Sonntag, 14. Juni 2026

Nächste Stufe

 
Normalerweise mag man eine gewisse Genugtuung empfinden, wenn eine Prognose, die man aufgestellt hat, sich bewahrheitet. Im Fall des amtierenden Bundeskanzlers, der sich alle Mühe gibt, sämtlichen Vorhersagen, die ich und etliche andere vor Regierungsantritt getan haben, eins zu eins umzusetzen. Merz hat mehr als einmal gezeigt, dass er tatsächlich über keinerlei Impulskontrolle verfügt, das diplomatische Geschick einer Schlagbohrmaschine hat, und ist, zumindest in der Öffentlichkeit, zu Empathie nicht fähig. Neu hinzugekommen ist, wiewohl wenig überraschend, dass er sich als dünnhäutig und selbstmitleidig erweist und in coram publico beweint, wie gemein doch alle zu ihm seien.

Donnerstag, 11. Juni 2026

Weh-Em (1) - Versuch einer Vorfreude


"Someone told me once that the best World Cup you ever saw was the one you watched when you were 11 years old. Give or take a year or two either side, of course. The appreciation sweet spot is right at the beginning of adolescence, when you're old enough to appreciate the magic of it, but young enough not to understand cynicism." (Paul Howard)

Nachdem die argentinische Mannschaft 2022 das Finale gewonnen hatte, bekam Mannschaftskapitän Messi vom zuständigen Emir übergriffigerweise eine Bisht umgehängt, ein traditionelles halbtransparentes Übergewand. (Man stelle sich vor, der damalige Bundespräsident Rau hätte 2006 dem italienischen Kapitän Cannavaro einen Seppelhut auf die Nuss gesetzt.) Jetzt fragt sich: Was wird Trump mit dem Kapitän der Sieger tun? Zu große Schuhe schenken? Einen Liberace-mäßigen Hermelinmantel umhängen? Den West Wing des Weißen Hauses abreißen und eine Hall Of Fame bauen? Havanna bombardieren?

Sonntag, 7. Juni 2026

Windmühlen, Bratkartoffeln, Blagen


"In Deutschland gilt ein Rechtsdrall als vernünftig und erwachsen, linke Alternativen sind dagegen immer utopische Spinnereien. Wenn von harten Reformen die Rede ist, verbergen sich dahinter Kürzungen von Sozialleistungen, aber sicher nicht das von Thomas Piketty empfohlene Erbe für alle, das Ende des Dienstwagenprivilegs oder gar ein konsequenter Entzug aus unserer fossilen Abhängigkeit." (Nils Minkmar)


Will man, sagen wir, einen Ausflug unternehmen ins liebliche Waldecker Land, zum Beispiel um das schöne Warburg zu besuchen, das nicht zu unrecht als Rothenburg Westfalens bezeichnet wird, benutzt man, so man nicht öffentlichen Verkehr frequentieren mag, von hier aus am besten die A 44. Und da fährt man dann, vor allem in den Ebenen hinter Paderborn, zeitweise durch wahre Wälder an Windkraftanlagen. Glaubt man Frau Weidel von der 'A'fD, handelt es sich dabei um "Windmühlen der Schande", die alle "niedergerissen" gehören.

Donnerstag, 4. Juni 2026

Vermischtes und Zeugs (CLI)


Ein Problem der FDP ist ihr Alleinvertretungsanspruch. Andauernd wird herumgeheult, ohne sie, die FDP, sei der stolze Liberalismus am Ende, tot und begraben auf ewig. Das ist aber Humbug. Ein Blick über den Tellerrand hilft. In vielen europäischen Ländern regieren liberale Parteien (mit). In den Niederlanden gibt es gleich drei liberale Parteien: Die progressiv-linksliberalen Demokraten 66, die konservativ-liberale VVD und die rechtsliberale PVV. Nachdem die traditionelle liberale Partei in Österreich nach ganz rechts abgerutscht ist, gelang es dort, mit NEOS eine neue liberale Partei zu etablieren, die sogar grüne Positionen (!) vertritt und derart problemlos mit SPÖ und ÖVP regiert, dass vom verhinderten 'Volkskanzler' Kickl kaum mehr was zu hören ist. Also, werte deutsche Liberale, wie wäre es mal mit ein wenig Start up-Kultur?

