Mittwoch, 28. November 2018

Um der Menschlichkeit willen


Warum es lohnt, David Chazelles großartigen Film 'Aufbruch zum Mond' anzusehen

"Dass ich so was noch erleben darf!", war mein erster Gedanke, als der Film ausblendete und der Abspann einsetzte. Ich hatte mich zwei Stunden und zwanzig Minuten keine Minute gelangweilt, obwohl es die Nachmittagsvorstellung und ich müde von der Arbeit war. Ich war ehrlich berührt. Musste das erst mal verdauen. Was erwartet man, wenn man einen amerikanischen Film anschaut über Neil Armstrong und die erste Mondlandung 1969? Es gruselt einen bei dem Gedanken, was etwa ein Michael Bay aus diesem Sujet gemacht hätte. Ein nur mit viel Bier erträgliches, auf bloße Überwältigung angelegtes, nationalistisches Special Effects-, Propaganda- und Schnulzenspektakel wahrscheinlich. David Chazelle dagegen hat in 'Aufbruch zum Mond' fast alles anders gemacht und damit ein Meisterwerk abgeliefert.

Montag, 26. November 2018

Wir müssen reden - nicht!


Gibt immer wieder mal so Debatten, die ich nicht verstehe. Bzw. ich begreife nicht, wieso es sich überhaupt um Debatten handelt. Etwa die so heiß diskutierte Frage, ob man denn nun mit Rechten reden müsse oder nicht. Vasteh ick nich. Warum? Ich muss mit niemandem reden. Wie ich auch sonst nichts wirklich muss, außer irgendwann sterben. Ein Wildfremder, der mir in der Öffentlichkeit ein Gespräch über, sagen wir, Reichsflugscheiben aufzwingen will und meine Aufmerksamkeit zu erpressen trachtet mit dem Nichtargument, ich hätte sein wirres Gefasel gefälligst zu erdulden, da wir ja Meinungsfreiheit hätten, müsste je nach Tagesform mit kompletter Ignoranz oder einer deutlichen Abfuhr meinerseits rechnen.

Samstag, 24. November 2018

Jenseits der Blogroll - 11/2018


Die letzte Woche des Monats bricht an. Zeit für die monatliche Linksammlung.

Politik. Sind Sie auch so erleichert, dass Horst Seehofer sich nicht mehr jeden Tag zu Wort meldet? Puh, den sind wir erst mal los. Leicht verwirrter Opa mit Sprechdurchfall, wirkte immer ein wenig wie der peinliche Onkel, damals auf den Familienfeiern. Erzählte immer die gleichen abgestandenen Zoten. Keiner mochte ihn wirklich, aber niemand traute sich, ihn nicht einzuladen. Hätte auch nix genützt, er wäre trotzdem aufgekreuzt. Doch Obacht, meint Onkel Maike, auch schlechte Politiker haben eindeutig ihre Vorzüge.

Mittwoch, 21. November 2018

Deppen, Medien, Metaebene


"Auch vor dem Internet gab es in jedem Dorf einen Deppen, manchmal auch zwei. Durch das Internet können sich nun die Dorfdeppen untereinander austauschen und organisieren." (Jörg Kachelmann)

Wir lebten in einer Zeit zunehmender Wissenschaftsfeindlichkeit, so ist da und dort zu hören. Man kann da die Frage stellen, ob das in Zeiten der herrschenden Kommunikationsmöglichkeiten nicht auch ein Wahrnehmungsproblem sein könnte. Analog zum o.g. Zitat könnte man sagen: Leute, die Wissenschaft doof finden, hat es früher auch gegeben, aber dank Internet können sich heute alle Wissenschaftsdooffinder dieser Welt vernetzen. Definitiv ein Problem scheint es aber zu geben mit der medialen Aufarbeitung wissenschaftlicher bzw. vermeintlich wissenschaftlicher Erkenntnisse ("Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass..."). Die hat inzwischen Formen von Sensationsjournalismus angenommen, sodass es nicht mehr um Aufklärung geht, sondern offenbar nur noch darum, möglichst viele Säue möglichst klickzahlenträchtig durchs Dorf zu treiben.

Samstag, 17. November 2018

Mittelschicht und Mittelmaß


"Faustregel: Wer mehr als ein Flugzeug besitzt, ist wahrscheinlich nicht Mittelschicht." (Oliver Welke)


Will eigentlich noch irgendjemand Oberschicht sein? Oder sich dazu bekennen, Unterschicht zu sein? Ist übrigens gar nicht so abwegig. Es gab nämlich Zeiten, da war Proletariat schick, da wollte man dazugehören, wenn die Revolution um die Ecke kam. In den Siebzigern auch die Studenten aus gediegenem Hause, die von Mutti immer den Bundeswehrparka gewaschen kriegten, weil sie selbst nicht dazu kamen vor lauter Revolutionmachen (daraus sind später die Grünen entstanden). In den Achtzigern dann konnte es für viele gar nicht Oberschicht genug sein. Die Bürgerkinder begehrten, reiche Säcke zu werden. Kamen mit Aktenköfferchen zur Schule, wählten Wirtschaft-LK, drohten mit Papis Anwalt, gingen BWL studieren und träumten von einem Job als Broker, um alsbald herumzulaufen wie Gordon Gekko.

