Mittwoch, 30. September 2020

Wettbewerb rocks


Gestern haben sich zwei Männer im Fernsehen angepöbelt, die man zu anderen Zeiten aufgrund ihres Alters gerade noch für geeignet befunden hätte, im Ohrensessel zu sitzen und ihren Enkelkindern Geschichten vorzulesen. Im Kalten Krieg, zumindest in dessen Endphase, war es auf westlicher Seite beliebt, darauf zu verweisen, dass es sich bei der Sowjetunion um eine arge Gerontokratie handele. Das war nicht völlig aus der Luft gegriffen: In der Tat war Staats- und Parteichef Leonid Breschnew in seinen letzten Jahren unübersehbar hinfällig und malad.

Auch seine beiden Nachfolger wirkten mehr tot als lebendig. Kein schöner Gedanke, dass jemand, dem vielleicht schon alles egal sein würde, die Hand am Abzug des zweitgrößten nuklearen Arsenals der Welt hat. Der Anblick dieser mumienhaften, im körperlichen und geistigen Verfall begriffenen Funktionärskaste wurde im Westen damals gern als Indiz genommen für die Unterlegenheit des zu Korruption und Vetternwirtschaft neigenden Sowjetsystems und für die Überlegenheit des westlichen, in dem Wettbewerb dafür sorgt, dass am Ende in jeder Hinsicht geeignete Kandidaten sich durchsetzen. Survival of the fittest, man!

Ein paar Zahlen: Breschnew starb 1982 im Amt mit 76 Jahren. Sein Nachfolger Juri Andropow verstarb 1984 schwerkrank mit 70 Jahren. Dessen Nachfolger Konstantin Tschernenko, schon siech ins Amt gekommen, brachte es auf 74 Jahre, bis dann ein gewisser Michail Sergejewitsch Gorbatschow mit jugendlichen 54 Lenzen in den Kreml hüpfte.

Klar, könnte man einwenden, der von 1981 bis 1988 im Weißen Haus siedelnde Ronald Reagan sei mit seinen 70 Jahren bei Amtsantritt ebenfalls locker im Rentenalter gewesen. Aber seine Vorgänger Gerald Ford und Jimmy Carter waren durchaus das, was man einst als 'Männer in den besten Jahren' bezeichnete. Mit Bill Clinton und Barack Obama gelangten danach sogar Jungspunde unterhalb des 50. Lebensjahres ins Amt. Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen.

Seither aber scheint bei den Amis irgendwie der Wurm drin. Als John McCain 2008 gegen Barack Obama antrat, war er 72 Jahre alt. Donald Trump ist jetzt, am Ende seiner ersten Amtszeit 74, sein Herausforderer Joe Biden ist 78 und wäre, würde er denn Präsident, am Ende seiner ersten Amtszeit 82 Jahre. Sein Vize Mike Pence geht auch schon stramm auf die 70 zu. Gerontokratie, anyone? Der einzig erkennbare Unterschied zur verdämmernden UdSSR am Beginn der Achtziger: Die Medizin scheint inzwischen erstaunliche Fortschritte gemacht zu haben.

Apropos Wettbewerb. Der soll ja auch den Schienenverkehr in ein neues goldenes Zeitalter führen. Ein wahres Paradies für Bahnkunden sollte anbrechen, zumal hier im nahverkehrsmäßig notorisch chaotischen und verfilzten Rhein-Ruhr-Raum. Aktueller Zwischenstand: Der private Anbieter Abellio Rail NRW, der seit der Neuausschreibung 2019 auch drei S-Bahn Linien bedient, schreibt rote Zahlen. Nicht nur wegen Corona, sondern vielmehr wegen des ruinösen Preiskampfes, wie es heißt. DB Regio, ebenfalls in Schwierigkeiten, kann als Bahn-Tochter auf milliardenschwere Hilfen aus dem Bundeshaushalt hoffen. Yeah, Wettbewerb rocks!

Ich schweife ab? Nö, ich hab’s schon damals gesagt: Wenn Wettbewerb dazu führt, dass am Ende einer wie Donald Trump sich als angeblich beste Lösung durchsetzt, dann kann mit dem Prinzip irgendwas nicht stimmen. 
 



Kommentare :

  1. Wenn Wettbewerb dazu führt, dass am Ende einer wie Donald Trump sich als angeblich beste Lösung durchsetzt, dann kann mit dem Prinzip irgendwas nicht stimmen.

