. Wodurch auch das nährstoffarme Nobelgemüse teurer werden wird. Kommt vor. So what?

Das kann man aber nicht einfach so sagen. Denn Paragraph eins des Ausbeuterhandwerks besagt: Das eherne Marktgesetz von Angebot und Nachfrage hat immer nur für die anderen zu gelten. Ist man selbst betroffen, dann muss der Staat eingreifen. Aus Gründen, die hier schon mehrfach breitgetreten wurden, ist die Spargelsaison mir eher wumpe. Frische Erdbeeren finde ich zwar ganz lecker, komme aber gut damit klar, notfalls seltener welche zu bekommen. Meine Welt geht nicht unter davon. Es geht um anderes. 

Wetten, ganz bald schon wird mal wieder die von Hartz IV lebende allein erziehende Mutter oder die Armutsrentnerin vorgeschoben, die sich wegen der gierigen Erntehelfer kleine Freuden wie ein Körbchen Erdbeeren oder ein Spargelessen bald nicht mehr wird leisten können? Man kennt dergleichen von diversen GDL-Streiks: Da wurde auch die weinende Oma vorgeschickt, die ihre Enkel nicht besuchen kann wegen der herzlosen Lokführer. Oder der Langzeitarbeitslose, der wegen dem raffgierigen Pack nicht zum Vorstellungsgespräch kommt.

Ferner wette ich, dass sich außer den Bauern, wenn überhaupt, vor allem jene Milieus beklagen, denen Preiserhöhungen eigentlich am Arsch vorbeigehen müssten. Die sich halb tot gearbeitet und übersättigt in ihren gestylten Eigenheimen verbarrikadieren. Die für soziale Gerechtigkeit sind und auch absolut keine Rassisten, aber erst zufrieden sind, wenn garantiert kein Migrant und Unterschichtler mehr mit ihrem Nachwuchs um Aufstiegschancen konkurriert. Die penibel ihren Müll trennen, aber noch für das letzte Familienmitglied ab 18 ein Auto anschaffen. Die veranstalten dann einen Riesenzinnober, wenn die Preise für ihren geliebten Stinkespargel mal ein wenig anziehen. So in etwa stelle zumindest ich mir das vor.

Merke: Der Fremdländer, der uns mühsame Knochenarbeiten für Dumpinglöhne wegnimmt und sich nach getaner Maloche wieder verfatzt in seine Heimat, ist hochwillkommen. So lange er nicht die Städte unsicher macht. Aber dazu hat er während der Erntesaison eh weder Zeit noch Kraft.

Merke weiterhin: Mag die Soziale Schere sich noch so öffnen, mögen immer teurere Urlaube gebucht und hekatombenweise rattenteurer Elektronikkram und Wegwerfmode in immer kürzerer Frequenz geshoppt werden, im Frühsommer hat es gefälligst spottbillig Spargel und Erdbeeren zu geben. Das ist des Deutschen Menschenrecht. Daher ist weiterhin damit zu rechnen, dass angesichts der renitenten Arbeitsbienen aus Osteuropa schon bald wieder Vorschläge kommen werden, Langzeitarbeitslose per Sanktion zum Ernteeinsatz zu schurigeln.

Letztens bot ein namhafter deutscher Discounter übrigens deutschen Spargel für 3,98 Euro das Kilo an. Kann also alles nicht so dramatisch sein. Oder sind das die ersten Panikverkäufe?



Kommentare :

  1. Matthias Eberling4. Juni 2018 um 21:14

    Schöner Text. Ich lebe ja in einer Spargel- und Erdbeergegend, wo wir direkt vom Erzeuger kaufen. Während ich alt werde, geben seit meiner Kindheit Jahr für Jahr Familien ihre Felder als Nebenerwerbsbauern auf, weil man für Obst und Gemüse nix mehr kriegt. Aber man kann nicht endlos Löhne senken und Erträge steigern. Ich sehe in diesen Tagen, wie die Akkumulationsmaschine des Kapitalismus auf den Feldern, die ich jeden Tag sehe, zum Erliegen kommt. Entweder wir zahlen wieder die Preise meiner Kindheit oder wir essen demnächst Spargel aus der Sahelzone.