Sonntag, 31. Mai 2026

Hoffentlich ein Nachruf


Wir leben bekanntlich in Zeiten exzessiver Selbstoptimierung. Wenn da einer keinen Sport macht, nicht mehrmals die Woche im Gym ist oder laufen geht, sich dem sozialen Druck verweigert, beim alljährlichen Firmenlauf mitzuhecheln, kein Yoga macht, offen und ehrlich dazu steht, sich gern gepflegt einen zu zwitschern und einen Schiss gibt auf das, was gemeinhin als gesunde Ernährung durchgeht (von absurden Social Media-Trends wie Looks- Protein- oder was auch immer -maxxing gar nicht erst zu reden), müsste einem das in diesen Zeiten doch eigentlich sympathisch sein.

Donnerstag, 28. Mai 2026

Zucker steuern?


"Die Tatsache, dass wir moralisch sind und uns besser fühlen als die »tumben Fettsäcke«, gibt uns das Gefühl, gute Menschen zu sein. So brauche ich den Lustgewinn nicht mehr, den mir eine Bratwurst bereitet. Weil wir den moralistischen Verzicht aber letztlich doch nicht als Glück erfahren können, wird daraus etwas anderes, nämlich Wut auf diejenigen, die sich nicht so kasteien wie wir, die sich hochverarbeitet ernähren, auf primitive Weise glücklich sind und die dann als »Assis« mit Fremdscham bedacht werden." (Florian Schroeder)

Letztens hatte der Discounter des Vertrauens Bio-Tomatensauce im Glas im Angebot. So was habe ich immer gern in Reserve, also nahm ich ein Gebinde mit. Sicher ist es kein großer Akt, immer ein paar Dosen ordentliche Tomaten vorrätig zu haben und daraus fix ein Sößchen runterzukochen, doch gibt es so Tage, an denen man auch darauf wenig Lust hat. Beim Verzehr dann hatte ich das Gefühl, es weniger mit einer Tomatensauce, sondern mit einer Marmelade zu tun zu haben. Ein Blick aufs Etikett verriet, dass das Gebräu nicht weniger als 20 Gramm Zucker auf 100 Milliliter enthielt. 

Dienstag, 26. Mai 2026

Vermischtes und Zeugs (CL)


Würde hier noch der 'Ronny des Monats' vergeben, dann ginge er an Torsten Albig (SPD), einst Ministerpräsident von Schleswig-Holstein und nunmehr als Cheflobbyist für den Tabakkonzern Philip Morris unterwegs. Albig meinte, eine Partei wie die 'A'fD, die 30 Prozent erreiche, dürfe man nicht so behandeln, als sei sie die Ausgeburt der Hölle, sondern man müsse halt irgendwann mit ihr zusammen arbeiten. Schon klar: Wenn nur genug Leute für irgendeinen Quatsch sind, dann isses in Ordnung. Abgesehen davon, dass das das allererbärmlichste Argument aller wirbellosen Mitläufer ist, die hinterher dann sagen werden, man habe das ja alles gar nicht ahnen können, hat das natürlich schon eine Logik.

Sonntag, 24. Mai 2026

Jenseits der Blogroll - 05/2026


Dann betätige ich mich mal als Hellseher. Nachdem der Walkadaver nunmehr vermodernd in der Gegend rumliegt und kaum mehr jemanden interessiert, werden wir in den nächsten Wochen zuverlässig mit Berichterstattung behelligt werden zu der anstehenden Fußball-WM, die unter anderem in Trumpland stattfinden wird, und den unerklärlicherweise unaufhaltsamen Aufstieg der 'A'fD. Der ist übrigens keineswegs unaufhaltsam, wie ein Blick nach Schleswig-Holstein zeigt. Daniel Günther macht vor, wie man die Dixiklo-Partei kleinhält: Professionelle, geräuschlose Regierungsarbeit ohne sich dauernd zu fetzen wie die Kesselflicker, raus zu den Menschen gehen, ihnen wirklich zuhören. Alles keine Raketenwissenschaft.

Mittwoch, 20. Mai 2026

Neuerdings Nationaltorwart


Direkte Parallelen zu ziehen zwischen Sport und der Verfasstheit eines Landes ist in der Regel Kokolores. Weil Spitzensport oft lediglich ein Indikator dafür ist, wie viel Geld und Ressourcen ein Gemeinwesen, ein Regime oder eine sonstige Vereinigung bereit ist, dafür aufzuwenden. Das gilt auch für andere Bereiche. Deutschlands Donnerhallruf in Sachen Auto etwa hat nichts damit zu tun, dass Autodinge dem Deutschen irgendwie im Blut lägen, wie völkische Tröten immer noch bzw. wieder verbreiten, sondern ist vor allem ein Produkt der NS-Zeit. Die Naziführung hatte ein Faible für Sport und moderne Technik, wusste um die Massenwirkung und steckte auf Pump Riesensummen in Autowerke und Straßenbau.