Donnerstag, 15. November 2018

Sabbaticals sind scheiße


Ha, Aufmerksamkeit generiert! Hab ich Sie drangekriegt. Vielleicht sollte man es differenzierter ausdrücken und sagen: Längere berufliche Auszeiten, allgemein als Sabbaticals bekannt, werden in der Regel maßlos überschätzt und je penetranter sie propagiert werden als Wundermittel gegen ausbeutungsbedingte Abgespanntheit und andere Gebresten, desto verdächtiger wird es.

Da wäre zunächst einmal das Problem, dass man sich so ein Sabbatical überhaupt erst leisten können muss. Will man während einer Auszeit nicht jeden Cent umdrehen, sollte man was gespart haben. Oder man muss, wie bei den bisher üblichen Modellen, einige Jahre auf einen Teil des Gehalts verzichten, um so eine Art Guthaben für das freie Jahr zusammen zu haben. Um auf einen Teil verzichten zu können, muss man allerdings erst einmal genug verdienen. Damit wären diejenigen, die vielleicht am dringendsten eine längere Pause bräuchten, nämlich die, die in krank machenden, mies bezahlten Drecksjobs ohne jegliche Aus-, geschweige denn Aufstiegschance festsitzen, von vornherein ausgeschlossen.

Sonntag, 11. November 2018

Sensation! Weltexklusiv! Irre!


Wir werden investigativ. Aber hallo! Exklusiv aus Uli Höneß' Mantel (der in die Reinigung musste): Der Zettel mit der Einkaufsliste des FC Bayern München für das nächste Transferfenster:

Samstag, 10. November 2018

Ronny des Monats - November 2018


Ist ja wieder so einiges Unerwartete passiert seit letzten Monat. So fand ich es sehr überraschend, herauszufinden, dass AfD-Politiker doch ein Herz haben. Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter der AfD-Fraktion im Düsseldorfer Landtag ist nämlich mit Herzproblemen kollabiert. Das beste: Ausgerechnet ein SPD-Kollege mit türkischem Migrationshintergrund hat ihm erste Hilfe geleistet und ihm damit wohl nicht nur den Arsch gerettet. Hat Hollywood schon ein Angebot für die Filmrechte abgegeben? Oder dass ausgerechnet (Achtung, Weltbild-Einsturzgefahr!) die mutigsten Streiter für die Wahrheit in puncto Fake News selber keine Unschuldslämmer sind. Traurig, wenngleich weniger überraschend fand ich, dass es in Sachsen offenbar kaum mehr möglich ist, sich an dortigen Schulen gegen Rechtsextremismus zu engagieren, weil es auch in den Kollegien inzwischen reichlich bräunlich müffelt.

Freitag, 9. November 2018

Vor 80 Jahren


"Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen." (Primo Levi)

Gedenken am Mahnmal der hiesigen Synagoge zum 80. Jahrestag. (Wegen des heutigen Sabbatabends  schon gestern.) Präsenz zeigen. Etwas mehr los als letztes Jahr. Polizei war heuer auch anwesend, wenngleich dezent und glücklicherweise war Kampfmontur nicht nötig. Die Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit hielt eine kurze Ansprache und zitierte Primo Levi. Der Bürgermeister, obwohl politisch nicht mein Lager, hielt wie jedes Jahr eine kurze Ansprache, an der es nichts zu meckern gab. Kein Gendenkpathos, durchaus klare Worte gegen rechts. Aufrechter Demokrat, kein Zweifel. Letztes Jahr hatte der Kantor der Jüdischen Gemeinde das El male Rahamim noch hier am Ort der zerstörten Synagoge unter freiem Himmel rezitiert. Dieses Jahr nicht. Schade.

Dienstag, 6. November 2018

Der Weiter-so-Mann


Der Journalistik-Dozent Scott Maier sagte einst, Menschen würden JournalistInnen, weil sie gerne Geschichten erzählten und Mathe hassten. Das liefert immerhin eine schöne Erklärung dafür, wieso Teilen der Qualitätspresse angesichts des unverhofften Wiederauftauchens des einst weggemerkelten neoliberalen Messias Friedrich Merz der Sabber der Vorfreude aus allen Knopflöchern quillt. Merz ist einer breiten Öffentlichkeit nämlich vor allem durch die Forderung erinnerlich, eine Steuererklärung müsse auf einen Bierdeckel passen. Ich fand es schon als Schüler, als ich gelegentlich mit Spickzetteln arbeitete, immer bloß die entscheidende Frage, wie klein man zu schreiben imstande ist.