Sonntag, 27. September 2020

Alles durchaus ganz normal


Es gehört ja zu den durchaus normalen - also 'normal' im Sinne von: 'kommt halt vor' - Vorgängen im Leben, dass eine nachwachsende Generation, also diejenigen darunter, die sich hör- und sichtbar machen, der jeweils älteren Generation mit jugendlicher Verve, jakobinischer Strenge und Nachdruck mitteilt, bestimmte Dinge hätten jetzt gefälligst anders zu laufen als bisher. Nun ist dummerweise jede ältere Generation neu darin, ältere Generation zu sein. Und so gehört es seit der Antike zu den Klassikern im Establishment, darüber besorgt zu sein, die Jugend könnte mit ihren diversen Schnapsideen und Flausen die Welt in den Untergang stürzen.
 
Dabei wird regelmäßig das eine oder andere übersehen. Zum Beispiel, dass man womöglich einst selbst zu den Jungspunden mit Schnapsideen und Flausen gehörte, wegen derer Alte Säcke die Stirnen in Sorgenfalten legten. Dem wird üblicherweise begegnet mit dem Hinweis, das möge vielleicht sein, aber so schlimm wie heute sei‘s noch nie gewesen. Doch, war es. Du hast es nur verdrängt, Herzchen. Ferner wird sehr gern übersehen, dass Welten üblicherweise nicht untergehen wegen juveniler Krawallos und Krawaletten, sondern wegen des Gebarens von Erwachsenen. Jugendliche allein haben noch niemals die Welt zum Untergehen gebracht. Wenn, dann braucht es dazu Ältere, die sie vor ihren Karren spannen
 
Spätestens seit den Sechzigern gilt es ja als crazysexycool, ein jugendlicher Rebell zu sein. Dem Schweinesystem den Mittelfinger zu zeigen. Für die Freiheit einzustehen. Weil wir aber inzwischen in Zeiten leben, in denen noch der letzte Dorfnazi in Sachsen-Anhalt sich das Tabubrecher- und Rebellen-Etikett anpappt, stellt sich schon die Frage, ob dieses Konzept wirklich noch uneingeschränkt tragfähig ist. Rosa Luxemburg und Kurt Tucholsky jedenfalls dürften in ihren Gräbern rotieren, bekämen sie mit, wer sich inzwischen so alles auf sie beruft.
 
Sicher, Regelverletzern, Tabubrechern und Revoluzzern mögen hier und da noch Sympathien zufliegen. Nur eben nicht mehr immer und grundsätzlich. Alles nutzt sich irgendwann ab, alles kann zur hohlen Masche geraten. Sollte man mitbekommen. So gibt es meiner höchstpersönlichen Ansicht nach kaum einen armseligeren Anblick als eine Horde alternder Männer mit Plauze und einem in den Siebzigern stehengebliebenen Geschmack, die ihr Rebellischsein darauf eingedampft haben, sonn- und feiertags mit grotesk modifizierten, technisch veralteten Zweirädern zum Leidwesen von Anwohnern die Gegend vollzubollern und alle als Spießer zu beschimpfen, die es wagen, sich darüber zu beschweren.

"Weit hat es die Freiheit gebracht, mehr und mehr wird sie zum Synonym nicht für ein universales Menschenrecht, sondern zum Synonym für das Recht des Einzelnen, seine Bequemlichkeit egoistisch durchzusetzen. Ich! mag keine Maske vorm Gesicht! Ich! hasse es, anderen auszuweichen. Ich! will mir die Hände nicht waschen. Wie geht’s weiter? Ich! lasse mich nicht hindern, betrunken Auto zu fahren? Ich! habe keine Lust, meinen Müll zur Tonne zu tragen, wenn ich ihn auch vors Haustor kippen kann? Ich! lasse mir das Tragen/Ziehen einer Waffe nicht verbieten?" (Elfriede Hammerl) 

Momentan hat die Jugend Klima-, Gender- und Diversityflausen im Kopf. Viele der Kohorte u30 finden, die Menschheit sollte anders mit der Erde umgehen, das Thema sexuelle Indentitäten sollte sensibler behandelt werden und Rassismus sei doof. Und verlangt, wenn auch argumentativ nicht immer sattelfest, Verhaltensänderungen. Deswegen sind jetzt ganz viele alternde Tabubrecher und Revoluzzer ganz böse. Weil sie Angst haben, auf einmal alles zu verlieren, darunter ihren SUV. Und gar nichts mehr sagen zu dürfen. Zigeunersauce! Negerkuss! Schwuchtel! Neger! Spaghettifresser! Weiber! Itzig! Was früher schon scheiße war, kann schließlich heute nicht falsch sein, oder?

