Montag, 7. September 2020

Schönes bleibt (4)


Gewisse Zitate und Aussprüche erweisen sich mitunter als recht langlebig und werden immer wieder mal zitiert, manchmal über Jahrzehnte. Manche so oft, dass sie den Betroffenen oder denen, die sich den Betroffenen verbunden fühlen, lästig sind. Da heißt es dann, irgendwann müsse auch mal Schluss sein mit dem ewiggleichen Blabla, das sei inzwischen sowas von abgeschmackt und überhaupt: Gääähn!

Nehmen wir als Beispiel für ein viel und oft genommenes Zitat Max Goldts Bemerkung über Springers Meistverkaufte aus dem Jahr 2000:

"Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muß so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zuläßt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun."

Auch da heißt es oft: Ach, lass doch die alten Kamellen. Laaangweilig! Kickt doch keinen. Wir haben es alle verstanden! Springer-Supremo Mathias Döpfner, seines Zeichens Präsident des Verbandes Deutscher Zeitungsverleger meinte 2006 in einem Interview, dass Bildungshuber und Intellektuelle sich nunmehr seit Jahrzehnten an dem Blatt abarbeiteten, würfe eher ein schlechtes Licht auf erstere denn auf letzteres. "Mit anderen Worten: Wer sich mit niederem Gewürm wie uns befaßt, kann kein großer Geist sein." (Gerhard Henschel: Gossenreport (2006), S. 147)

Nichts da, Goldts Feststellung ist so aktuell wie vor 20 Jahren. Das zeigt die Berichterstattung des Blattes über das schlimme Tötungsdelikt in Solingen aufs Deutlichste. Und sie beweist auch, wie vorgeschoben alle augenzwinkernden Imagekampangnen waren, die das Preßerzeugnis als harmloses Guilty pleasure erscheinen lassen wollten. Bisschen trashy halt und nicht immer zimperlich, sicher, aber, hey, doch irgendwie auch Kult. Und ein Stück weit schon wieder cool.

Das war damals schon falsch und ist es heute erst recht. Unter der Ägide Julian Reichelts knüpft man an Bewährtes: Widerwärtiges Witwen- und Kinderschütteln, säfteliger Voyeurismus ("Vor der Tür stehen noch die Schuhe der toten Kinder") und es wird sich verlogenerweise das Mäntelchen des Christenmenschen umgehangen ("Auch der Himmel weint um die fünf toten Kinder."). Neben Goldts gilt auch weiterhin Wiglaf Drostes Diktum, dass schon tote Fische gesichtet worden seien, die sich geweigert hätten, in dieses, vom erwähnten Gerhard Henschel einst "Sexualklatschkloake" genannte Blatt eingewickelt zu werden.

"Bild ist nicht Pop, sondern Gosse. [...] Daß zwölf Millionen Schwachköpfe wissen möchten, wer nun wem im drallen »Allerwertesten« gefummelt habe, und daß es ein ehrloses Klatschblatt gibt, das solchen Wissensdurst stillt [...] - damit könnte man leben. Aber daß eine Kulturnation bis hinauf in die höchsten Spitzen der Regierung, der Wirtschaft und der Erbverwalter Goethes mit diesem Zentralorgan der Unterhosenspionage paktiert, ist ein Skandal." (Henschel, a.a.O., S. 18f.)

Nicht, dass das Himmels-Gefrömmel übrigens meine religiösen Gefühle verletzte, denn davon habe ich als Agnostiker nicht allzu viele. Überhaupt, wenn es so was gäbe wie göttliche Gerechtigkeit, dann hätte solche Schmieranten schon längst der Blitz getroffen beim Scheißen.

Möglicherweise passiert genau das schon seit längerem, wenn auch weniger spektakulär. Man könnte immer noch sagen: Ja gut, es ist eklig, aber es findet seine Abnehmer. Aber wohl immer weniger. Die Auflage der Gossengazette ist in stetigem Sinken begriffen. Von knapp 3 Millionen gedruckter Auflage 2011 auf jetzt ca. 1.6 Millionen fast halbiert. Die 480.000 verkauften Digitalabos gleichen das allenfalls zum Teil aus. Gibt es also doch einen Gott?