    Stimmt. Und spätestens wenn einer wie Donald Trump nicht nur einmal gewählt wird (Pannen können ja passieren), sondern nach vier Jahren ungehemmten Reality-Theaters mit Lug und Trug und Vetternwirtschaft und was weiß ich noch allem erstens noch einmal als Kandidat aufgestellt wird und jetzt augenscheinlich immer noch Chancen auf Wiederwahl hat, muss das Prinzip wirklich eine schwerwiegende Macke haben.

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  2. Siewurdengelesen1. Oktober 2020 um 20:45

    Meines Erachtens trifft sowohl auf die Präsidentschaftskandidaten wie auf die konkurrierenden Unternehmen im Nahverkehr zu, dass der Wettbewerb nur ein scheinbarer ist.

    Natürlich ist Trump aus vielerlei Sicht eine Fehlbesetzung der Extraklasse. An der großen Linie der US-Politik änderte sich mit einem anderen Präsidenten wahrscheinlich wenig, nur träte dieser nicht so brüsk auf im Umgang mit dem "Rest der Welt" wie Trump. Insofern kann man es da halten wie der berühmte Dackdecker.


    Im Nahverkehr ist es ähnlich. Welchen Sinn hat es, wenn sich innerhalb der EU die jeweiligen "Staatsbahnen" mit ihren Töchtern im Ausland gegenseitig bei Ausschreitungen unterbieten, wenn quasi von Anfang an klar ist, dass derartige Konditionen nur mittels Subventionieren, Lohndumping und Bilanztricksereien wenigstens auf dem Papier Bestand haben, aber in der Praxis nicht zu halten sind?

    Für mich hat Nahverkehr nicht rentabel zu sein oder einem Wettbewerb zu unterliegen, sondern einfach nur zu funktionieren. Damit verbunden ist eine Bringschuld des Bundes und der Länder, diesen als Teil der Daseinsvorsorge für die Menschen zu finanzieren, auch wenn er nach reinen Zahlen ein Defizit abwirft. Der Nutzen leigt ohnehin im nichtmonetären Bereich, der sich unter anderem in einer saubereren Umwelt und weniger Individualverkehr auszeichnete, wenn es ihn denn so gäbe. Dem seien die Götter und Schutzheiligen des goldenen Kalbes der deutschen Wirtschaft namens Autoindustrie vor!

    Diese Lüge war bereits von Anfang an mit dem Gründen der Bahn AG verbunden, die genau mit diesen Argumenten gegenüber der ach so teuren und trägen Beamtenbahn DB und der maroden DR als "privates" Unternehmen aus der Taufe gehoben wurde. So btw. trifft das auf weitere Bereiche wie Post, Telekom, Wasserversorgung und inzwischen die Autobahnen zu, wo privates Unternehmertum durch Wettbewerb angeblich bei günstigeren Kosten mehr Nutzen für die Allgemeinheit bringen und gleichzeitig noch Gewinn abwerfen soll. Funktioniert hat das nirgends. Nur die Immobilien, Grundstücke und andere öffentliche Werte gelangten auf diesem Wege sehr pflegeleicht in private Hände.

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    1. Wobei man zugutehalten muss, dass das mit der Privatisiererei in den Neunzigern derart Mainstream und letzte Weisheit war, dass es kaum jemand in Zweifel gezogen hat, der nicht als vermoderndes Museumsstück gelten wollte. Dass daran aber immer noch festgehalten wird trotz aller evidenten Probleme ist nur noch mit Ideologie zu erklären.
      @gnaddrig: Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen: Wenn das bayerische Schulwesen so knallhart und selektiv ist, wie immer kolportiert wird, wie kann es dann sein, dass welche vom Schlage eines Alexander Dobrindt und Andreas Scheuer Abitur haben?

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    2. Siewurdengelesen3. Oktober 2020 um 13:56

      Vielleicht hatten auch diese Beiden CSU-typisch schon zu Schulzeiten ihren Ghostwriter ähnlich eines anderen bajuwarischen Blaublüters?

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    3. @siewurdengelesen
      Zustimmung. Glaube auch, daß es hier eher um eine Aushebelung des Wettbewerbs geht. Neoliberalismus zerstört diesen genauso effektiv wie realer Sozialismus.

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