Samstag, 16. Mai 2026

Vermischtes und Zeugs (CXLIX)


Familie Trump hat zirka 60 Mille eingenommen, indem sie 600.000 MAGA-Ultras jeweils 100 Dollar aus der Tasche geleiert haben als Anzahlung für ein güldenes patriotisches Trump-Smartphone, das vielleicht irgendwann mal geliefert werden wird. Oder auch nicht. Zentrales Verkaufsargument: 100 Prozent Made in USA. Wird aber wohl, wenn es denn mal produziert werden sollte, in China gebaut werden. Geld zurück wird auch schwierig. Die Kaufverträge sind nämlich so ausgearbeitet, dass es mit unverhältnismäßigem Aufwand verbunden wäre, das Geld einzuklagen. Wie heißt es so schön? A fool and his money are soon parted.

Donnerstag, 14. Mai 2026

Total normal - Deepdive


Wie gesagt, habe ich mir Høckes Viereinhalbstunden-Monolog nicht angetan, da ich, wie ich fand, wichtigeres mit meiner zunehmend wertvolleren Lebenszeit anzufangen hatte. Aber der Herr Schröder hat das mal übernommen und genau hingehört, was für eine bräunliche Brühe da verschwurbelt wurde:

Sonntag, 10. Mai 2026

Total normal


"Eines Tages wirst du morgens aufwachen und alles wird sein wie früher. Und es wird dir überhaupt nicht gefallen." (Raymond Chandler)

Um Missverständnisse zu vermeiden und auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Gäbe es in Deutschland eine größere Partei, die rechts von CDU/CSU stünde, ansonsten aber auf dem Boden der Verfassung, und die es unter anderem absolut nicht duldete, dass sich in ihr um um sie herum Faschisten und Neonazis tummeln, dann wäre das zwar immer noch eine Partei, die konträr zu fast allem stünde, wofür ich politisch stehe, aber ich müsste sie, auch wenn’s schwerfiele, als Demokrat als Teil des politischen Spektrums akzeptieren. Allein: Die 'A'fD ist so eine Partei nicht.

Dienstag, 5. Mai 2026

Vermischtes und Zeugs (CXLVIII)


Weil ich vor Jahrzehnten mal Lehrer werden wollte, ist damals pflichtgemäß auch ein zwanzigprozentiges Pädagogikstudium -- offiziell ESL (Erziehungswissenschaftliches Studium Lehramt) genannt -- an mir vorbeigerauscht. Nur weniges ist bis heute haften geblieben. Darunter die Aussage eines damals kurz vor der Emeritierung stehenden Profs, der seit den wilden 68ern vieles erlebt, alles Mögliche kommen und gehen gesehen hat. Der meinte zu uns: "Es gibt keine pädagogischen Patentrezepte, denn Menschen kommen zwar gleich zur Welt, sind aber verschieden, das müssen Sie aushalten. Und noch etwas: Sie können tausend Konzepte, Methoden und Modelle im Kopf haben, das mächtigste von allen war, ist und bleibt vorleben."

Samstag, 2. Mai 2026

Scheck, lass nach!


Als ich zu Beginn der Neunziger das Studieren begann, tat der Ordinarius für Literaturwissenschaft das, was alle seiner Zunft bei Erstys machen: Ein Einführungsbuch ins wissenschaftliche Arbeiten empfehlen nämlich. In dem von ihm Empfohlenen befand sich eine Passage, in der es sinngemäß hieß, man solle nicht verzweifeln, wenn eine Lehrperson einem die mühevoll verfasst Seminararbeit gnadenlos zerpflücke. Wer mit etwas an die Öffentlichkeit ginge, und auch so eine Prosemiararbeit sei ja ein wissenschaftliches Paper, müsse unter Umständen damit rechnen, dass die Späne flögen. Im Gegenteil sei es im Massenbetrieb Universität geradezu ein Kompliment, wen ein:e Professor:in oder Dozent:in sich die Zeit nähme, eine Arbeit detailliert auseinanderzufieseln.

Dienstag, 28. April 2026

Vermischtes und Zeugs (CXLVII)


Es erfüllt einen durchaus mit einer gewissen Genugtuung, wenn Entwicklungen exakt auf die zurückschlagen, die sie losgetreten oder befeuert haben. Kein US-Präsident hat in ähnlicher Weise von Verschwörungserzählungen profitiert wie Trump, jetzt fliegt ihm das um die Ohren, weil inzwischen bereits das zweite Attentat auf ihn binnen eineinhalb Jahren als inszeniert bzw. False flag-Aktion diskutiert wird. Auch hat kein US-Präsident der jüngeren Geschichte zum gewaltsamen Kampf gegen einen unliebsamen Amtsinhaber aufgerufen. Man muss nicht in hämisches "So was kommt von so was" verfallen, aber: Ist es wirklich ein Wunder, wenn so was irgendwann mal nach hinten losgeht in einem Land, in dem jeder Hans und Franz an der Tanke eine Knarre kaufen kann?

