Was bleibt vom Viertelfinale? Vor allem, dass im Weltfußball die üblichen Verdächtigen auch diesmal die Sache unter sich ausmachen. Dass die FIFA sich zur allgemeinen Überraschung aller nicht von dem Verdacht befreien konnte, ein korrupter Laden zu sein. Dass Gianni Infantino der erste FIFA-Supremo ist, bei dem man den Eindruck nicht los wird, dass ihm Fußball eigentlich völlig am Arsch vorbei geht und er genausogut auch Chef von irgendwas anderem Gewinnbringendem sein könnte. Immerhin: Wenn seine Murmel auf einem Stadionbildschirm auftaucht, wird gebuht und gepfiffen. Es gibt also noch so was wie Fankultur.
Was ferner auffällt, ist die immer weiter ausufernde Politisierung des Turniers. Die Kungelei zwischen Trump und Infantino in der Causa Balogun ist da nur ein Aspekt. Dass der ägyptische Trainer Hossam Hassan immer wieder Palästina ins Spiel brachte und den Schiedsrichter Letexier, der zwei umstrittene Entscheidungen im Achtelfinale gegen die Ägypter fällte, deswegen als "Zionist" bezeichnete (wie wunderbar einfach muss das Leben sein, wenn man immer weiß, wer schuld ist), ein weiterer. Man sollte sich allerdings nichts vormachen, dass das der Anfang war. 2012 demonstrierten bei der EM spanische Spieler auf dem Feld für Gibraltar als Teil Spaniens und wurden von der UEFA gesperrt. Auch die Regenbogen-Armbinde und die Handvormmund-Geste der DFB-Elf (für die man inzwischen übrigens Gelb sehen würde) sollte man, mochte beides auch aus edlen Motiven geschehen sein, nicht vergessen.
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Für das erste Halbfinale hatte ich einen Schlagabtausch der beiden bisher besten Teams auf höchstem Niveau voller Tempo und Finessen erwartet. Es kam anders. Der 2 : 0-Sieg der spanischen Mannschaft gegen die französische war das, was man eine souveräne Vorstellung nennt. Keine Klatsche, kein triumphaler Sturmlauf, einfach Dominanz von vorn bis hinten. Keine furia, sondern eine Kommandozentrale bei der Arbeit, eine Machtdemonstration. Eine Truppe, in der ein Mbappé, ein Dembelé und andere Topkräfte kicken und die im bisherigen Turnierverlauf eine souveräne Leistung gezeigt hat, derart abzumelden, am ausgestreckten Arm verhungern zu lassen und ihr alle Kraft abzusaugen, muss man erst mal hinbekommen. Wer ragt da heraus? Olmo? Cucurella? Porro? Auch nicht Oryazabal, der macht nur den letzten Laufweg vor dem Tor. Wie schon 2008 bis 2012 ist das spanische Team 2026 ein perfekt eingespieltes Kollektiv, das mit seinen Gegnern eine Art Tai Chi veranstaltet. Dessen Energie aufnimmt und gegen sie richtet.
Spanier nutzen Umstand, dass Franzosen an ihrem Nationalfeiertag nicht arbeiten, eiskalt aus www.der-postillon.com/2026/07/fran...
— Der Postillon 📯 (@der-postillon.com) 15. Juli 2026 um 12:08
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Das Kontrastprogramm lieferten die Argentinier im zweiten Halbfinale. Leidenschaft, Härte bis an die Grenze des Erlaubten und: Lionel Messi. Dem es, anders als Harry Kane, einmal mehr gelang, dem Spiel, vor allem gegen Ende, entscheidende Impulse zu geben und ein weiteres Spiel nach Rückstand zu drehen. Wie es aber einem ausgemachten Fußballexperten wie Thomas Tuchel einfallen konnte, beim Stand von 1 : 0 gegen eine Mannschaft mit solchen Stehaufqualitäten wie die argentinische noch Defensivkräfte einzuwechseln und auf eine Fünferkette plus hängende Sechs umzustellen, sodass das englische Team noch weiter hinten eingeschnürt wurde, wird indes sein Geheimnis bleiben.
Obwohl ich mir eigentlich die Engländer im Finale gewünscht hätte, könnte das Duell zwischen den Spaniern und den Argentiniern am Sonntag ein echter Clash of the Giants werden: Spanische Kontrollettis contra argentinische Willensmonster. Die Welt hat gelernt: Gegen diese Mannschaft hilft dir auch eine 2 : 0-Führung nicht weiter.
Mit einer gewissen Erleichterung darf man indes zur Kenntnis nehmen, dass es bei beiden argentinischen Toren keine Diskussion gab und, anders als nach dem Spiel gegen die Paraguayer, in dem man von sehr großzügiger Regelauslegung des Schiedsrichters profitiert hatte, eventuelle Spekulationen über eventuelles Gefinkel im Hintergrund gar nicht erst aufkamen. Wie die FIFA allerdings darauf reagieren wird, dass mehrere argentinische Spieler nach dem Schlusspfiff ein politisches Transparent hochhielten und den Falklandkrieg noch einmal gewinnen wollten, bleibt abzuwarten. Nach den FIFA-Statuten ist so was verboten und kann mit Sperren geahndet werden.
(Kleiner Reminder: Den Falklandkrieg hat maßgeblich die argentinische Militärjunta zu verantworten, unter deren Regime ca. 30.000 Menschen ermordet wurden und die die Heim-WM 1978 günstig zu steuern wusste.)
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Was das Finale bringen wird, außer einem hoffentlich spannenden Spiel? Auf jeden Fall eine gigantomane Halbzeitshow a'la Super Bowl mit Madonna, Shakira und BTS, die inklusive Auf- und Abbau wohl eine halbe Stunde dauern wird. Dass eine Halbzeitpause nicht mehr eine Viertelstunde dauert, ist nach der weitgehend überflüssigen Trinkpause der nächste Eingriff in die Dynamik von Fußballspielen.
"Die körperliche Abnutzung gehört zum Wesen des Spiels. Die neuen Unterbrechungen haben den Verlauf von etwa 75 Prozent der Partien verändert. Spielverläufe, die eine Mannschaft unter Kontrolle hatte, wurden sogar komplett gedreht." (Jorge Valdano)
Ich glaube ja, die Trinkpause oder Hydration break, wie wir Experten sagen, wurde nicht nur wegen mehr Werbung eingeführt, sondern als Zugeständnis an den US-amerikanischen Zeitgeist. Angeblich sind Amis besessen von dem Gedanken, den sofortigen Tod durch Dehydrierung zu sterben, wenn sie nicht alle paar Minuten was trinken und haben deswegen immer und überall immer gewaltigere Nuckelpullen im Anschlag.
Why don't the Americans invent some kind of new sport that has four quarters, lengthy half-time breaks with star-studded shows and award rings to the winners of the competition, instead of ruining the beautiful game.
— Danny Wright (@dannyw_92) July 17, 2026
They could call it something like 'American Football' https://t.co/Rip9hIGYDW
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Und noch eine Premiere wird es heuer geben: Zum ersten Mal seit 44 Jahren wird in einem WM-Endspiel kein einziger Spieler des FC Bayern München auf dem Platz stehen. Der Stern des Südens: erloschen.
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