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  2. Ein Artikel, der ins Schwarze trifft.
    Was macht der wohlstandsversiffte Pöbel eigentlich, wenn sich die Ökoschäden anfangen, auf die Preise auszuwirken?

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  3. Siewurdengelesen5. Juni 2018 um 10:06

    "Was macht der wohlstandsversiffte Pöbel eigentlich, wenn sich die Ökoschäden anfangen, auf die Preise auszuwirken?"

    Meckern wie immer, um dann trotzdem mit der Suffkarre dorthin zu fahren, wo das Zeug am billigsten ist, selbst wenn die Spritkosten den geldwerten Vorteil des gesparten Einkaufs x-mal auffressen, von der Zeit dafür mal ganz abgesehen. Denn unter´m Strich zähl´ ich:-(

    Das Verhalten trifft nicht nur auf die Erntehelfer zu. Denen verdenke ich es nicht, dass sie sich für die Rammelei und die eher marginalen Löhnen sofort etwas anderes suchen, wenn es sich bietet. Das würde niemand freiwillig länger tun als nötig.

    Vielen Bauern mache ich dabei ebenfalls keinen Vorwurf, da diese selbst Unterlegene innerhalb der Profitkette sind als "Erzeuger", siehe auch die Zustände bei den Milchbauern oder in der Tierzucht, die sich für die Landwirte kaum noch lohnt. Da funktioniert das selbst bei diesen nur noch über die Menge, das Ergebnis in From des Aufgebens von Höfen ist bekannt.

    Selbstverständlich gibt es dann noch welche, die mit Mindestlohn, Quartierskosten der Erntehelfer und Unterbringen selbiger auf primitivstem Niveau selbst da noch versuchen, ihren Reibach zu machen. Siehe auch da die Umstände der ach so verrufenen Tagelöhner aus in erster Linie Osteuropa, die für ein Matratzenlager in Abbruchbuden in Duisburg und anderswo abgeledert werden von Miethaien - ist nicht so viel anders.

    Ansonsten halte ich das ähnlich wie bei den jetzigen schon wieder propagierten Ernteausfällen durch die Wetterkapriolen für das übliche Geklapper von handel und "Wirtschaft", um Preiserhöhungen zu rechtfertigen. Für die ist es doch so oder so wurscht, woher der Krempel kommt. Liefert der deutsche Bauer nicht zum Dumpingpreis, holt man sich den Zimt eben andernorts.

    Damit die Geizkragen rund um die Uhr und zu allen Jahreszeiten zum Bestpreis bekommen, wonach ihnen denn gerade gelüstet...

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    1. "selbst wenn die Spritkosten den geldwerten Vorteil des gesparten Einkaufs x-mal auffressen, "

      Ein Teufelskreis der Verblödung, Kosten fürs Auto rechnet der Wohlstandstrottel nicht mit, dabei ist es einer der größten Faktoren, die ihn so stark abhängig vom System und seinem Job machen, was ihn auch tatsächlich frustiert und dann wieder dazu bringt, mit der Karre den Dicken zu markieren.

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    2. Und weil die Wohlstandstrottel das mit dem geldwerten Vorteil und den Produktionsmitteln nicht raffen, werden seit einiger Zeit die eh schon knappen Parkplätze hier am Haus noch mit Transportern zugestellt, die laut Aufkleber wahrscheinlich scheinselbstständig im Auftrag eines großen Online-Händlers unterwegs sind. Der lacht sich gleich mehrere Äste, weil er für die Karren nicht mal mehr einen Betriebshof benötigt.

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  4. "Der lacht sich gleich mehrere Äste, weil er für die Karren nicht mal mehr einen Betriebshof benötigt."
    Eine weitere Form der Privatisierung öffentlichen Raums.

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  5. IST DAS DIE LÖSUNG?

    Wenn kein Pole mehr auf den Feldern arbeitet, weil der Versandhandel besser zahlt...

    ...dann bestelle ich doch besser gleich Spargel bei Amazon!