Freitag, 24. April 2026

Jenseits der Blogroll - 04/2026

 
Um die ganze Uninspiriertheit und Bigotterie derzeitiger Bundespolitik zu ermessen, braucht man sich eigentlich nur die Farce mit dem 'Tankrabatt' anzuschauen. 'Tankrabatt' bedeutet, der Staat verzichtet eine Zeitlang auf Steuereinnahmen -- die natürlich irgendwo anders fehlen werden, raten Sie mal, wo --, in der Hoffnung, ein Oligopol aus Mineralölkonzernen, das sich gerade goldene Nasen verdient, würde das anständigerweise schon an die Endkund:innen an den Zapfsäulen weitergeben. Und wenn nicht? Jo. Pfff. Dumm gelaufen jetzt. Machste nix. Aber jeder Euro zu viel, den irgendwo jemand vom Jobcenter kassiert, ist ein nicht hinnehmbarer Skandal, der die bourgeoise Weltordnung aus der Balance bringt.

Dienstag, 21. April 2026

Uh-oh...


Mein Ergebnis beim Wal-O-Mat (einen gewissen Hang zur Ungeduld zu haben, kann ich in der Tat nicht leugnen):

Sonntag, 19. April 2026

Timmy for Wappentier!


"Was man an sich selbst und dem Mitmenschen vermisst -- Treue, Stärke, Selbstbewusstsein, Erlebnishunger, emotionale Intensität --, wird dem Tier eingeschrieben und aufgedrängt. [...] Bei viel zu vielen Facebook-Nutzern und Twitterern gibt es eine sichere Korrelation zwischen der Anzahl verkitschter Tierbilder, die sie posten, und plötzlich herausbrechenden Gewaltfantasien gegen Ausländer, Frauen, Juden oder Schwule. Hämische Tränenlach-Smileys sind die Reste emotionaler Interaktion, die diesem Sozialcharakter verblieben ist." (Leo Fischer)

Wenn Tierliebe obsessiv wird, ist Vorsicht geboten. Die NS-Ideologie zum Beispiel legte großen Wert auf Tierschutz. So wurde SS-Männern als arischen Mustermannsbildern beigebracht, jegliche Tierquälerei, derer sie gewahr wurden, zu unterbinden. Mit als rassisch minderwertig angesehenen Menschen war man bekanntlich weit weniger sensibel. Damit ist natürlich nicht gesagt, dass es ein prinzipielles Problem gibt mit Tierschutz oder dass alle Tierschützer:innen Nazis sind, aber wenn Tierliebe mit Menschenhass als Kehrseite einhergeht, kann es sehr schnell anrüchig werden und schützt im Zweifel vor gar nichts. Erst recht gaga wird es, wenn Tiere vermenschlicht werden und Tierliebe selektiv wird. 

Mittwoch, 15. April 2026

Vermischtes und Zeugs (CXLVI)


Der Benzinpreis ist momentan keineswegs brutal hoch, sondern immer noch ziemlich im Rahmen. Derzeit muss ein durchschnittlicher Facharbeiter im produzierenden Gewerbe gut fünf Minuten schaffen für einen Liter, 1970 waren es: knapp fünf. Ich selbst kann mich gut an Zeiten in den Nullern erinnern, da es noch keinen Mindestlohn gab und Hans-Werner Sinn in jeder zweiten Talkshow verkündete, die Löhne seien immer noch zu hoch, und für einen Liter bleifreies Super zeitweise 1,70 Euro fällig waren.

Montag, 13. April 2026

Hoffnung, nicht Euphorie


Viktor Orbán wurde nach 16 Jahren mit einer Zweidrittelmehrheit abgewählt, und das ist nichts weniger als ein Grund zur Erleichterung. Ein Hoffnungsschimmer vielleicht, dass die Welle des Rechtsnationalismus beginnt, ihren Zenit zu erreichen. Aber auch nicht mehr. Zucker fürs Gemüt, dass der globalen Rechten ihr größtes Vorbild abhanden gekommen ist. Vor allem aber verlieren Putin und Trump ihren wichtigsten europäischen Verbündeten und ihr U-Boot in Brüssel. Mit der EU-Obstruktionspolitik wird es wohl auch vorbei sein. Was in der Ukraine mit Erleichterung zur Kenntnis genommen werden wird, denn die ist ein eindeutiger Gewinner dieser Wahl.