Kommentare :

  1. Nicht Empörung, sondern Gleichgültigkeit ist die Hauptursache des Siechtums der BILD. Junge Menschen haben Besseres zu tun, um es mit Drosten zu sagen. Wir kaufen die BILD aus Überzeugung nicht, die Generation Smartphone kennt den Namen gar nicht mehr. Gleiches gilt für anderen Schwachsinn der verblichenen Bonner Republik wie die BRAVO.

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  2. 1. Die Liste der sich als links bezeichnenden Spitzenpolitiker von dem ehemaligen BILD-Kolumnisten Lafontaine über Bodo Ramelow bis zu "Decoletee-Sarah" Wagenknecht (https://tinyurl.com/y724holx), die mit diesem Hetzblatt zusammengearbeitet haben, ist gut gefüllt.

    2. Der Volksverpetzer hat einmal recherchiert, auf welche Art und Weise Kunden von OBI, LIDL, Penny und ALDI BILD mitfinanzieren.

    https://www.volksverpetzer.de/kommentar/bild-drecksblatt/

    Hashtag: https://twitter.com/hashtag/Drecksblatt

    3. Im Oktober 2019 berichtete BILD über ein Nahrungsergänzungsmittel zur Auflösung von Calzium-Oxalat-Niernsteinen. Es heißt "Garcinia cambogia". Ich war neugierig, recherchierte, fragte einen Prof. der Gastroenterologie in Marl und mußte letztendlich jedoch folgendes feststellen: "Hier berichten wir über den ersten bekannten Fall eines fulminanten Leberversagens im Zusammenhang mit diesem Nahrungsergänzungsmittel. Ein Wirkstoff in dieser Ergänzung ist Hydroxycitric Säure, ein Wirkstoff, der auch in Nahrungsergänzungsmitteln zur Gewichtsreduktion enthalten ist, die 2009 von der Food and Drug Administration wegen Hepatotoxizität verboten wurden."

    4. Die vergeblichen Bemühungen, sinkende Auflagenzahlen durch Digitalabos aufzufangen wird mittelfristig auch andere Medien in die Insolvenz führen. So sieht es nämlich auch bei der Funke-Mediengruppe aus, die den rasanten Abstieg der Printabos bei weitem nicht durch die inflationäre Verwendung der Paywall WAZ+ auffangen kann.

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    1. zu 2.

      um 2008 schrieb der leider zu früh verstorbene Kurt vom blog »Nebenbei Bemerkt« bereits darüber, daß man als konsument für das programm des privatfernsehens bezahlen muß, auch wenn man es nicht sehen will. Das gilt für andere werbefinanzierte medien natürlich genau so.

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  3. Ach, da hast du ja all meine Lieblings-Recken zitiert mit ihren ewig gültigen Feststellungen.
    Auch schön: Henschels "Springer Bibel"

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  4. Hier hat jemand den Niedergang der US-Presse umrissen. Inwieweit das auf Deutschland übertragbar ist kann ich nicht bewerten. Ein paar Punkte sind aber durchaus interessant.
    https://twitter.com/jeremylittau/status/1088503510184927233?lang=de

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  5. Contra: Reißt die Paywall für Corona-Artikel ein!
    Gute und plausible Argumente gegen die Paywall in Corona-Zeiten.

    https://meedia.de/2020/03/17/pro-und-contra-paywall-corona/

    Und so sieht das inzwischen bei der WAZ Witten (Funke-Medien)aus:
    https://www.waz.de/staedte/witten/

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  6. Leider bin ich mit schuld, daß das oben genannte zitat von Max Goldt zu häufig zitiert wurde. Denn im jahr 2000 und danach habe ich viel dafür getan, daß es möglichst weit verbreitet wird.

    In der letzten zeit habe ich, im hinblick auf »Querdenken 711« oft an ein anderes schönes zitat von Max Goldt gedacht:

    »Das peinlichste am Schwabenlande, mal von der landschaft abgesehen, sind doch wohl sicherlich die Schwaben.«

    @ altautonomer,
    für bestimmte coronaartikel, wie die von Suchard Bacardi, Wolferl Wardog oder Doktor B. »Münchhausen« von der Schwindelambulanz und so würde ich mir ehrlich gesagt eine bezahlschranke wünschen, dann wären die endlich mal weg vom fenster ^^.

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