Nehmen wir Fritze Merz. Der war ja schon als Heranwachsender im wilden Sauerland ein echter Hallodri. Man sollte sich nicht davon täuschen lassen, dass der Mann aussieht als sei er schon im grauen Anzug zur Welt gekommen, der Herr Merz ist immer noch ein echter Rebell. So hält er es für eines der letzten und größten Tabus, ganz offen und mutig anzusprechen, dass das Land sich auf direktem Wege in nordkoreanische Verhältnisse bewege. Es sei denn, auch wenn das einige nicht gern hörten, man schurigle Arme und Arbeitslose wieder mehr und senke den Reichen endlich weiter die Steuern. Dass er dabei sich anhört wie die ausgeleierte VHS-Kassette einer 'Sabine-Christiansen'-Folge aus den Neunzigern ('Sozialparadies Deutschland - wie schlimm ist es wirklich?'), fällt ihm nicht auf. Ein schönes Beispiel mithin, was Veltins Pilsener und die Bertelsmann-Stiftung aus Menschen machen können.

Auch gehörte es früher für einen Echten KerlTM zum guten Ton, ja geradezu als Ausweis Echtenkerlseins, sich überall zu benehmen wie ein schwanzgesteuerter Dorfstecher. Also auch jenseits von Baustellen immerzu auf seiner sexuellen Leistungsfähigkeit und seiner hundertprozentigen Heterosexualität herumzureiten. So galt einst, wer beim Anblick einer vorbeigehenden, gängigen Schönheitsidealen einigermaßen entsprechenden Frau nicht sofortige Paarungsbereitschaft demonstrierte, indem er sagte: "Boah ey, mit der würd' ich aber auch mal gerne, du...", oder: "Boah, die Alte würd' ich aber, ich sachet dir...", als schwul und wurde fortan gemobbt. (Umgekehrt galt es, beim Anblick einer vorbeigehenden, gängigen Schönheitsidealen eher nicht so entsprechenden Frau sofort zu sagen: "Boah, die Vogelscheuche könntste mir nackt aufn Bauch binden, ey!", wollte man nicht schief angesehen werden.) 

Weiß Gott schützenswerte Kulturgüter! Herr Lindner kann nichts dafür, er ist vielleicht so aufgewachsen. Seither hat er aber offenbar vor lauter Politikmachen nicht so viel mitbekommen. Etwa dass Alphatiere heute eher ein Hauch von Askese umweht (Magic Morning, Yoga, Smoothies, Achtsamkeit) denn von Krachenlassen. Dafür kann er was. Und jetzt kommt diese Jugend und behauptet Seit' an Seit' mit einer Horde vermutlich hochgradig untervögelter akademischer Gewitterziegen und linksgrüner Journalistinnen kackfrech, so ginge das aber nicht. Unerhört! 
 
"History does not repeat itself but it rhymes." (Mark Twain)

Altsein hat ja nicht nur Nachteile wie andauernde Arztbesuche oder beim Manne mählich erlahmende Lendenkraft. Man hat auch die Chance, gelassener zu werden. Einen Schritt zurück zu treten. Das größere Bild zu sehen. Die in den Siebzigern fest überzeugt waren, die BRD (west) sei eine faschistische Diktatur, sind vielleicht heute die, die glauben, Corona sei im Labor gezüchtet worden, um eine faschistische Gesundheitsdiktatur zu errichten. Früher galt einigen der irgendwann verpflichtend im Auto anzulegende Sicherheitsgurt als Fessel, die ein drakonisches Regime seinen Bürgern anlegt, heute gibt es welche, die halten einen gelegentlich anzulegenden Mund-Nasenschutz für einen Maulkorb und einen Knebel. Und schon damals führten sie die bedrohte Freiheit im Munde. 
 
Und, was ist aus ihnen geworden? Eine allseits belächelte Randnotiz.





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