Samstag, 19. September 2020

FC Monopoly

 
Preisbindungen gelten in Deutschland nur mehr für folgende Güter: Verlags- und Druckerzeugnisse, Tabakwaren, reine Kostenmieten im Sozialen Wohnungsbau, Taxifahrten und rezeptpflichtige Medikamente (die letzteren beiden eingeschränkt). Es gab Zeiten, da waren noch viel mehr Preise reguliert. Darunter die für Drogerieartikel und Fotofilme. 1974 änderte die sozialliberale Regierung das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) derart, dass viele Preisbindungen wegfielen. Betrieben wurde das von der SPD, die FDP protestierte, man vernimmt‘s mit Staunen, vehement. Begründung: das gefährde den freien Wettbewerb, weil kleine Anbieter dadurch zwangsläufig auf der Strecke bleiben müssten. Wann haben Sie sich noch gleich zuletzt dabei ertappt, der FDP recht zu geben?

Und recht hat sie behalten, das muss man sagen. Im Drogeriesektor beherrscht längst ein Oligopol aus drei Branchenriesen den Markt. Der einzige lokale Anbieter, der sich dagegen halten kann, ist der mittelständische Hamburger Nahversorger Budniowski. Telekommunikation? Drei Riesen, von denen alle anderen abhängen. Online-Handel? Kooperier‘ mit dem Quasi-Monopolisten aus Seattle oder stirb. Lebensmittel? Mit Ausnahme von Nischen wie Bioläden und Wochenmärkten ein Oligopol. Offenbar hatte man bei der FDP, anders als bei der SPD, damals noch Marx gelesen. Oder wusste sonstwoher, dass völlig unregulierter Wettbewerb Mist ist. Vielleicht vom Monopoly spielen. Oder Drogisten hatten damals einen besonders guten Draht zu den Liberalen. 

An der damaligen Haltung der FDP lässt sich nebenbei sehr schön studieren, wo die Grenze verläuft zwischen Liberalismus und Neoliberalismus. Neoliberale klammern sich auch dann noch an das Dogma vom segensreichen freien Markt, wenn allen anderen längst sonnenklar ist, dass es nicht funktioniert und der Markt im Zweifel einen Scheiß regelt. Das einzige was Neoliberalen dann einfällt, ist, dass man immer noch voll sozialistisch in den Markt eingriffe, anstatt ihn richtig konsequent sich selbst zu überlassen. Was ein todsicheres Zeichen ist, es mit Ideologen zu tun zu haben. Die erkennt man unter anderem daran, dass sie Theorien über Menschen stellen. Ideologen finden immer Schuldige, wenn ihre genialen Gedankengebäude einfach nicht funktionieren wollen. 

Das alles führt uns sehr schön zum Fußball. Besser gesagt, zum modernen Profifußball. Der löst manchmal immerhin noch das urkapitalistische Aufstiegsversprechen ein, dass ein junger, bettelarmer aber begabter Straßenkicker aus einem südamerikanischen Slum es in einem europäischen Topklub zu Ruhm und Reichtum bringen kann. Weil nicht Herkunft zählt oder Hautfarbe, sondern allein die Leistung auf dem Platz. Theoretisch zumindest.

Das aber, was den Fußball von jeher noch so faszinierend gemacht hat, sein egalitärer Charakter nämlich, ist seit langem im Verschwinden. Weil die Regeln so einfach zu verstehen sind und man keine teure Ausrüstung braucht, entdeckten Proletarier bald, dass es beim Fußball möglich ist, mit Köpfchen, Kampfgeist, Teamgeist und Kondition auch als Underdog den Schönen und Reichen, die sich zum Sport sonst immer in ihren teuren Tennis-, Golf- und Ruderclubs verschanzten, richtig einen einzuschenken. Geld allein schießt keine Tore, hieß es lange. Von dieser Hoffnung lebt die Branche bis heute. Die aber immer öfter enttäuscht wird. Noch im romantischsten Fußballfan alten Schlages keimt langsam der Verdacht: Geld schießt sehr wohl Tore.