    (lässt sich übrigens wirklich bestellen. Zum Beispiel die Bio-Spargel (für 16 Euro das Kilogramm. Und, was ich noch viel bescheuerter finde: Spargel mit Nougatfüllung für 60 Euro das Kilogramm)

    Ja, natürlich verschafft uns der Fortschritt ein besseres Leben. Letzten Endes aber geht es uns nur deshalb so gut, weil es irgendjemand auf dem Erdbeerfeld so schlecht geht.

    Alles im Niedergang, man
    Markus (https://der-5-minuten-blog.de)

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    1. Nun, der Punkt ist eher, dass Kapitalismus, wenn sein Angebotundnachfrage-Modell nicht mehr im Sinne der Kapitalisten funktioniert, gern mal andere Saiten aufzieht. So möchte der englische Justizminister die qua Brexit ausbleibenden billigen Arbeitskräfte gern durch Häftlinge ersetzen lassen.

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  6. Auch die Osteuropäer haben es gemerkt.Weniger Kinder gleich mehr Wohlstand.Die Geburtenrate geht in Rumänien,Bulgarien rasch zurück.Daher sind Sie nicht auf Spargelstecher Jobs in Staub und Hitze angewiesen.P.s. Aldi bezieht seine Spargel in Peru/Mexiko.Auf die Menge Spargeln im Container gerechnet auch oekologischer.

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  7. Siewurdengelesen8. Juni 2018 um 10:38

    "Ja, natürlich verschafft uns der Fortschritt ein besseres Leben. Letzten Endes aber geht es uns nur deshalb so gut, weil es irgendjemand auf dem Erdbeerfeld so schlecht geht."

    Ist das tatsächlich ein besseres Leben dank "Fortschritt", wenn Menschen ihre Arbeitskraft billigstmöglich verkaufen sollen, damit andere damit ihren Profit steigern?

    Das war doch innerhalb dieser Gesellschaftsordnung schon immer so und das Show-Geheule gibt es nur deshalb, weil diese Nummer nicht mehr zieht und durch die vermeintlich nicht abgeernteten Felder die sicheren Dollarzeichen in den Augen gerade zum nervösen Lidzucken werden. Die Erntehelfer sind da in ihren persönlichen Befindlichkeiten der geringste Kummer, denn die sind nur notwendiges Übel.

    Gleiches trifft doch auf alle Produkte zu, die unter unwürdigsten Umständen im Übermaß produziert werden. Nur das bei Naturprodukten diese den Zeitpunkt bestimmen, zu dem die billige Arbeitskraft parat zu stehen hat und das geht eben gerade in die Hecke.

    Wie Stefan Rose das bereits gesagt hat: Das eigentlich Schlimme ist, dass diesmal die nicht vorhandenen Erntehelfer der Grund sind und nicht die Kassierer selber. Verknappen diese nämlich Angebote künstlich, um über den dadurch suggerierten vermeintlichen Kaufanreiz den eigenen Gewinn zu steigern, ist das wiederum völlig in Ordnung...

    ... wobei das aus meiner Sicht trotzdem mehr Show ist als tatsächlicher Umstand und das Geklapper eher darin seinen Grund hat, wie es im Absatz darüber erwähnt wird. Könnte ja sein, die Händler sitzen einfach nur auf dem Zeug und werden nicht genug los davon, deshalb muss man noch ein paar Cent draufklatschen, um darüber das zu kompensieren, was ohnehin nicht mehr in den Handel kommt bis zum Ende der Saison.

    Das bestätigt m.E. auch dieser Beitrag. Wenn man das zurückverfolgte, hat es dieses Thema sicher die Jahre zuvor bereits immer mal wieder gegeben. Ist wahrscheinlich wie mit den regelmäßigen Weltuntergängen...

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  8. Siewurdengelesen14. Juni 2018 um 19:59

    Was soll man jetzt glauben?

    Das das Zeug auf dem Acker vergammelt, weil es mangels Erntehelfern nicht geerntet wird wie im apokalyptisch angedrohten Dilemma des Beitrags oder weil soooo viel davon angebaut wurde, dass es sich wegen der niedrigen Preise nicht mehr lohnt?

    Ich bin verwirrt...

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