"Der große Trugschluss ist, dass es bei diesem Spiel ums Gewinnen geht. Darum geht es nicht. Es geht um Ruhm, und es geht darum, Dinge mit Stil und mit Schwung zu erledigen, darum, raus zu gehen und die anderen zu schlagen und nicht darauf zu warten, dass sie vor Langeweile sterben." (Danny Blanchflower)

Was braucht heute ein Fußballverein, der auf Dauer international um Titel zumindest mitspielen will? Einen top besetzen Kader, dessen B-Mannschaft jederzeit imstande sein muss, jeden Gegner aus der heimischen Liga zu schlagen. Drumherum Einrichtungen für Fitness, Technik, Ernährung, Scouting, Öffentlichkeitsarbeit, Sportwissenschaft und -medizin von den Ausmaßen und mit dem Etat einer Privatuniversität. Drunter geht es nicht. Hilfreich ist dazu eine Kannibalenmentalität, in der so etwas wie Sportsgeist keinen Platz mehr hat, außer als Teil der Marketingstrategie. Und sollte doch eine Mannschaft aus der unteren Tabellenhälfte so einen Edelklub mehr als einmal in Schwierigkeiten bringen, dann wird er im nächsten Transferfenster halt systematisch schwachgekauft.

In so ziemlich allen großen europäischen Ligen findet echter Wettbewerb quasi nicht mehr statt. Ein, zwei Große schöpfen den Rahm ab die anderen müssen sehen, wo sie bleiben. In Italien ist Juventus Turin gesetzter Seriensieger, in Frankreich PSG, in Spanien dürfte Real Madrid dank der Schwäche des FC Barcelona auch von Atlético nicht zu gefährden sein. In der schottischen Liga ist seit zwanzig Jahren kein anderer Verein als Celtic mehr Meister geworden. Die Kelten spielen aber, wie fast alle Topvereine aus kleinen Ligen, international kaum noch eine Rolle.

Einzig in der englischen Premier League, die sich rückhaltlos dem Investorengeld geöffnet hat, gibt es wenigstens ein paar Vereine, die einigermaßen auf Augenhöhe um den Titel spielen. Hierzulande ist Bayern seit acht Jahren quasi gesetzter Meister, und nach der gestrigen 8:0-Klatsche für die bedauernswerten Schalker, für die ich sonst nicht das meiste Mitleid habe, sieht es schon jetzt so aus, als könnte man bereits mit den Planungen für Meisterfeier Nummer neun in Folge beginnen. Dahinter spielen Dortmund, Mönchengladbach, Leverkusen, Wolfsburg, Leipzig, Hoffenheim und vielleicht noch die von Lars Windhorst finanziell aufgerüstete Hertha aus Berlin um die Plätze zwei bis fünf und die Millionen aus dem internationalen Geschäft.

Was früher der Sieg des Underdogs war, ist heute der Aufstieg in die erste Liga. Wenn ein Verein wie FC Union Berlin oder der SC Paderborn den Aufstieg in die Bundesliga schafft, dann wird das von den eigenen Fans frenetischer gefeiert und von anderen Fußballfans mit weit mehr Wohlwollen begleitet als der x-te Meistertitel der Bayern. Es soll inzwischen ausgemachte Bayern-Fans geben, die es ziemlich cool fänden, wenn ihr FC auch mal wieder Dritter würde. Weil Siege nur dann richtig süß schmecken, wenn es wenigstens einen Gegner gibt, der einen wirklich fordert, mit dem man sich messen und an dem man wachsen kann.

Was ist so toll daran, einem abonnierten Seriensieger jahrelang beim Seriensiegen zuzuschauen? Das ist ungefähr so spannend wie einem Schwergewichtsboxer dabei zuzusehen, wie er einen Achtzigjährigen in fünf Sekunden aus den Socken haut und hinterher zu behaupten: Wo ist das Problem? Der alte Herr hatte doch seine Chance! Wer das spannend findet und für Sport hält, ist womöglich auch sonst sehr leicht zufriedenzustellen. Und wenn ein Uli Hoeneß den anderen Vereinen empfiehlt, sich doch einfach mehr anzustrengen, dann ist das zweifellos eine geniale Idee, auf die außer ihm bestimmt noch niemand gekommen ist, aber in etwa so hilfreich wie einst der Rat der 'Titanic' an die Hungernden dieser Welt: Einfach mehr spachteln. Der Unterschied: Die 'Titanic' ist ein Satiremagazin.

"An der Säbener Straße haben sie sich auf eine intelligente Art eine sehr gute Mannschaft zusammengebaut, zusammengekauft. Der Klub profitiert von dem System Spitzenfußball, das die Reichen immer reicher macht, denen, die das meiste verdienen, auch das meiste ausschüttet. Ein System, das von Grund an auf Ungerechtigkeit angelegt ist. Es ist ein System, das der FC Bayern nicht erfunden hat. Aber er sieht auch keinen Anlass, daran etwas zu ändern. Dabei gäbe es ihn." (Peter Ahrens)
 
Was tun? Es werden Stimmen laut, die 50+1-Regel, jenes letzte Relikt altdeutscher Vereinskultur abzuschaffen und die Klubs den Oligarchen und Ölscheichs dieser Welt zu öffnen wie in England. Das wäre immerhin konsequent. Von alter Vereinsherrlichkeit ist eh nicht mehr viel übrig, im Falle etwa von RB Leipzig nur mehr Makulatur. Alle Bundesligaklubs haben ihre erste Profimannschaft längst in Firmen umgewandelt und ausgelagert. Kann man also machen, heißt aber nicht, dass das auch funktionieren muss. Denn auch in Ländern wie Spanien oder Italien, siehe oben, wo es keine 50+1-Regel gibt, geht es nicht viel anders zu als in der Bundesliga.

Nein, wirklich helfen täte eines: Sich der Logik des ganzen zu verweigern und das Spiel einfach nicht mehr mitzumachen. Der vorbestraften Presswurst ins Gesicht zu lachen. Zu akzeptieren, dass Bayern eh Meister wird, die Meisterschale gleich zu Saisonstart abzuschreiben und sein eigenes Ding zu machen. Am Ende der Saison dann zwei neue Preise zu vergeben: Die Goldene Stadionwurst für den Ligazweiten, dessen Abschneiden wenigstens noch am Rande etwas mit sportlichem Wettbewerb zu tun hat. Und die Goldene Schießbude für den Club, der während Hin- und Rückrunde die meisten Tore von den Bayern kassiert hat. Und dann, ganz wichtig, die geileren Partys zu feiern. So die Seuche es zulässt. Das würde funktionieren, wird aber nicht passieren. Leider. 
 
 
 
 
 
 

Kommentare :

  1. Was vermisse ich die "Anfangszeit" von Corona. Man wurde vom Fußball in Ruhe gelassen.

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  2. Auch vom Karneval. Aber da gibt es ja Hoffnung.

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    1. Zumindest auf alkoholfreien Mummenschanz. Hei, das wird sicher ein Spaß.

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    2. @ Stefan

      Das lässt sich bei ein paar hunderttausend Jecken ja leicht feststellen, ob da wirklich Wasser oder doch Wodka in der Pet-Flasche ist. Da wünsche ich der Polizei viel Spaß. noch lustiger ist eigentlich nur noch Söder, der Weihnachtsmärkte mit wenig Alkohol zulassen möchte. Ich nehme mir jeden Abend vor, wenig zu trinken ...

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    3. Ich habe ja auch nicht gesagt, für wen das ein Spaß wird, gelle?

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  3. „… mit Ideologen zu tun zu haben. Die erkennt man unter anderem daran, dass sie Theorien über Menschen stellen.“ – Eine wahre Aussage. Anwendbar auf Weltverbesserer jeder Art.

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  4. "der einen wirklich fordert, mit dem man sich messen und an dem man wachsen kann."
    Was zu einer relativen Bedeutungslosigkeit des deutschen Fußballs im Vereinsbereich führt, aktuell ein wenig übertüncht.
    Es gab mal Zeiten-Achtung, Opa erzählt aus Bern- da standen nur (west)deutsche Vereine im Halbfinale des verblichenen UEFA-Cups. Mehr Gleichheit fördert(e) den Wettbewebrb.

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